Barbara Frey inszeniert am Düsseldorfer Schauspielhaus Tschechows »Die Möwe« als bisherigen Höhepunkt der Neuintendanz von Andreas Karlaganis.
»Jede persönliche Existenz ruht auf dem Grunde des Geheimnisses«, heißt es in Tschechows Erzählung »Die Dame mit dem Hündchen«. Das Geheimnis zu spüren, ohne es ergründen zu wollen, darum geht es. Barbara Frey lässt die Figuren der »Möwe« Geheimnisträger sein.
Die Birken russischer Landgüter, auf denen Tschechows Stücke häufig spielen, sind abgeholzt. Auch auf unseren Bühnen. Es sei denn, sie stehen im Indirekten, im Als ob. Wie die Dramenfiguren des Dichter-Arztes Tschechow, die zwischen der Frage ‚Was tun?’ und der Aufforderung ‚Was tun!’ still halten und deren Existenz im Konjunktiv steht: wäre, könnte, hätte, sollte, müsste. Man müsste ein Theaterstück schreiben, nach Moskau ziehen, heiraten, Karriere machen, einen Menschen lieben. Nur die Möglichkeit des Glücks. Aber was heißt ‚nur’!
Kostja trägt ein Gemälde herein, das unter wolkigem Himmel einen See mit baumbestandenem Ufer zeigt. Nach der Natur. Übersetzt in ein Kunststück, in Illusion, in Schein. Der junge Mann lehnt das Bild gegen eine mit einigen Durchlässen versehene hohe Bretterwand, vor der spärlich Grasbüschel wachsen. Die Spielfläche im Düsseldorfer Schauspielhaus ist als Guckkastenbühne doppelt gerahmt wie ein Passepartout.
Gustaf Gründgens, dessen Namen der Platz mit dem Schauspielhaus trägt, nannte dies das »Planquadrat«. Das Theater ist das Theater ist das Theater – »Neue Formen« hin oder her, die Kostja ausruft. Barbara Frey markiert so den Spielweltraum für ihre Inszenierung der »Möwe«, darin ein junger Autor, der eine Schauspielerin zur Mutter hat und ein Mädchen liebt, das einen anderen liebt und Schauspielerin werden wird, im ersten Akt einen selbst verfassten Monolog vortragen lässt und sich am Schluss erschießt.
Womöglich ist Tschechow für die Literatur, was Schubert für die Musik bedeutet: das Ins-Werk-Setzen des Schlichten und Bescheidenen und das Ineinander von Heiterem und Todtraurigem. Barbara Frey begleitet die Konflikte und Konfusionen der Figuren – ergänzend oder kontrastierend – mit musikalischen bzw. poetischen Notierungen. Dionne Warwick besingt in Burt Bacharachs »Walk on by« den Verlust. Dusty Springfield wünscht sich »Just a little lovin’«. Ian McKellens Stimme aus dem Transistorradio rezitiert englisch die Irrfahrten der Homer-»Odyssee«. Der überirdisch schöne Knabenchor aus Faurés Requiem weist ins paradiesische Gegenglück, während Hundegebell in die Szene lärmt. Ganz kurz, im IV. Akt, stimmt der Landarzt Dorn das »Erbarme dich« aus Bachs Matthäus-Passion an. Summiert damit, was die Aufführung leise bohrend, unnachgiebig und absolut entschieden in der atmosphärischen Setzung und den Charakter-Temperaturen des glänzenden Ensembles vor Augen führt: Doch, ja, es gibt das Andere – und es schmerzt, dass es uns in der Welt, wie sie ist, entgleitet.

von Anton Tschechow
Regie Barbara Frey
Regie: Barbara Frey
Bühne: Martin Zehetgruber
Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner
Kostüm: Esther Geremus
Licht: Christian Schmidt
Ton: Yannick Rieke
Dramaturgie: Emilia Heinrich
Auf dem Bild
Sera Ahamefule, Marin Blülle, Ronald Kukulies, Claudius Körber, Anna Schudt, Thomas Wittmann, Guy Clemens, Linda Rohrer, Langston Uibel
Foto: Matthias Horn
Wir sehen erbarmenswerte Menschen in ihren Verkehrtheiten, sich wechselweise antuenden Kränkungen, in Verzweiflungs-Schüben und Verachtungs-Attacken, in Angst vor der Scham. Wie sie auf gelben Plastikstühlen sitzen, meint man, sie befänden sich unter einem Glassturz: der Bruder der Arkadina, Sorin (Ronald Kukulies), verdämmernd von einem anderen Leben träumend, das er verfehlt zu haben glaubt; Dorn (Claudius Körber), leidensschmal tapfer und humorvoll sich am Unglück der Erkenntnis verzehrend; Mascha, Tochter des Gutsverwalters (Linda Rohrer), die ihre Trauer um das Vertane in schwarze Kleider hüllt und dabei wie in sich selbst aufgehängt wirkt.
Wer spricht, macht Schulden. Wer schweigt auch. Tschechows Personal ist hochverschuldet. Aber hat Kredit seines Autors. Ein Satz lässt sich nicht zurücknehmen. Die Schuld, ihn gesprochen zu haben, bleibt. Kein Easy Listening kann das fortspülen. Wir erleben Vorgänge, in denen die Mangelerscheinung Mensch ihre Fülle offenlegt. Kostja (Martin Blülle), anlehnungsbedürftig, fahrig, wie aus seinem eigenen Wesen verscheucht und schon viel zu erwachsen, ist uns Heutigen – alt oder jung – in seinem Scheitern ein Bruder. Anna Schudts Arkadina, wie mit Kernseife gewaschen, resolut und kontrolliert, zieht die Barrikaden hoch – und wir blicken dahinter. Als der erfolgsverwöhnte Schriftsteller Trigorin (Guy Clemens) mit Nina (Sera Ahamefule) redet, die er zu seiner Geliebten machen wird, und seine Phantomschmerzen als Künstler benennt, schnippt er mit den Fingern ein »Hallo, Hallo«, als müsse er fürchten, ihre Aufmerksamkeit könne schwinden. In dieser Geste ist alles enthalten! Wenn die Arkadina und Trigorin sich ‚aussprechen’, indem sich echt und falsch, Selbstbetrug und Selbstrettung unlöslich verbinden, wird Lüge zur Wahrheit und umgekehrt.
Am Ende, nachdem der Schuss fiel und eine Mutter nun ohne Sohn ist, öffnet sich der Raum: Das Motiv des gemalten Landschaftsbildes zeigt sich in vermittelter Unmittelbarkeit panoramabreit als ‚echte’ Bühnen-Natur. Die Bretterwand aber gleicht nun Gitterstäben, die ein Gefängnis umschließen – Ort der Irrtümer und der Mühen von Menschen, die sich verpassen.
Zahlreiche Aufführungstermine im Oktober und November 2026, www.dhaus.de





