Michael Beutler arbeitet mit Papier, temporär. Jetzt wird der Künstler mit dem Nam June Paik Award der Kunststiftung NRW ausgezeichnet. Im Kunstmuseum Gelsenkirchen kann man seinem Papierzauber nachspüren.
Ein Haus im Haus wird Michael Beutler in der Villa des Kunstmuseums Gelsenkirchen bauen. Ein Haus aus Papier, selbst geschöpft in der eigenen Werkstatt. »Tapetenwechsel« heißt die Installation, für die der Künstler den Nam June Paik Award der Düsseldorfer Kunststiftung NRW erhält. »Es ist toll, dass man für das Ausstellungskonzept den Preis gewinnt und dass der Ort schon Teil der Ausschreibung ist«, freut sich Michael Beutler über die Gelegenheit, die zum Museum gehörende Villa in eine Gesamtinstallation zu verwandeln. »Das Konzept entspricht meiner Arbeit so gut – ich nenne das ›situationsspezifisches Arbeiten‹, weil die Menschen und der Kontext immer auch Einflüsse auf die Arbeit haben.«
Michael Beutler wird alte Ausstellungskataloge und aussortierte Bücher aus dem Museumsbestand einweichen, zu Pulpe verarbeiten und in langen Bahnen neu zu Papier schöpfen. Dieses Altpapier wird anschließend zu Baumaterial für Tapeten, Wände und Räume innerhalb der Räume. Die Industriellenvilla aus dem späten 19. Jahrhundert verwandelt sich dabei in eine mehrstöckige Werkstatt und zugleich eine begehbare Skulptur.
Die drei Etagen übernehmen klar definierte Rollen: Im Erdgeschoss befindet sich die eigentliche Papiermühle mit Schöpfvorrichtung und Presse. Ganz oben unter dem Dach entsteht eine Trockenkammer, in der die geschöpften Papierbahnen aufgehängt werden. In der mittleren Etage werden aus diesen Bahnen – auf Gestelle aufgezogen – neue Räume gebaut. Obwohl der Produktionsprozess bereits vor der am 26. April beginnenden Ausstellung stattfindet, bleiben die Maschinen, Werkzeuge und Produktionsabläufe sichtbar – die Apparatur selbst ist Teil der künstlerischen Präsentation.

Der 50-jährige Beutler lässt sich immer von der Ausstellungsumgebung inspirieren. Im Fall des Ruhrgebietes liegt der Bezug zur industriellen Geschichte nahe, aber auch das Verschwinden: »Die Papierwerke in Deutschland sterben allmählich aus«, erklärt Beutler, »weil diese Qualität nicht mehr gefragt ist. Die Nachfrage nach Pappkartons, also qualitativ wesentlich weniger aufregenden Materialien, ist durch den Versandhandel viel größer geworden als die nach Kunstpapieren. Das heißt, die kleinen Papiermühlen machen zu, oder sie bauen um und werden Pappproduzenten.«
Michael Beutler arbeitet viel mit Papier – aus praktischen wie poetischen Gründen. Es sei günstig und konstruktiv interessant, weil es eine große Fläche habe, die schnell zu einem großen Volumen werden könne. »Und mit großem Volumen kann man ganz anders in einem Raum agieren«, erklärt er, »damit kann ich viel größer arbeiten, als würde ich mit Stahl oder Holz arbeiten.« Papier sei aber auch sehr fragil und habe deshalb eine ganz eigene körperliche Präsenz, fühle sich besonders an, wenn man danebenstehe. Zudem reagiere es auf die Einflüsse der direkten Umgebung. »Ich mag es ganz gerne, wenn da ein Austausch passiert zwischen den Objekten und den Menschen und dem Ort, der bespielt wird.«
Ein ganz direkter Austausch findet über ein spezielles Objekt seiner Installation statt: ein Drehtor, das den Übergang der historischen Villa zum Museumsneubau bildet und in einem kleinen runden Wasserbecken schwimmt. Besucher*innen können es anschieben, der bloße Luftzug zwischen den Gebäuden mag es in Bewegung versetzen. Inspiriert ist es sowohl von der großen Sammlung kinetischer Kunst des Kunstmuseums Gelsenkirchen als auch vom Brunnen im Hof, auf den man aus dem Ausstellungsgebäude blicken kann. »Durch das Drehen ist es wie eine Mühle«, sagt Beutler, »nur dass die Besucher keine Pulpe reiben, sondern einfach den Eingang vor sich herschieben – so wie man das aus Drehtüren in öffentlichen Gebäuden kennt, die immer einen komischen Tanz bewirken mit Leuten, die man nicht kennt und eine niedrigschwellige soziale Interaktion herstellen.«
Die Kernpunkte des Konzeptes für »Tapetenwechsel« liegen fest. Entstehen wird die Arbeit im April, immer offen, noch Einflüsse von außen einzubauen – und der Künstler selbst ist gespannt, »wie groß und wie vielseitig das neue Papierhaus dann dastehen wird«.
Der diesjährige Förderpreis der Kunststiftung NRW geht an die Künstlerin und Kuratorin Lisa Klosterkötter. Sie erhält die Möglichkeit, eine neue Arbeit zu realisieren. Unter dem Titel »Ein Dorf« werden performative Lesungen, künstlerische Interventionen und gemeinschaftliche Formate stattfinden, die unterschiedliche Orte rund um das Museumsgebäude einbeziehen und Besucher*innen dazu einladen, sich frei zu bewegen, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen.
»KUNSTPREIS DER KUNSTSTIFTUNG NRW – NAM JUNE PAIK AWARD 2026«
KUNSTMUSEUM GELSENKIRCHEN
26. APRIL BIS 16. AUGUST



