Die große Wanderausstellung Manifesta macht Station im Ruhrgebiet und fragt nach der Zukunft leerstehender Kirchen an zwölf Orten in Essen, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen. Über 100 Künstler*innen machen mit. Wir haben drei aus NRW besucht, die mit ihren Arbeiten neues Leben in die entweihten Gotteshäuser bringen.
Lilli Lake: Komponieren mit dem Kirchendach
Sie hatte es sofort bemerkt, gleich als sie die Kirche betrat. »Dieses Knarren und Knarzen von der Decke« hat Lilli Lake fasziniert. Wahrscheinlich rühre es von undichten Stellen im sanierungsbedürftigen Dach des 60-Jahre-Baus her, vermutet die Künstlerin. Es sei immer da, Stillstand gebe es nicht: »Ich fand das total beeindruckend, weil dadurch die Architektur mit der Atmosphäre verschmilzt.« Für Lake war schnell klar, dass sie in ihrer Arbeit für die Manifesta den fortwährend knarzenden Klängen in der bald profanierten Markuskirche in Essen-Frohnhausen nachgehen will.
Töne, Klänge, Musik, auch Instrumente nehmen schon immer großen Raum ein im Werk der 1995 in Mettingen geborenen Bildhauerin, die demnächst ihr Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie abschließt. Mal machte Lake den Rhythmus des Gehens hörbar, mal arbeitete sie mit dem Klang des Atems oder mit Seufzern. Sie hat Soundwalks entwickelt, bei denen mitunter murmelnde Stimmen aus Rohren und Kanälen aufstiegen. Bei solchen Untersuchungen interessiert die Künstlerin der Klang weniger als musikalisches Material, eher geht es ihr beim Umgang mit Tönen um die Erfahrung von Körper, Raum und Rhythmus, um die Bewegung durch einen Klangraum oder um Gemeinschaft beim kollektiven Hören.
Wie jetzt in Essen. In der Markuskirche rückt sie der knarrenden Holz-Decke dazu mit Kontaktmikrofonen zu Leibe. Auch Verstärker und Soundfilter kommen zum Einsatz, außerdem Lautsprecherboxen, die am Boden stehen, um die Töne von oben live zu übertragen und wie ein Echo durch den Raum schwingen zu lassen. Dabei legt Lake immer wieder Ruhepausen ein, damit man sich zwischendurch auf das Knarren im Original konzentrieren kann. »Ich habe versucht, mit der Decke zu komponieren, sie ist sozusagen meine Musikerin.« Wie sich das wohl anhören wird? »Dumpf«, meint die Künstlerin, die bei dem Sound gleich an ein Boot dachte und an Wellen, die gegen den Bug schwappen.
An der holzverkleideten Decke werden die Quellen des Klangs mit Kupferstreifen kenntlich gemacht, Lake spricht von »Zungen«. Und sie weist darauf hin, dass auch das Kirchendach mit Kupfer gedeckt sei, wie es früher bei Schiffen zum Schutz vor Wasser und Verwitterung Verwendung gefunden habe. Offenkundig gefällt ihr die gerade im Kirchenkontext so beziehungsreiche Schiffs-Metapher. Gespannt erwartet sie nun noch ihre neue Soundkamera, mit der sie ihre Klang-Recherchen in Essen komplett machen will. »Ein tolles Tool«, das aussehe wie eine Art Gameboy, erzählt Lake begeistert. Man könne damit die Klänge sichtbar machen, wie die Temperatur in einer Wärmebildkamera. Da, wo die lautesten Spots liegen, wird die Künstlerin ihre Kupferzungen und die Mikrofone an die Decke montieren.
Neugierig kann man dann auch auf das Zusammenspiel mit zwei weiteren Arbeiten anderer Künstler*innen sein, die das multimediale Manifesta-Erlebnis in der Markuskirche vervollständigen. Augustas Serapinas aus Litauen plant eine Arbeit aus »gestrandeten« Kirchenbänken, die man besteigen, und so dem knarrenden Dach näherkommen könnte. Und die Portugiesin Sara Bichão hängt unter der Decke eine fischähnliche Skulptur auf, die sie aus allerlei in der Kirche gesammelten Gegenständen zusammengebaut hat: Holzbügel, Notenständer, ein Balken vom Kreuz. Für die Markuskirche kündigt sich mit der Manifesta ein neues Kapitel an. Die Besucher*innen können zusehen, wie sie mit maritimen Metaphern befrachtet ihrer säkularen Zukunft entgegenschippert.
