Die Ruhrtriennale eröffnet unter Regie ihres Intendanten Ivo Van Hove mit der großartig besetzen, aber stellenweise plakativen David-Bowie-Hommage »Rebel Rebel«.
Und die Erde war wüst und leer. So beginnen Schöpfungsmythen. Die Bühne der Bochumer Jahrhunderthalle wird kurz vor dem Finale des Eröffnungsabends der Ruhrtriennale 2026 ebenfalls verwüstet und übersät mit Müll und hingestreckten Figuren am Boden, wie jenseits allen Glaubens, aller Liebe, aller Hoffnung.
Das, wovon Ivo Van Hove (wie in den beiden vorangegangenen Saisons wiederum musikalisch) erzählt und was von fern an Leonard Bernsteins »West Side Story« mit dem Liebespaar Tony und Maria erinnert (Van Hove hat das Musical übrigens schon inszeniert), ist eine klassische Boy-meets-Girl-Variation unter extremen Bedingungen. Tristan und Isolde oder Romeo und Julia, die eben auch Tony und Maria heißen können und in New York zuhause sind, oder Jack und Rose, die mit der »Titanic« untergehen, oder Andrew und Joe in »Philadelphia« zu Beginn des Aids-Zeitalters, das bleibt sich gleich. Sie stehen dafür, dass die Liebe Zeiten und Räume, soziale Gegebenheiten und kulturelle Verortungen überwindet.

Vielleicht ist sogar die geschlechtliche Zuordnung hier nicht ganz klar und eher fluid. In David Bowies Song »Rebel Rebel«, der dem Abend den Titel gibt, lautet eine Zeile: »You’ve got your mother in a whirl / She’s not sure if you’re a boy or a girl«. Warum also nicht: Boy meets Boy oder anders herum. Jedenfalls Zwei, die anders sind in einer bedrohlichen, repressiven, menschenfeindlichen Welt, bestehend aus rostigen Containern, brennbarem Material, gecrashten Limousinen, kaputten Häusern und Gittern (Bühne: Jan Versweyveld), und sich behaupten, finden, selbstermächtigen.
Noch ein Dritter ist da: der Widerpart und Anti-Messias, die dunkle Macht, der Leader einer rüden Gang, die anfangs Leichen über den Boden schleift und das Paar drangsaliert. Er hasst die Liebe und hat anarchische Zerstörungswut – aber aus Einsamkeit, groß und tief wie der Kosmos. Darin gleicht er Mephisto. »Des Chaos wunderlicher Sohn« befindet für wert, dass alles zugrunde geht. Ausdrucksmittel dieses Verächters und Verneiners ist die Musik und ihre revoltierende Kraft. Rock’n’ Roll und Soul, das sind die großen Protestnoten, sind das große Heils- und Lustprinzip. Daniel Donskoy spielt und singt ihn als raubtierhaften Athleten des Untergangs, tragischen »Hero« und als ins Böse verkehrte Spiegelung des braven Boy. Auch er wird sich wandeln können, wie das Ende zeigt.
Der Sound of Music, der diese Drei (sowie zehn Tänzerinnen und Tänzer) bewegt und charakterisiert, mehr noch, sie überhaupt kreiert, nicht bloß Stimme, sondern auch Körper, stammt von David Bowie. Er gehört zum unsterblichen popkulturellen Erbe wie Frank Sinatra, Elvis, die Beatles und Michael Jackson, wie Billie Holiday, Piaf, Madonna oder Tina Turner. Bowie, das war und bleibt Dauer im Wechsel. Verwandlung ist sein Credo und Lebens- und künstlerisches Prinzip gewesen. Die Maske als Wesen, Identität als Rollenspiel von Ziggy Zardust über den White Duke und Berliner Prinzen der Nacht bis zur absoluten Pop-Ikone. Frei sein heißt, wie Thomas Mann sagt, »im Gleichnis leben zu dürfen«. Bowie, der freie Mensch.
Die Songs – 29 an der Zahl, berühmte und unbekanntere aus zwei Dutzend Alben und allen Perioden des Künstlers von den Sixties bis zu »Blackstar« 2016 im Jahr seines Todes – begleiten, kommentieren und übersetzen die Geschichte des Paars. Sie scheut das Plakative nicht. Projektionen blenden riesige Lettern von Schlag- und Leitworten ein wie NOT ALONE, WONDERFUL, TRUTH oder DAMN.
Bowie-Songs handeln davon, dass das Individuum keinen Platz hat im Kollektiv, im Mainstream, in der sich neu anbahnenden Diktatur der Mehrheit. Der Mensch im Sperrbezirk. Ein Outcast. Wobei dieser gedanklich und politisch motivierte Impuls in »Rebel Rebel« zuvörderst Dekor und Kulisse bietet: für die Lieder, die oft wie ein Fanal lodern, und für ihre energetische Interpretation: durch Henry Hey, den musikalischen Leiter, seiner mit ihm siebenköpfigen Band sowie den drei grandiosen Solisten. Neben Daniel Donskoy sind es als Boy und Girl, die die Liebe schön sein, träumen und fliegen lässt: Diego Rodriguez und (die non-binäre) Ari Notartomaso.

Noch eine Einschränkung. Der Inbrunst des Darsteller-Trios nimmt die Choreografie von Sidi Larbi Cherkaoui eher etwas, als dass sie etwas hinzufügen würde. Schlicht bis zum Banalen, ist zwar nichts gegen die tänzerische Leidenschaftlichkeit einzuwenden, wohl aber gegen das gestische Alphabet, das als erotische Ekstase so vorhersehbar ist wie im brutalen Zugriff oder im Freudentaumel, der erinnert an die kunterbunt-fröhliche Vielfalt der einstigen Les Humphries Singers.
Ähnliches gilt für die visuelle Ästhetik von Christopher Ash. Die kennt keine Zurückhaltung, wenn es darum geht, kosmische Wirbel für den »Spaceboy« zu erzeugen; sie schwelgt in rosa Palmen-Idyll, inszeniert einen psychedelischen Trip wie Kubricks »2001« (»Starman«), lässt die Sonne aufgehen (»Stay«) oder zu »Life on Mars?« – da ist man dann sogar gern überwältigt und verführt – den roten Planeten in einer bombastischen poetisch-surrealen Melancholia-Fantasie jedes Format sprengen.
Es bleibt nicht beim Höllenfeuer, sondern es brechen »Golden Days« an – in allumarmender Harmonie. Gemäß Ivo Van Hoves Festival-Motto: »Longing for Tomorrow (Sehnsucht nach morgen). Bowie ist zum Himmel aufgefahren. Wir müssen auf Erden bleiben. Da dürfen wir wenigstens einen Moment lang träumen. Die Realität wird uns bald wieder wecken.
Vorstellungen: 22. und 23., 25., 26. und 27., 30. August, Jahrhunderthalle Bochum.






