Der HMKV Dortmund heißt jetzt Kunsthalle Dortmund. Aktuell fragt Inke Arns: Wer produziert und transportiert das, was wir konsumieren?
Frau Arns, die von Ihnen und Thibaut de Ruyter kuratierte Ausstellung heißt »Industrial: Seidenstraßen 3000« – woher kam der Titel?
INKE ARNS: Der Begriff »Industrial« verweist darauf, dass die Ausstellung Teil einer Trilogie ist, die mit einem Filmprogramm im Rahmen einer Recherchereise durch polnische Industriestädte 2011 entstand. Daraufhin fragte 2013/2014 die Ausstellung »Industrial (Research)« danach, was die Industrie mit den Menschen gemacht hat und wie die Kunst auf die »Gewalt der Industriegesellschaft« reagiert. Nun schauen wir auf Handelsrouten und globale Warenströme – auf die Neue Seidenstraße, die China seit 2013 weltweit ausbaut.
kultur.west: Sie verwenden den Begriff im Plural, es geht um Seidenstraßen – warum?
ARNS: Weil es nie nur eine einzige Route gab. Es waren immer komplexe Handelsnetze, die flexibel auf Kriege und Konflikte reagieren konnten. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 haben sie sich südlicher in den Kaukasus und die Türkei verlagert.
kultur.west: Und die Zahl 3000?
ARNS: Die Zahl signalisiert eine Perspektive in die Zukunft. Wir mussten auf die 3000 gehen, denn das Jahr 2000 ist ja schon vorbei.
kultur.west: Das Revier war einst das Zentrum internationaler Handelswege…
ARNS: Dortmund und das Revier liegen an einem der Enden der Neuen Seidenstraßen. In Duisburg-Ruhrort, dem größten Binnenhafen Europas, wird von der Schiene aufs Wasser verladen. Pro Woche kommen zwischen 35 und 60 Güterzüge aus China an. Von Duisburg aus werden die Container über den Rhein in über 20 europäische Städte weiterverteilt. Interessant ist, dass die Neuen Seidenstraßen über eine alte Handelsstraße verlaufen, den Hellweg. Er war bis in die Hansezeit einer der bedeutendsten Wege Europas.
kultur.west: Welche Rolle spielt Dortmund heute?
ARNS: Lässt man den Blick vom Dach des U schweifen, fällt im Nord-Westen ein weißes Bauwerk auf: das IKEA-Logistikzentrum in Mengede. Von hier oben wirkt es klein; tatsächlich ist es aber so groß wie die Innenstadt. Von hier aus werden IKEAs in ganz Europa beliefert. Nach dem Ende der Bergbau- und Stahlindustrie sollte die Logistik zum großen Arbeitgeber werden. Die Region bietet Standortvorteile durch ihre zentrale Lage in Europa und gute Verbindungen wie der Binnenhafen in Duisburg. Im IKEA-Logistikzentrum arbeiten 1800 Menschen, von Amazon südlich der Westfalenhütte sind es 1500. Die Logistik schafft also neue Jobs. Sie kann aber den Verlust von hunderttausenden (gut bezahlter) Arbeitsplätze in der Schwerindustrie nicht kompensieren.
kultur.west: Wie kam die Künstler-Liste zustande?
ARNS: Wir haben 23 Künstler*innen aus 16 Ländern entlang der gesamten Strecke der Neuen Seidenstraßen ausgewählt. Lassen Sie uns die Route entlang der künstlerischen Positionen von Ost nach West anhand von ein paar Beispielen abschreiten: Wang Bing und Cao Fei beobachten Arbeiter*innen in chinesischen Textil- und Glühlampenfabriken. Zauri Matikashvili erzählt die Geschichte seines Vaters, der seit über 30 Jahren zwischen Deutschland und Georgien hin- und herfährt und mit Autos handelt – bei einer Fahrt legt er bis zu 4800 Kilometer zurück. Zdeněk Porcal fotografiert Logistikzentren wie das von IKEA in Dortmund – in Ostmitteleuropa. Während sie tagsüber unauffällig wirken, werden sie nachts durch die von ihnen ausgehende Lichtverschmutzung deutlich sichtbar.
kultur.west: Zeigen Sie auch Werke über Dortmund?
ARNS: Ja, wo 2004 in Dortmund noch die modernste Kokerei Europas stand, ist heute ein Logistikzentrum von Amazon. Ein Film von Michael Loeken und Ulrike Franke dokumentiert die Demontage der Industrieanlage und die Geschichten um ihren Abbau: wie die Koker die Ankunft der Chinesen erleben, was sie fühlen, wenn sie mit der Kokerei ihren Stolz schwinden sehen, aber auch die Konflikte innerhalb der chinesischen Belegschaft, die 60 Stunden die Woche fernab der Heimat schuftet, zwischen Zukunftseuphorie und Zweifeln.
»INDUSTRIAL: SEIDENSTRASSEN3000«
BIS 10. JANUAR 2027
KUNSTHALLE DORTMUND (3./6. ETAGE, DORTMUNDER U)






