Ein besonderer Moment für kultur.west: Zum ersten Mal begleiten wir die Mülheimer Theatertage nicht nur journalistisch. Unsere Redakteurin Sarah Heppekausen ist Jurysprecherin und hat die sieben nominierten Stücke mitausgewählt – alle Arbeiten im Rennen um den Dramatik-und Publikumspreis nähern sich den Verwerfungen unserer Gegenwart mit unterschiedlichen Strategien. Dazu nimmt unsere Autorin Simone Saftig mit dem am Stadttheater Gießen uraufgeführten »herzkopfüber« am »KinderStücke«-Wettbewerb teil, der sich diesmal sehr ernsten Themen wie Krankheit und Tod, Vereinsamung und Depression widmet – aber auf eine spielerische und hoffnungsvolle Weise. Wie ist es, plötzlich die Seite zu wechseln? Ein Gespräch.
kultur.west: Simone, was ging Dir durch den Kopf, als Du erfahren hast, dass Du mit »herzkopfüber«, Deinem ersten Stück für junges Publikum, zu den »KinderStücken« eingeladen bist?
SIMONE SAFTIG: Das war wirklich verrückt. Ich kenne die Festivalleiterin Stefanie Steinberg schon länger, weil ich selbst schon als Social-Media-Redakteurin bei den »Stücken« gearbeitet habe. Als ich sah, dass ich einen verpassten Anruf von ihr habe, konnte ich nicht direkt zurückrufen. Da ich überzeugt war, dass sie mich fragen wollte, ob ich wieder beim Festival mitarbeiten möchte, habe ich mir mit dem Rückruf etwas Zeit gelassen. Schließlich habe ich Stefanie erreicht und erst einmal haben wir wie immer geplaudert, bis sie wie nebenbei sagte, dass wir uns in Mülheim sehen werden, weil mein Stück nominiert ist. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, aber ich glaube, wirklich realisiere ich das Ganze erst, wenn es mit dem Festival losgeht.
kultur.west: Das ist aber auch eine besondere Situation, dass du für das Festival gearbeitet hast und jetzt selbst eingeladen bist.
SAFTIG: Ja, ich kenne das Festival natürlich sehr gut, als Besucherin und Berichterstatterin. Ich habe über die gezeigten Stücke geschrieben und Interviews mit Autor*innen geführt. Insofern stand ich wirklich auf der anderen Seite. Dass ich jetzt diese Grenze überschreiten darf, ist für mich persönlich etwas Großartiges. Schließlich schreibe ich auch für das Theater, und es ist wundervoll, dass ich das Festival jetzt aus dieser Perspektive miterleben kann.
kultur.west: Sarah, Du bist auch schon lange Zeit mit dem Festival verbunden. In diesem Jahr warst Du erstmals Teil des Auswahlgremiums. Wie hast Du diesen Wechsel erlebt?
HEPPEKAUSEN: Ich habe von 2016 bis 2023 die Blog-Redaktion geleitet und da übrigens auch schon mit Simone zusammengearbeitet. Natürlich ist das ein anderer Blick, weil wir während des Festivals die Berichterstattung mit jungen Studierenden gemacht haben. Übrigens kam jedes Jahr ein Mitglied aus dem Auswahlgremium zu uns und hat einen Workshop beim Blog gegeben. Da haben wir immer viel darüber gesprochen, was die Jury macht.
kultur.west: Und was macht sie?
HEPPEKAUSEN: Also sie liest vorrangig das ganze Jahr über Stücke. In diesem Jahr waren es 220. Vielleicht sollte ich auch noch erwähnen, es kommen nur die in die große Auswahl, die in unserer Sichtungsperiode uraufgeführt werden.
SAFTIG: Vielleicht kann ich kurz einhaken, weil Du gerade darüber gesprochen hast, dass wir uns auch aus dem Stückeblog kennen und da hauptsächlich Kritiken zu den aufgeführten Inszenierungen verfasst haben. Ich erinnere mich genau an den Workshop mit Christine Wahl, die von der Arbeit des Gremiums erzählt hat. Schon da habe ich mir gedacht, ach, ich würde doch auch gerne mal auf dieser Liste stehen von den Stücken, die da gelesen werden.
kultur.west: Aber die Stücke werden nicht nur gelesen, es geht auch um die Inszenierungen.
HEPPEKAUSEN: Genau, wir reisen und schauen uns die Inszenierungen an. Aber vorrangig für die Auswahl ist der Text. Das erste Kriterium ist, funktioniert das Stück als Stück, als Lesetext. Dennoch wird jeder dramatische Text natürlich für die Bühne geschrieben, oder wie siehst Du das, Simone?
SAFTIG: Natürlich wird die Bühne beim Schreiben immer mitgedacht. Ich schreibe kein Lesestück, sondern einen Text, der aufgeführt werden soll und so eine Öffentlichkeit findet. Das heißt allerdings nicht, dass ich beim Schreiben konkrete Bühnensituationen im Kopf habe. Das ist eine Sache, die ich der Regie überlasse, aber natürlich denke ich die Bühne mit.
HEPPEKAUSEN: Genau und für uns beim Schauen ist es letztendlich auch immer eine Überprüfung. Funktioniert das, was wir vielleicht beim Lesen als herausfordernd oder auch spannend wahrgenommen haben auch auf der Bühne?
SAFTIG: Als Autorin glaube ich, es ist wichtig, dass man mit dem Text Spielangebote macht. Es muss Raum für das Spiel auf der Bühne geben.

kultur.west: Simone, Dein Stück »herzüberkopf« ist für ein Publikum ab sieben Jahren. Inwiefern hat das Dein Schreiben beeinflusst?
