Die sozialen Medien bieten eine grenzenlose Bühne für die Selbstinszenierung. Im Museum Goch wird das Phänomen nun zum Ausstellungsthema. Dabei richtet sich der Fokus auf Frauen: Kurator Freddy Langer zeigt Verbindungen auf zu ihren Fotos und emanzipatorisch motivierten Arbeiten vergangener Künstler*innen-Generationen. Was ist heute anders als in den 1960er und 70er Jahren?
kultur.west: Herr Langer, Sie waren F.A.Z.-Redakteur, sind Foto-Experte und selbst Fotograf. Jetzt kuratieren Sie in Goch eine Ausstellung, für die Sie sich über Monate jeden Tag auf Instagram umgeschaut und dort Fotografien herausgesucht haben. Was interessiert Sie an diesen Social-Media-Bildern?
FREDDY LANGER: Ich selbst fotografiere seit vielen Jahren Menschen mit Schlafbrillen. Als es eine größere Ausstellung der Serie in Mannheim geben sollte, wollte ich meinen eigenen Bildern jüngere Positionen zur Seite stellen: Fotografien von maskierten Menschen. Mit dieser Idee habe ich mich bei Instagram auf die Suche gemacht. So hat alles angefangen.
kultur.west: Gelandet sind Sie bei Frauen, die sich selbst vor ihrer eigenen Kamera inszenieren.
LANGER: Ja, über die Maskeraden kam ich zu den Inszenierungen, jenseits des versteckten Gesichts. Plötzlich hatte ich eine Liste von etwa 60 bemerkenswerten Künstlerinnen zusammen. Eine Auswahl von rund 20 zeigt die Ausstellung in Goch.
kultur.west: Social Media ist ja voll von Menschen, die sich vor der Kamera in Szene setzen.
LANGER: Es sind aber nicht diese typischen Instagram-Bilder, die mich interessieren. Es sind Bilder, gemacht für die Museumswand. Keine Motive, die man instagrammable nennen würde. Die Fotografien, um die es mir geht, fallen völlig aus dem klassischen Schönheitsbegriff und der heilen Welt von Instagram heraus.
kultur.west: Wie haben Sie die Künstlerinnen gefunden?
LANGER: Ich habe mir Hashtags ausgedacht, die ich selbst wählen würde, wenn ich so jemand wäre. »Self on Stage«, der Ausstellungstitel für Goch, zitiert auch einen solchen Hashtag. So habe ich die ersten zehn Künstlerinnen gefunden – danach ging alles ganz schnell. Ich musste nur schauen, wem sie folgen und wer ihnen folgt.
kultur.west: Ist die Bildsprache geprägt durch oder abgestimmt auf das Internet?
LANGER: Weniger. Das ist für diese Künstlerinnen nicht entscheidend. Vereinzelt antworten sie vielleicht darauf – wie Kourtney Roy, die einen tollen Insta-Account hat. Da spielt sie mit Konventionen von Glamour oder Urlaubsglück und ist immer eine Umdrehung weiter. Ihre Inszenierungen haben alle einen schrägen Unterton. Ein bisschen etwas Krankhaftes, Lachhaftes, Absurdes. Da könnte man sagen, sie orientiert sich an Bildern aus den sozialen Medien, indem sie diese ad absurdum führt oder ironisiert.
kultur.west: Welche Rolle spielen denn Insta und Co. für die Fotografinnen der Ausstellung?
LANGER: Vor allem, so habe ich den Eindruck, nutzen sie die sozialen Medien, um sich im Gespräch zu halten oder überhaupt erst ins Gespräch zu kommen.
kultur.west: Wird man in Goch also eher Künstlerinnen kennenlernen, von denen bisher noch nicht so viel zu hören oder zu sehen war?
LANGER: Die meisten sind nicht sehr bekannt, aber es ist unterschiedlich. Eine ist zum Beispiel dabei, Lia Sophie Laukant, deren Fotografien im Rahmen der Bachelorarbeit an der Kunsthochschule Bremen entstanden sind. Erst im Nachhinein kam heraus, dass auch ihre Professorin Nina Röder in der Schau vertreten ist. So reicht das Spektrum von der Studentin über die Professorin bis zur Hochleistungssportlerin: Grit Reiss hatte es in der DDR als Weitspringerin sogar auf eine Briefmarke geschafft. Sie studierte dann Sport in Leipzig und anschließend Freie Kunst in Mainz. Für ihre Selbstinszenierungen ist diese Biografie nicht unwesentlich, denn Reiss ist bis heute durchtrainiert und zeigt das in ihren Fotos auch.
kultur.west: Haben die Arbeiten von Sophie Laukant, Nina Röder, Grit Reiss und den anderen Fotografinnen, die Sie bei Instagram aufgetan haben, Gemeinsamkeiten? Gibt es etwas, das alle verbindet?
