Fatma Ceylan zeigt bei der Wanderausstellung Manifesta eine besondere Handarbeit in der Thomaskirche Gelsenkirchen. Ihre Häkeldecke ist – wie weitere textile Werke von 20 Künstler*innen – Teil einer Geschichte, die von Schrecken, Erinnerung und Heilung erzählt.
Bunte Blumenformen umgeben von schneeweißen Maschenmustern, rundherum ein Spitzenrand. Fatma Ceylan zeigt das Foto auf ihrem Handy. Ein schönes Stück Handarbeit – die runde Häkeldecke wird zur Manifesta in die ehemalige Thomaskirche in Gelsenkirchen einziehen (mit Arbeiten von 20 weiteren Künstler*innen). Sie ist eine von mehreren textilen Werken der Kölnerin. Denn das Sticken, Stricken, Häkeln ist Alltag, Kunst und Therapie zugleich für sie. Etliche ihrer Arbeiten seien zu Hause in Gebrauch. Doch diese eine Häkeldecke war über Jahrzehnte in den Schrank verbannt. Zu eng ist sie verknüpft mit jenem traumatischen Erlebnis: Einem Mordanschlag gegen Fatma und ihre Familie. Und dem, was folgte – Panik, Angst, die Ignoranz von Polizei und Behörden, Verdrängen, Verschweigen und das Gefühl, allein zu sein mit dem Erlebten.
Das alles nimmt nach wie vor großen Raum ein in Fatma Ceylans Kopf, in ihrem Leben. Und auch im Gespräch an diesem Tag. Man sitzt zusammen am großen alten Tisch in den Räumen der »Initiative Herkesin Meydani – Platz für alle« an der Keupstraße in Köln-Mülheim – passenderweise genau vis-à-vis dem Grundstück, wo das lange versprochene Denkmal für die Opfer des NSU-Nagelbomben-Anschlags von 2004 noch immer nicht errichtet worden ist.
Mittel der Selbstheilung
Fatma Ceylan hat ihren Ehemann mitgebracht. Kutlu Yurtseven von der Herkesin-Meydani-Initiative hört ebenfalls zu, wenn sie sehr schnell auf jenes rätselhafte Paket zu sprechen kommt, das kurz vor Weihnachten 1992, hübsch verpackt, vor der Wohnungstür im Kölner Stadtteil Ehrenfeld lag. Zuerst einmal habe sie es prüfend geschüttelt. Zum Glück, denn das Ruckeln im Karton hat wohl die Sprengverbindung gekappt. Zwar wurden Ceylan und ihr Schwager beim Öffnen des vermeintlichen Geschenks durch eine Stichflamme im Gesicht verletzt. Doch die Riesenexplosion blieb aus – sie hätte, wie man den Opfern später erklärte, womöglich das ganze, fast ausschließlich von türkischstämmigen Familien bewohnte Haus in die Luft gesprengt.
Naheliegende Vermutungen, dass es sich um einen rassistisch motivierten Anschlag gehandelt habe, sei die Polizei nicht gründlich nachgegangen, so Ceylan. Eher sah sie sich eingeschüchtert durch misstrauische Fragen der Beamten und Verdächtigungen rund um den Schwager aus der Türkei, der zu Besuch war und sich beim Anschlag in der Wohnung aufhielt. Nach wenigen Wochen wurde der Fall dann ungelöst ad acta gelegt. Zusammen mit einem Drohbrief, der ein weiteres Attentat ankündigte.
Mit den beiden kleinen Kindern verließ Ceylan damals ihre zweite Heimat Deutschland und suchte vorübergehend Zuflucht bei der Familie in der Türkei. Doch die Angst blieb und wurde mit Tabletten betäubt. Es war die Schwägerin, die den Teufelskreis durchbrochen, die Medikamente entsorgt und ihr stattdessen Faden und Nadeln an die Hand gegeben hat. Damals entstand jene Decke, die Ceylan nach Jahrzehnten aus dem Schrank geholt hat, um sie jetzt zur Manifesta in Gelsenkirchen zu präsentieren. Seit ihrer Kindheit hatte sie sich mit Handarbeiten beschäftigt. Doch 1992 war weit mehr daraus geworden: ein Mittel der Selbstheilung.
Zurück in Deutschland, lebte und arbeitete Ceylan eher zurückgezogen. Über den Anschlag wurde kaum gesprochen, auch zum Schutz der Söhne, die nicht in Angst aufwachsen sollten. Mittlerweile hat sie jedoch einen weiteren wesentlichen Schritt vollzogen: ihr Schweigen aufgegeben und den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Sie tritt auf, macht ihr Thema öffentlich, vernetzt sich mit anderen Betroffenen, wehrt sich gegen das Vergessen.
Und so stehen die textilen Arbeiten jetzt bei der Manifesta auch nicht für sich allein. Sie sind Teil einer Geschichte, die von Schrecken und Erinnerung, von Widerstand und Heilung handelt.
THOMASKIRCHE
SUHRKAMPSTR. 33, GELSENKIRCHEN
ARCHITEKTEN FRED JANOWSKI UND ALBRECHT WITTIG (1965)






