Wenn der Literarische Sommer vor der Tür steht, bedeutet das: Literatur über Landesgrenzen hinweg zu erleben. Zu 50 Veranstaltungen mit 30 Autor*innen lädt das Festival zwischen Juli und September ein, um sowohl deutsch- als auch niederländische Texte im Dialog zu erkunden. Mit dabei ist die Lyrikerin Nora Gomringer, mit ihrem wunderbaren neuen Buch im Gepäck.
Literatur ohne Grenzen! Dafür steht dieses Festival wie kein anderes, das entlang der Landesgrenzen die deutsch-niederländische Literatur feiert und auf eine Mischung aus neuen Stimmen und etablierten Autor*innen setzt. Dazu passen Nora Osagiobare und Anne Sauer, die in Düsseldorf, Neuss und Aachen aus ihren Debütromanen »Daily Soap« (8. Juli) und »Im Leben nebenan« (12. und 13. August) lesen. Eine Matinée zu seinem Gesamtwerk huldigt in Aachen dem Kölner Schriftsteller Hanns-Josef Orthell (5. Juli) und Ewald Arenz stellt am 3. Juli seinen druckfrisch erschienenen Roman »Fünf, sechs, sieben, acht« in Meerbusch vor. Wie immer liegt außerdem ein Fokus auf Texten in ihren deutsch-niederländischen Übersetzungen: Joël Broekaerts »Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen« widmet sich am 24. August in Leverkusen der ungewöhnlichen Kulturgeschichte einer uralten Pflanze, während in Den Haag und Venlo am 15. und 16. September aus Annett Gröschners Roman »Schwebende Lasten« gelesen wird, der in seiner niederländischen Übersetzung »Boeket voor een Onbekende« heißt.
»Erinnern ist eine Kachel bei Instagram«: Das neue Buch von Nora Gomringer
Auch die deutsch-schweizerische Lyrikerin Nora Gomringer reist ins Rheinland, um ihr neuestes Buch vorzustellen: »Am Meerschwein übt das Kind den Tod« präsentiert die Dichterin von einer neuen Seite: Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin erzählt mit ihrem ersten Roman gewohnt humorvoll und ungewohnt autobiografisch von dem Tod ihrer Mutter. Noch bis Herbst tourt die Autorin auch abseits des Literarischen Sommers mit Lesungen durch NRW.
Dabei hat die Autorin sogar ein eigenes Wort für ihr Buch erfunden. Es sei ein »Nachrough« – ein Wortspiel, das zu dem Text der deutsch-schweizerischen Lyrikerin passt, offenbart es doch gleich das Schreiben Gomringers, das sich nie zu ernst nimmt, mit den Worten spielt: Es soll eine Mischung aus Nachruf und dem englischen Wort »rough«, rau oder uneben sein. Das passt, wenn es um den Tod geht, um Trauer, Verlust und die eigene Überforderung. Das titelgebende Meerschweinchen-Zitat stammt von Gomringers Mutter, ein Ratschlag, den sie einst in Sachen Trauerbewältigung von Kindern gab. Noras Haustiere waren schneller tot als gedacht – vom Hund zerbissen oder mit ungekochten Kartoffeln vergiftet. Von dieser schwarzhumoristischen Erinnerung aus nimmt uns die Autorin mit auf ihre Suche nach einer Sprache, nach Bildern und Metaphern für das Metaphysische, für den Tod ihrer geliebten Mutter Nortrud Gomringer, für das Danach und das Erinnern: »Erinnern ist eine Kachel bei Instagram, für die es mal mehr, mal weniger Likes gibt. Oder eben ein Gang durch ein Museum mit wechselnder Hängung. Same same.« Dass ein solches Erinnern nicht zwangsläufig lakonisch sein muss, beweist Gomringers Text durch zahlreiche skurrile Anekdoten. Da besucht die Tochter just ein paar Wochen vor dem Tod der Mutter mit ebendieser den Bestatter Herr Simmert, der fachkundig die aktuellen Outfits der beiden auf ihre Leichenkleidsamkeit hin analysiert.
Der Roman schaut dahin, wo es schmerzt, wo es rough, wo es rau wird. Und das schließt nicht nur das Trauern um den schmerzlichen Verlust ein, für das Gomringer immer wieder ungewöhnliche Metaphern findet (»Die Trauer ist ein neuer Rock, ein Kleid, zwanzig Kilo weniger, neue Routine, eine schwere Bronchitis«), sondern auch den Blick auf eine Frau, die im Schatten ihres berühmten Mannes stand – Eugen Gomringer, Erfinder der konkreten Poesie. Ein Mann, der Affären hatte, Nora diverse Halbgeschwister hinterließ. Der den Silvesterabend lieber mit einer anderen Frau verbrachte als mit Nortrud – was sie zu einem exzessiven Abend voller Alkohol animierte und die kleine Nora zur lebenslangen Abstinenz. Diese Schattenseiten lässt Gomringer nicht aus. Vielmehr öffnet sie die Türen ihrer unzuverlässigen Erinnerung, die Türen ihrer Familiengeschichte sperrangelweit, ohne dabei zu romantisieren oder zu individualisieren. Ihre sprachliche Verarbeitung ist als Einladung zu verstehen, sich selbst ins Verhältnis zu setzen. Eigene Verluste, transgenerationale Familiengeschichte zu reflektieren, Verklärungen zu identifizieren. Und so zeigt die Autorin, dass Erinnern immer beides sein kann: liebevoll und brutal ehrlich, herzschmerzend und irre lustig.
»LITERARISCHER SOMMER«
2. JULI BIS 16. SEPTEMBER
VERSCHIEDENE ORTE IM RHEINLAND UND
DEUTSCH-NIEDERLÄNDISCHEN GRENZGEBIET
NORA GOMRINGER BEIM »LITERARISCHEN SOMMER«:
18. AUGUST, GARTENLESUNG IN LEVERKUSEN (REUSCHENBERGER STRAßE 5)
19. AUGUST, STADTTEILBIBLIOTHEK RHEYDT
WEITERE GOMRINGER-TERMINE:
7. JULI, CASINO DES RHEINISCHEN SPARKASSEN- UND
GIROVERBANDES DÜSSELDORF
18. AUGUST, STADTBIBLIOTHEK MÖNCHENGLADBACH
16. OKTOBER, STADTBIBLIOTHEK BIELEFELD
NORA GOMBRINGER: AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD.
EIN NACHROUGH, 208 SEITEN, 22 EURO, VERLAG VOLAND & QUIST