LANGER: Spannend fand ich zunächst etwas anderes: Die Verbindung zu feministischen Positionen der 60er und 70er Jahre, Künstlerinnen wie Orlan oder Cindy Sherman, Ulrike Rosenbach, Annegret Soltau oder Valie Export. Als ich bei einer Ausstellung in Arles Arbeiten dieser »Female Avantgarde« betrachtet habe, wurden mir die Parallelen blitzartig klar – Mensch, da gibt es etwas, eine neue Generation, die macht etwas Ähnliches, aber anders. Das könnten die Enkelinnen sein. Dabei entwickelt jede einzelne eine eigene Sprache, die Positionen sind klar zu unterscheiden.
kultur.west: Würden Sie sagen, dass sich die Künstlerinnen von heute die weibliche
Avantgarde der 60er und 70er Jahre zum Vorbild nehmen?
LANGER: Vielleicht nicht direkt, doch stehen die Jungen auf den Schultern der Älteren. Sie haben Tore und Türen aufgestoßen und es den aktuellen Fotografinnen damit viel leichter gemacht mit ihren Arbeiten.
kultur.west: Was hat sich verändert? Wo sehen Sie wesentliche Unterschiede zwischen der weiblichen Selbstinszenierung damals und heute?
LANGER: Da muss ich vorsichtig sein … Was sich geändert hat, ist, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper heute wesentlich schöner anzuschauen ist als vor 60 Jahren. Es hat etwas Gefälliges. Diese neuen Bilder, das will ich jetzt nicht abwertend sagen, sind nicht mehr politische Pamphlete, sondern Arbeiten für den Kunstmarkt. Die Frauen heute müssen nicht mehr in dem Maße provozieren wie etwa Valie Export, die sich einen Kasten vor den nackten Oberkörper schnallte und Passanten in Fußgängerzonen aufforderte, hineinzugreifen und ihre Brüste zu begrapschen. Oder Orlan, die ihr Gesicht operieren ließ und sich bewusst hässlich machte, um jenem Schönheitsideal zu entkommen, das Männer den Frauen überstülpen.
kultur.west: Trotzdem kommt es doch auch in den Arbeiten der Jungen noch zu Schockmomenten.
LANGER: Sie schockieren gerade in dem Maße, dass man es noch als sympathischen Grusel bezeichnen kann. Die Älteren haben absichtlich für Entsetzen gesorgt. Das ist hier nicht mehr der Fall. Wenn es einmal brutal zugeht bei den Jüngeren, dann zum Beispiel mit alptraumhaften Motiven aus der Psychiatrie, wie Lilith Terra sie zeigt.
kultur.west: Halten wir fest: Die neue Generation ist weniger kritisch und politisch.
LANGER: Eine Ausnahme gibt es in der Ausstellung: Susanne Junkers hat selbst lange als Fotomodel gearbeitet und spiegelt das fragwürdige Schönheitsideal, wenn sie sich nackt in Szene setzt und auf Unregelmäßigkeiten ihres Körpers hinweist.
kultur.west: Zum Schluss bleibt eine Frage: Wo sind die Männer in Goch? Wir reden immer nur von Frauen, doch gibt es nicht nur Fotografinnen, die sich selbst vor der Kamera inszenieren.
LANGER: Ich habe mir selbst schon diese Frage gestellt und mir Bilder vor Augen geführt. Männer gehen strenger an ihren Körper heran. Sie haben oft etwas Trockenes, Kühles, Distanziertes. Das interessiert mich weniger, denn ihnen fehlt das Spielerische, das Künstlerische.

Freddy Langer, Jahrgang 1957, studierte Amerikanistik, Film und Kunstgeschichte in Frankfurt und den Vereinigten Staaten. Bis vor zwei Jahren war er Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er leitete deren Reiseteil und verantwortete für das Feuilleton die Fotografie. Langer fotografiert auch selbst, sammelt Fotos, kuratiert Ausstellungen und veröffentlicht Bücher, vor allem über Fotografie und Reisethemen.






