Für die Wanderausstellung Manifesta recycelt Emil Walde alte Glasfenster vom Duisburger Hauptbahnhof. Die Installation des Düsseldorfer Künstlers wird in der Kulturkirche Liebfrauen zu sehen sein. Ein Besuch in seinem Atelier.
So sieht wohl einer aus, der anpackt: Bomberjacke, den Schirm der Baseball Cap im Nacken, die Hände ruhen sich tief in den Hosentaschen aus. Emil Walde wartet an der Straßenecke, weil sein Atelier im ehemaligen Autohaus in Düsseldorf-Lierenfeld etwas versteckt liegt. Eigentlich ist es auch kein echtes Atelier, eher eine Werkshalle mit sehr viel Platz. Den braucht Walde auch für seine Kunst: »Ich muss das Material bewegen, verschieben, verstellen, damit ich einen Zugang bekomme«, erklärt der Künstler. »Ich muss auch physisch damit umgehen – das ist meine Art, mir Dinge anzueignen, Dinge zu verstehen.«
Er macht keine Kunst für Wand oder Sockel. Walde baut Installationen, die sich in den Weg stellen, Räume verändern, manchmal auch neue schaffen. Nicht erst seit dem Studium bei Franka Hörnschemeyer und Gregor Schneider an der Düsseldorfer Kunstakademie zieht der 1991 in München geborene Bildhauer damit seine Runden durch den Kunstbetrieb. Im Treppenhaus der Düsseldorfer Kunsthalle montierte er 2017 bereits eine Rasterwand aus Keramikfliesen vor Gerhard Richters Spiegelwerk. Für den Kunstverein Leverkusen baute der ausgebildete Metallgestalter eine drei Meter hohe Wand aus Trapezblech – und schaffte damit einen irritierenden Echoraum. Beeindruckend auch seine Riesenskulptur aus acht ausgedienten Gefängnistüren, die sich schräg durch die alte Kapelle der ehemaligen Justizvollzugsanstalt in Düsseldorf-Derendorf zog.
Kultstatus dank Gaffa-Tape
Immer wieder greift Walde nach gebrauchten Materialien, bringt ausrangierte Einzelteile in neue Zusammenhänge. Ein Prinzip, das auch seine Manifesta-Arbeit prägt, deren Prototyp er gerade im Atelier bewegt, verschiebt, verstellt, verschraubt. Diesmal sind es alte Glaselemente vom Duisburger Hauptbahnhof, die er künstlerisch recycelt. Jeder, der öfters mit der Bahn im Ruhrgebiet unterwegs war, wird sie leicht wiedererkennen am kreuz und quer aufs Glas geklebten Gaffa-Tape, das eigentlich einfach das brüchige Glas zusammenhalten sollte, nebenbei aber grafische Akzente setzte und den transparenten Elementen nicht zuletzt dadurch eine Art Kultstatus verschaffte.
Walde hatte sich einige dieser legendären Scheiben sichern können, die an den Bahnsteigen mittlerweile fast komplett ausgetauscht worden sind. Für seine Manifesta-Arbeit setzt er sie in ein selbstgebautes Rahmensystem und schafft so transparente Wände, die er in der einstigen Duisburger Liebfrauenkirche installieren wird. Walde hat ein Modell gebastelt: Vor einigen Wandnischen im Kirchenschiff, wo ursprünglich einmal Beichtstühle standen, werden die gläsernen Wände arrangiert. Sie schließen die Nischen zum Teil, verlaufen diagonal zur Wand oder formen selbst neue Nischen oder kleine Räume. Man denkt an Haltestellen-Häuschen, und Walde stimmt zu. Ihm gefällt die Idee solcher »Transfer-Orte«, wo man morgens beim Warten auf den Bus Pläne schmiede oder abends über den Tag nachdenke.
Noch überlegt er, ob er Lampen integrieren könnte. So würde Licht durch die kaputten Bahnhofsscheiben fallen und vielleicht an Kirchenfenster denken lassen: profane Klebebänder statt sakraler Glasmalerei. Das Kostbare kippt ins Prekäre. Und so macht Walde auf seine Weise ein zentrales Thema der Manifesta anschaulich: Den Moment des Übergangs. Vom Gotteshaus zu etwas Neuem, etwas Weltlichem. Wobei die Referenz an den baufälligen Bahnhof im einstigen Kirchenschiff kaum den hoffnungsvollen Neustart heraufbeschwören will, sondern wohl eher nachdenklich stimmen wird.
KULTURKIRCHE LIEBFRAUEN
KÖNIG-HEINRICH-PLATZ 3, DUISBURG
ARCHITEKT DR. TONI HERMANNS (1958-1971)
MANIFESTA 16 RUHR
BIS 4. OKTOBER
IN ZWÖLF EHEMALIGEN KIRCHEN IN ESSEN, BOCHUM, DUISBURG
UND GELSENKIRCHEN
ERÖFFNUNG AM 20. JUNI, 18 UHR, IM WELTERBE ZOLLVEREIN (EHRENHOF).
GEFEIERT WIRD DANN AUCH DAS 30-JÄHRIGE BESTEHEN DER MANIFESTA.