MARKUSKIRCHE,
POSTREITWEG 80, ESSEN
ARCHITEKTEN WOLFGANG MÜLLER-ZANTOP UND HEINZ KAHLENBORN (1961-1963)

Fatma Ceylan: Widerstand mit Nadel und Faden
Bunte Blumenformen umgeben von schneeweißen Maschenmustern, rundherum ein Spitzenrand. Fatma Ceylan zeigt das Foto auf ihrem Handy. Ein schönes Stück Handarbeit – die runde Häkeldecke wird zur Manifesta in die ehemalige Thomaskirche in Gelsenkirchen einziehen (mit Arbeiten von 20 weiteren Künstler*innen). Sie ist eine von mehreren textilen Werken der Kölnerin. Denn das Sticken, Stricken, Häkeln ist Alltag, Kunst und Therapie zugleich für sie. Etliche ihrer Arbeiten seien zu Hause in Gebrauch. Doch diese eine Häkeldecke war über Jahrzehnte in den Schrank verbannt. Zu eng ist sie verknüpft mit jenem traumatischen Erlebnis: Einem Mordanschlag gegen Fatma und ihre Familie. Und dem, was folgte – Panik, Angst, die Ignoranz von Polizei und Behörden, Verdrängen, Verschweigen und das Gefühl, allein zu sein mit dem Erlebten.
Das alles nimmt nach wie vor großen Raum ein in Fatma Ceylans Kopf, in ihrem Leben. Und auch im Gespräch an diesem Tag. Man sitzt zusammen am großen alten Tisch in den Räumen der „Initiative Herkesin Meydani – Platz für alle“ an der Keupstraße in Köln-Mülheim – passenderweise genau vis-à-vis dem Grundstück, wo das lange versprochene Denkmal für die Opfer des NSU-Nagelbomben-Anschlags von 2004 noch immer nicht errichtet worden ist.
Fatma Ceylan hat ihren Ehemann mitgebracht. Kutlu Yurtseven von der Herkesin-Meydani-Initiative hört ebenfalls zu, wenn sie sehr schnell auf jenes rätselhafte Paket zu sprechen kommt, das kurz vor Weihnachten 1992, hübsch verpackt, vor der Wohnungstür im Kölner Stadtteil Ehrenfeld lag. Zuerst einmal habe sie es prüfend geschüttelt. Zum Glück, denn das Ruckeln im Karton hat wohl die Sprengverbindung gekappt. Zwar wurden Ceylan und ihr Schwager beim Öffnen des vermeintlichen Geschenks durch eine Stichflamme im Gesicht verletzt. Doch die Riesenexplosion blieb aus – sie hätte, wie man den Opfern später erklärte, womöglich das ganze, fast ausschließlich von türkischstämmigen Familien bewohnte Haus in die Luft gesprengt.
Naheliegende Vermutungen, dass es sich um einen rassistisch motivierten Anschlag gehandelt habe, sei die Polizei nicht gründlich nachgegangen, so Ceylan. Eher sah sie sich eingeschüchtert durch misstrauische Fragen der Beamten und Verdächtigungen rund um den Schwager aus der Türkei, der zu Besuch war und sich beim Anschlag in der Wohnung aufhielt. Nach wenigen Wochen wurde der Fall dann ungelöst ad acta gelegt. Zusammen mit einem Drohbrief, der ein weiteres Attentat ankündigte.
Mit den beiden kleinen Kindern verließ Ceylan damals ihre zweite Heimat Deutschland und suchte vorübergehend Zuflucht bei der Familie in der Türkei. Doch die Angst blieb und wurde mit Tabletten betäubt. Es war die Schwägerin, die den Teufelskreis durchbrochen, die Medikamente entsorgt und ihr stattdessen Faden und Nadeln an die Hand gegeben hat. Damals entstand jene Decke, die Ceylan nach Jahrzehnten aus dem Schrank geholt hat, um sie jetzt zur Manifesta in Gelsenkirchen zu präsentieren. Seit ihrer Kindheit hatte sie sich mit Handarbeiten beschäftigt. Doch 1992 war weit mehr daraus geworden: ein Mittel der Selbstheilung.
Zurück in Deutschland, lebte und arbeitete Ceylan eher zurückgezogen. Über den Anschlag wurde kaum gesprochen, auch zum Schutz der Söhne, die nicht in Angst aufwachsen sollten. Mittlerweile hat sie jedoch einen weiteren wesentlichen Schritt vollzogen: ihr Schweigen aufgegeben und den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Sie tritt auf, macht ihr Thema öffentlich, vernetzt sich mit anderen Betroffenen, wehrt sich gegen das Vergessen.
Und so stehen die textilen Arbeiten jetzt bei der Manifesta auch nicht für sich allein. Sie sind Teil einer Geschichte, die von Schrecken und Erinnerung, von Widerstand und Heilung handelt.
