Die 72. Oberhausener Kurzfilmtage widmen dem in Berlin lebenden österreichischen Filmkünstler Gernot Wieland ein Porträt.
Für einen Beitrag des Berliner Zentrum für Zeitgenössische Kunst zu seiner eigenen Ausstellung legt sich Gernot Wieland auf die Couch. Für einen Österreicher das Repräsentations-Möbel schlechthin. So zitiert der Filmkünstler auch den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, als er über das Entstehen seiner Arbeiten spricht. Sie bräuchten, von der Idee bis zu dem Moment, um ans Werk gehen zu können, immer auch ihre Zeit. Sigmund Freud: »Ersetzen Sie Können durch Wollen.« Ein Therapeut hatte ihm geraten, ein Traumtagebuch zu führen, lässt uns der Kurzfilm »Thievery and Songs« wissen. Sind Gernot Wielands Filme dieses Traum- und Trauma-Tagebuch nicht auch?
Fest steht: Die Dinge sprechen bzw. werden von Gernot Wieland zum Sprechen und sichtbar gemacht. Das zeigt sich auch bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, die ihm ein Porträt widmen: Über Bilder funktioniert das Gedächtnis und ihr Hervorrufen von Geschichten und Gefühlen aus dem Dunkel. Gemäß Thomas Manns biblischer Einsicht: »Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, wollen wir ihn nicht unergründlich nennen.«
Gernot Wielands Bilder sind vertraut und fremd zugleich, als habe die Zeit sie ebenso konserviert wie mutiert. Ein Verwandlungsvorgang. Insofern wohnt Kindheit mit ihrer Märchenwelt darin, nimmt sich die Imagination weiten Spielraum und ist Zeuge der Ruinen des Einst, ruft das Schlimmes und Schrecken Auslösende nach Hilfe. Auch der Tod hat seine Hand im Spiel und zieht seinen Schatten über die Dingwelt und ihr Memento Mori.
In seinen Filmen begegnen uns Alltagsgegenstände in Räumen, etwa in »Family Constellation with a Fox«, wenn die Kamera tief hineingeht in die Struktur von Material und ebenso in die verborgenen Strukturen und Falten unseres Bewusstseins, während die Erzählstimme Betrachtungen anstellt und sich in persönliche, historische, philosophische und kulturgeschichtliche Gedanken und Konstellationen verliert.
Das monochrome Blau des Himmels gehört zum Erinnerungs-Fundus des kleinen Gernot, als der einmal auf seinen Großvater wartet, sich nicht vom Fleck rührt und aus dem Fenster schaut (»Turtleneck Memories«), wobei die Farbe wiederum Verbindung stiftet zu den Super-8-Filmen seines Vaters, wenn der die Kamera am Ende einer Aufnahme in Richtung des Firmaments gerichtet hielt.
Wie bei Christoph Schlingensief sind Super-8-Filme ein Initiationserlebnis für den 1968 geborenen Filmemacher Wieland, den – passenderweise in der Geburtsstadt Schlingensiefs – die Kurzfilmtage nun bekannter machen. Wieland ist ein sensibler, sensitiver Schatzsucher und Entdecker von Landschaften, Menschen und seiner selbst. Autobiografie und Psychologie gehören zusammen.
Erinnerungsspuren oder auch -»schrammen«, wie Wieland sagt, führen in die Kindheit, in Gang gesetzt etwa durch den Gebrauch einer Kaffeetasse (»You do not leave traces of your presence, just of your act«). Dieser Erinnerungs-Kosmos löst einen akribisch analytischen, proust’schen Reflexions-Furor aus, mündend in die Frage »Wie konnte es dazu kommen?«.
Dass eine Reinigungskraft in einem Hotel Poeme in den Staub unter den Betten schreibt, bevor er mit dem Säubern anfängt, später ein Gast sie liest und darauf eine Panikattacke bekommt, ist eines von Wielands erspürten (oder, wer weiß?, erdachten) Kleinodien. Dass er ein Leser Walter Benjamins, seiner Notizen, der »Berliner Kindheit« und überhaupt seiner Schriften ist, lässt sich nicht verbergen.
Schwebende Melancholie
Die Montagetechnik bietet sich an für Wielands künstlerische Methode, das Miteinander von Film, Animation, Sprache, malerischen Zeichnungen und Knetfigürchen, denen als Ausdruck gemeinsam die essayistische Form ist. Naturgemäß wohnt ihr eine gefasste, schwebende Melancholie inne, wie sie einem in den Büchern von W. G. Sebald begegnet.
Wielands häufig circa 20-minütigen Filme leisten vieles – darunter bannen sie Furcht. Sie sind ein beständiger Dialog mit den Künsten und Künstlern, Dichtern und Denkern, zum Beispiel mit »Landschaft mit dem Sturz des Ikarus« des Niederländers Brueghel, mit Kant und Schopenhauer, Kandinsky und Kafka, Benjamin und Ingeborg Bachmann. Oder mit Menschen von verschobener Wahrnehmung. So etwa ist er auf Briefe eines Psychiaters gestoßen, in dessen Anstalt in Italien die Patienten Theaterstücke geprobt hätten und dabei »etwas anderes« Gestalt angenommen habe. Der Arzt nennt es: »Lacanian dissolution and sophistication of the logic of the theory of alterity«. Man darf dabei an das frühe Theater von Robert Wilson und an die Musiknoten von John Cage denken.
Wieland scheint es auch um Raumbestimmung zu gehen, um Formgebung und eine Grammatik der Gefühle, die sich äußert in mathematischen Körpern, um Ordnungskräfte oder die Idee davon (»The Perfect Square«). Besonders beschäftigt ihn die schmerzliche Erfahrung von Abgrenzung und Abtrennung des Einen vom Anderen – dies sei, so der Autor, der Beginn von Politik. Dass die Außenseiterbande der tierischen Bremer Stadtmusikanten bei ihm mitspielt (»Thievery and Songs«), nimmt nicht wunder.
In »Bird in Italian is Uccello« berichtet Wieland, dass er, bis er heranwuchs, in seinem Dorf nur sehr eingeschränkt bestimmte Wege benutzt habe und die anderen, unbekannten, wie kontaminiert gewesen seien durch die Kirche und deren Drohen von Hölle und Fegefeuer, wohin die Reise des Sünders nach dem Tod gehen würde. Das Kind Gernot bzw. das Kind bei Wieland – darin durchaus dem Landsmann Peter Handke ähnlich – schafft sich seine eigene Sprache und bringt Dinge auf den (Fantasie-)Begriff, wird von den Erwachsenen daran gehindert und mit Sprachverbot belegt. Es soll nachahmen, kopieren und wiederholen, nicht kreieren. Für mehr als ein Jahr habe der Junge zu sprechen aufgehört, hören wir Wieland sagen.
Ebenso messen seine wie zarte Gespinste gebauten Filme aus, was gemeinhin als ‚normal’ begriffen wird. In »Ink in Milk« (Tinte in Milch) berichtet der Erzähler von einem befreundeten Klassenkameraden, der eines Morgens in der Schule komplett geschminkt erschienen und von der Lehrerin ohne Begründung vom Unterricht ausgeschlossen und sogar geschlagen worden sei. Überhaupt habe die Lehrerin bestimmte Schüler rabiat behandelt und bloßgestellt und sie bei einem Spiel mit Kalk bestäubt, um sie negativ zu markieren. Die Geschichte steht für sich und wird zugleich von Wieland genutzt, um den Blick auf Ausgrenzung allgemein zu fassen und in Beziehung zu bringen zum österreichischen Wort für heimatlos, »Sandler« – von Sand abgeleitet, der den Fremden in den Kleidern hängen würde. Die Geschichte mit dem Schulfreund setzt sich noch fort, als der in die Psychiatrie verbracht und als schizophren behandelt wird. So dehnt Wieland biografische Fäden aus und erweitert das von Humor und Einbildungskraft durchzogene Muster: vom Einzelnen ins musterhaft Gültige.
Wielands Filme sind Variationen einer artifiziellen Selbstbefestigung und Suchbewegung nach sich selbst: Wie ist es, in der Welt zu sein? Wie lotet sich das Verhältnis von Ich und Du aus? Der letzte Satz in »Turtleneck Memories« lautet: »I do not even feel my own existence.«
72. Oberhausener Kurzfilmtage, 28. April bis 3. Mai
Profil: Gernot Wieland am 29. und 30. April (Änderung vorbehalten) im Kino Gloria