SAFTIG: Ich habe beim Schreiben tatsächlich noch mehr als sonst an das Zielpublikum dieses Textes gedacht, was auch daran liegt ist, dass ich selbst kein Kind mehr bin und deswegen nicht so von mir ausgehen kann. Ich muss einen Kosmos wählen, der für junge Menschen Identifikationsmöglichkeiten bereitstellt und sie im besten Fall berührt. Gleichzeitig darf man Kinder nicht unterschätzen. Das wäre das Schlimmste, was man als Autor*in machen kann. Deswegen ist es eine riesige Herausforderung, für so ein junges Publikum zu schreiben. Man versucht, das Publikum ernst zu nehmen und eine Welt zu erschaffen, die ihm sehr nahe ist, aber einem selbst als Erwachsenen nicht mehr so nahe ist.
HEPPEKAUSEN: Im Prinzip musstest Du also beim Schreiben eine andere Perspektive einnehmen. Denn was mir in diesem Jahrgang positiv aufgefallen ist, ist, dass wir als Zuschauer sehr krasse Perspektivwechsel erleben können. Da ist etwa Anna Beringers »Aufzeichnung aus einem weißen Zimmer« vom Schauspiel Leipzig. Das Stück ist konsequent aus der Perspektive von neurodivergenten Kindern, zwei Schwestern, geschrieben. Und es ist wirklich eine Kunst, wenn es funktioniert, dass wir diese Perspektive übernehmen. Einen ganz anderen Wechsel ermöglicht einem Arad Dabiri mit seinem am Nationaltheater Mannheim uraufgeführten Konversationsstück »Druck«. Dabiri hat extrem schnelle Dialoge geschrieben, die einen in die Welt junger Menschen mit Migrationsgeschichte hineinziehen.
kultur.west: Das klingt spannend. Es scheint so, als ob die Autor*innen bewusst darauf reagieren, dass sich viele Menschen immer weiter in Blasen zurückziehen und sich anderen Perspektiven verweigern.
HEPPEKAUSEN: So klar war mir das noch nicht, aber ich finde, es stimmt. Diese Tendenz hin zu anderen Perspektiven ist in diesem Jahrgang wirklich erstaunlich. Ich glaube grundsätzlich, dass das eine Aufgabe des Theaters ist und insofern nichts ganz Neues. Aber wir haben in unserer Auswahl tatsächlich mehrere Stücke, deren Autor*innen sehr konsequent an Sichtwechseln arbeiten und damit der Tendenz zum Bubble-Dasein der Menschen entgegenwirken.
SAFTIG: Also, mir persönlich gefallen selbstreferenzielle Texte einfach nicht so gut. Mich interessiert es beim Schreiben dramatischer Texte oder generell beim Schreiben kreativer Texte mehr, andere Perspektiven einzunehmen. So ist es im Moment für mich, kann sein, dass ich in drei Jahren was ganz anderes sage und das dann für mich entdecke. Zugleich kommen wir damit an einen Punkt, der eine andere Debatte tangiert, nämlich die der Frage danach, worüber darf man als Autorin schreiben. Ich finde diese Debatte sehr wichtig und sehr richtig. Auf der anderen Seite kann sie aber auch blockierend wirken. Mich in andere hineinversetzen zu können und ihre Perspektive zu erkunden, ist für mich als Autorin eigentlich eine Grundvoraussetzung, um zu schreiben.
kultur.west: Dieses Hineinversetzen in andere Perspektiven geht oft auch mit thematischen Fragen einher. Womit wir bei der Frage wären, welche Rolle thematische Überlegungen beim Schreiben für ein junges Publikum spielen?
SAFTIG: Also in diesem Jahrgang haben die Stücke thematisch eins gemein. Alle Autor*innen haben sich an die schweren Themen herangewagt. Es geht um häusliche Gewalt, um Einsamkeit, Depression bei Kindern, um den Verlust des besten Freundes und in meinem Stück »herzkopfüber« um eine kranke Mutter. Das sind schwere und traurige Themen, die da aufgegriffen werden, denen aber mit einer Wärme und einer Hingabe begegnet wird, die diesen Themen wiederum etwas Leichtes einhauchen. Außerdem staune ich immer wieder, was Kinder sehen und wie sie mit diesen Themen umgehen, die ja Teil ihrer Lebensrealität sind. Und eine dieser Reaktionen ist wiederum ihr Staunen. Das ist das Tolle an Theater, das unterscheidet es auch von anderen Kunstformen, gerade für ein junges Publikum, dass es zum Staunen einlädt.
Sarah Heppekausen
…lebt und arbeitet im Ruhrgebiet als freie Autorin und Theater- und Tanzkritikerin, seit 2021 auch in der Redaktion von kultur.west. Sie studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Bochum und lehrte auch an der Ruhr-Universität. 2016 bis 2023 leitete sie die Blogredaktion des Mülheimer »Stücke«-Festivals, seit 2025 ist sie Mitglied des Stücke-Auswahlgremiums.
Simone Saftig
…studierte Germanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Düsseldorf. Sie arbeitet als Dramatikerin, Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin. Mit ihrem Debütstück »Modern Mermates« gewann sie den Textflimmern-Preis für Nachwuchsdramatik am Theater Kiel. Aktuell ist sie Atelierautorin am Deutschen Theater Berlin. Sie lehrt und promoviert im Bereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
16. MAI BIS 6. JUNI
MÜLHEIMER THEATERTAGE
THEATER AN DER RUHR, MÜLHEIM