THOMASKIRCHE
SURKAMPSTR. 33, GELSENKIRCHEN
ARCHITEKTEN FRED JANOWSKI UND ALBRECHT WITTIG (1965)

Emil Walde: Zwischen Beichtstuhl und Bushaltestelle
So sieht wohl einer aus, der anpackt: Bomberjacke, den Schirm der Baseball Cap im Nacken, die Hände ruhen sich tief in den Hosentaschen aus. Emil Walde wartet an der Straßenecke, weil sein Atelier im ehemaligen Autohaus in Düsseldorf-Lierenfeld etwas versteckt liegt. Eigentlich ist es auch kein echtes Atelier, eher eine Werkshalle mit sehr viel Platz. Den braucht Walde auch für seine Kunst: »Ich muss das Material bewegen, verschieben, verstellen, damit ich einen Zugang bekomme«, erklärt der Künstler. »Ich muss auch physisch damit umgehen – das ist meine Art, mir Dinge anzueignen, Dinge zu verstehen.«
Er macht keine Kunst für Wand oder Sockel. Walde baut Installationen, die sich in den Weg stellen, Räume verändern, manchmal auch neue schaffen. Nicht erst seit dem Studium bei Franka Hörnschemeyer und Gregor Schneider an der Düsseldorfer Kunstakademie zieht der 1991 in München geborene Bildhauer damit seine Runden durch den Kunstbetrieb. Im Treppenhaus der Düsseldorfer Kunsthalle montierte er 2017 bereits eine Rasterwand aus Keramikfliesen vor Gerhard Richters Spiegelwerk. Für den Kunstverein Leverkusen baute der ausgebildete Metallgestalter eine drei Meter hohe Wand aus Trapezblech – und schaffte damit einen irritierenden Echoraum. Beeindruckend auch seine Riesenskulptur aus acht ausgedienten Gefängnistüren, die sich schräg durch die alte Kapelle der ehemaligen Justizvollzugsanstalt in Düsseldorf-Derendorf zog.
Immer wieder greift Walde nach gebrauchten Materialien, bringt ausrangierte Einzelteile in neue Zusammenhänge. Ein Prinzip, das auch seine Manifesta-Arbeit prägt, deren Prototyp er gerade im Atelier bewegt, verschiebt, verstellt, verschraubt. Diesmal sind es alte Glaselemente vom Duisburger Hauptbahnhof, die er künstlerisch recycelt. Jeder, der öfters mit der Bahn im Ruhrgebiet unterwegs war, wird sie leicht wiedererkennen am kreuz und quer aufs Glas geklebten Gaffa-Tape, das eigentlich einfach das brüchige Glas zusammenhalten sollte, nebenbei aber grafische Akzente setzte und den transparenten Elementen nicht zuletzt dadurch eine Art Kultstatus verschaffte.
Walde hatte sich einige dieser legendären Scheiben sichern können, die an den Bahnsteigen mittlerweile fast komplett ausgetauscht worden sind. Für seine Manifesta-Arbeit setzt er sie in ein selbstgebautes Rahmensystem und schafft so transparente Wände, die er in der einstigen Duisburger Liebfrauenkirche installieren wird. Walde hat ein Modell gebastelt: Vor einigen Wandnischen im Kirchenschiff, wo ursprünglich einmal Beichtstühle standen, werden die gläsernen Wände arrangiert. Sie schließen die Nischen zum Teil, verlaufen diagonal zur Wand oder formen selbst neue Nischen oder kleine Räume. Man denkt an Haltestellen-Häuschen, und Walde stimmt zu. Ihm gefällt die Idee solcher »Transfer-Orte«, wo man morgens beim Warten auf den Bus Pläne schmiede oder abends über den Tag nachdenke.
Noch überlegt er, ob er Lampen integrieren könnte. So würde Licht durch die kaputten Bahnhofsscheiben fallen und vielleicht an Kirchenfenster denken lassen: profane Klebebänder statt sakraler Glasmalerei. Das Kostbare kippt ins Prekäre. Und so macht Walde auf seine Weise ein zentrales Thema der Manifesta anschaulich: Den Moment des Übergangs. Vom Gotteshaus zu etwas Neuem, etwas Weltlichem. Wobei die Referenz an den baufälligen Bahnhof im einstigen Kirchenschiff kaum den hoffnungsvollen Neustart heraufbeschwören will, sondern wohl eher nachdenklich stimmen wird.
KULTURKIRCHE LIEBFRAUEN
KÖNIG-HEINRICH-PLATZ 3, DUISBURG
ARCHITEKT DR. TONI HERMANNS (1958-1971)
MANIFESTA 16 RUHR
BIS 4. OKTOBER
IN ZWÖLF EHEMALIGEN KIRCHEN IN ESSEN, BOCHUM, DUISBURG
UND GELSENKIRCHEN
ERÖFFNUNG AM 20. JUNI, 18 UHR, IM WELTERBE ZOLLVEREIN (EHRENHOF).
GEFEIERT WIRD DANN AUCH DAS 30-JÄHRIGE BESTEHEN DER MANIFESTA.






