Am Landestheater Detmold ist unter der Intendanz von Kirsten Uttendorf auch die Ballettdirektion neu besetzt: Der Choreograf und Regisseur Ivan Alboresi übernimmt – und sucht neue Geschichten in alten Klassikern. Denn oberflächliche Tanznummern interessieren ihn nicht (mehr).
Ivan Alboresi ist ein Choreograf, der Ballettklassiker bewusst neu erzählt, von pompösem Ballast befreit und auf eine Geschichte konzentriert. Für seine »Giselle«, die er in der vergangenen Spielzeit mit dem Ballett TN LOS! inszenierte, ist er für den Faust-Preis nominiert, der im November verliehen wird. »Die Handlung wird auf ihren Kern reduziert, Nebenfiguren entfallen, die psychologischen Beziehungen der Hauptfiguren werden neu interpretiert«, heißt es in der Jurybegründung.
Im August hat Ivan Alboresi seine Arbeit als neuer Ballettdirektor am Landestheater Detmold gestartet. Am 27. November feiert sein »Nussknacker« Premiere. Auch hier wählt er einen eigenen Zugriff, fügt dem Ballett nach E. T. A. Hoffmann und mit der Musik von Tschaikowski auch die düstere Vorgeschichte hinzu – sie klärt darüber auf, wie der Nussknacker überhaupt zu einem solchen geworden ist. So könne man auch die Geschichte vom mutigen Mädchen Clara erzählen, das für andere einsteht.
Neue Tänzer*innen im Ensemble
Ivan Alboresi ist gebürtiger Italiener, lebt seit 30 Jahren in Deutschland und hat in den vergangenen zehn Jahren sehr erfolgreich das Ballett am Theater Nordhausen in Thüringen geleitet. Zu dem 13-köpfigen Ensemble, das er mit nach Detmold bringt, gehören fünf neue Tänzer*innen. Sie stellen sich – auch in Interviews – vor in der Ballett-Gala am 9. Oktober unter dem passenden Titel »Ankommen«.
Außerdem will Alboresi da seine künstlerische Handschrift präsentieren, mit Ausschnitten aus seinen bisherigen Arbeiten und mit einer neuen Choreografie zu Ravels »Bolero«. In jeder Spielzeit lädt er internationale Gastchoreograf*innen ein. Diesmal Douglas Lee, mit dem er den Doppelabend »Innere Welten« nach Werken von Hermann Hesse choreografiert (Premiere am 19. März 2027).
»Gestalten der Vielfalt« ist das Motto der neuen Spielzeit im Landestheater. Für Alboresi spiegeln das die Ballettabende in mehrfacher Hinsicht. Inhaltlich führe zum Beispiel »Der Nussknacker« durch Traumwelten voller unterschiedlicher Figuren und erinnere daran, dass Vielfalt nicht trenne, sondern bereichere und verbinde. Bei Hesses »Steppenwolf«, zu dem Alboresi für »Innere Welten« eine Choreografie kreiert, gehe es um die vielen Stimmen und Gegensätze in einem selbst. Und dann sei das Motto eigentlich schon eine perfekte Definition für die Sparte Tanz an sich, die von der Vielfalt im Ensemble lebe.
Bei aller Euphorie und Vorfreude hängt die Finanznot der Landestheater – vor allem durch die gestiegenen Personalkosten – und ein von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Expertengutachten wie ein Damoklesschwert über der Arbeit der vier Bühnen. 2027 will sich die Landesregierung nun finanziell beteiligen, bis 2028 müssten die Landesbühnen aber gemeinsame Lösungen mit dem Land finden. Für den Direktor Alboresi sei das aktuell natürlich ein wichtiges Thema, aber auf der Bühne, bei seiner Arbeit als Choreograf, müsse er Finanzielles wie Persönliches außen vorlassen. »Denn«, sagt er, »Kunst muss frei sein«.
BALLETT-GALA, LANDESTHEATER DETMOLD, 9. OKTOBER
»DER NUSSKNACKER«: 27. NOVEMBER (PREMIERE),
WEITERE TERMINE: 29. NOVEMBER, 3., 6., 19., 26. DEZEMBER






