Andreas Karlaganis ist der neue Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Im Gespräch mit Andreas Wilink ist ein A bis Z über seine erste Saison entstanden – von Gründgens über Heine bis zu Kleist, von Queerness über die Intuition des Schauspielers und die Kunst zu unterhalten.
A-nfang. Für mich ist es kein echter Anfang mehr, ich bin schon zwei Jahre hier für die Vorbereitungen. Jetzt geht’s wirklich los. Sieben, acht Produktionen proben gleichzeitig für ein Aufführungs-Feuerwerk.
B-ern. Ich bin in Bern geboren und in der Hauptstadt groß geworden, also inmitten des demokratischen Schweizer Systems. Die Stadt prägt meinen Dialekt. Über die Berner wird gesagt, sie seien die langsamsten Schweizer. Langsamkeit ist aber nicht gleich Denkfaulheit. Die Berner haben etwas entspannt-gemäßigtes. Das behagt mir.

C-echov. Ich freue mich sehr, dass Barbara Frey, mit der ich in Zürich, Wien und während ihrer Ruhrtriennale-Intendanz als Dramaturg zusammengearbeitet habe, hier Cechovs »Möwe« inszeniert. Sie findet in der Komödie die Melancholie und in der Tragödie die Heiterkeit. Genau richtig für den Autor und dieses Stück, das mehr eines ist über Generationen, als über das Neuerfinden von Theaterformen.

D-üsseldorf. Das bisher beeindruckendste Düsseldorf-Erlebnis war für mich am 4. Juli das Konzert der Toten Hosen. Tausende von Besucher*innen in euphorischer und friedlicher Stimmung. Das schaffen nur große Künstler.
E-nergie. Meine Hauptaufgabe ist es, die Theater-Energie sicherzustellen. Ich führe die Menschen zusammen. Der Künstler bin ja nicht ich. Vielmehr zuständig, dass der berühmte Theaterfunke zündet. Das ist die Kunst des Theatermachens.
F-antasie. Sie ist unser Hauptwerkzeug. Die Vorstellungskraft bildet die große verbindende Achse zwischen Publikum und den Darsteller*innen auf der Bühne. Sie erzählen etwas, Geschichten, von Problemen, Konflikten, Beziehungen – das ist ja nicht Realität, sondern erfunden, aber erschafft eine andere Realität, die wir gemeinsam erleben.
G-ründgens. Gustaf, dessen Nach-Nach-Nachfolger ich bin. Eine der großen, prägenden, schillerndsten Theaterfiguren des 20. Jahrhunderts. Unsere Rezeption ist geprägt von Klaus Manns Roman »Mephisto« – einer Abrechnung. Damit ist seine Geschichte nicht zu Ende erzählt. Gerade der Düsseldorf-Teil nach 1945 gehört aufgearbeitet. Das haben wir in den nächsten Jahren auch vor.
H-eine. Wir wollen einen Düsseldorfer Spielplan machen und nicht wie ein Ufo hier landen. Da ist man sofort bei Heinrich Heine, der immer wieder wiederzuentdecken ist. Mit seiner Biografie, dem, was als künstlerischer Aktivist zu bezeichnen wäre, der volksliedhaften Lyrik, seinen Widersprüchen, den Anfeindungen, auch in dieser Stadt. Auch wenn er keine Stücke geschrieben hat, er ist eine Inspirationsquelle. Wir machen ein internationales Festival H.E.I.N.E., ihm gewidmet, indem es sein Denken, seine Weltsicht aufgreift, um das Heute und seine Transformationen zu verstehen und zu gestalten.
I-ntuition. Die faszinierendste Eigenschaft, die Schauspieler*innen brauchen, um etwas zu spielen. Woher kommt bei ihnen dieser besondere, unberechenbare Moment? Eine Gabe, die sich nicht erklären lässt, eine Verbindung von Intellekt, Erinnerung, Gefühl, Sensibilität. Und das Gegenteil von Routine.
J-ugend. Bei uns gibt es seit 50 Jahren das größte Kinder- und Jugendtheater in NRW, das Stefan Fischer-Fels seit langem leitet. Jede Saison machen wir auch eine gemeinsame Produktion mit dem Schauspiel, dieses Jahr den »Hobbit«. Weiterhin gibt es das Stadt:Kollektiv. Es ist absolut notwendig, Initiativen zu fördern, um Theater in die nächste Generation zu führen.

K-leist. Wir eröffnen mit »Prinz Friederich von Homburg«, inszeniert von Ulrich Rasche. Kleist ist mein Lieblingsautor, einer der rätselhaftesten, sprachschönsten, schwierigsten deutschen Autoren. Das Stück spielt im Krieg. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Der preußische Offizierssohn und Kriegsteilnehmer ist das Gegenteil eines Helden. Das Drama fragt, wann und wie man die richtige Entscheidung trifft, einem äußeren Befehl folgt oder seinem Inneren, dem Traum, einer anderen Logik. Friedrich trifft für die Schlacht seine Entscheidung. Wie überhaupt kommen Lebensentscheidungen zustande?
L-iteratur. Ohne sie keine Inspiration, Sie muss gespielt und gelesen werden, darf nicht im Bücherregal oder Archiv verschwinden. Sie ist wie das olympische Feuer, das wir weitergeben. Ohne Hamlet hätte Bob Dylan nicht »Desolation Row« geschrieben. Sie füttert auch Algorithmen oder Netflix.
M-usical. Ein reiches, sich sehr entwickelndes Genre. Es enthält Sozialdramen, beweist Ironie, steht für Empowerment. Düsseldorf hat da eine Tradition, denken wir nur an zwei »Cabaret«-Inszenierungen, die von Jerôme Savary mit Ute Lemper und die aktuelle von André Kaczmarczyk. Wir bringen zunächst »Stereophonic« heraus über die Entstehung eines berühmten Albums, angelehnt an Fleetwood Mac.

Foto: Athos Burez
N-ikolaus Habjan. Das ist ein grandioser Puppenspieler, einer der weltbesten, mit dem ich schon in Zürich und Wien Produktionen machen konnte. Sein Soloprogramm »F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig« über das ernste Thema Euthanasie ist bei uns am 19. September zu sehen. Unbedingt lohnend.
O-ptimismus. Im Urlaub habe ich nur Zeitung gelesen, da kommt einem Optimismus schnell abhanden. Aber wir brauchen ihn – eine besondere Qualität des Theaters ist, Humor, Improvisationsgabe und manches mehr aufzubringen, um den Schreckensnachrichten etwas entgegenzuhalten.
P-olitik. Die ewige Frage: Ist Kunst politisch oder nicht? Ja, in dem Sinn, das alles politisch ist, was unser Zusammenleben bestimmt. Das Grundgesetz kennt das Gebot der Kunstfreiheit. Die Kunst hat aber einen anderen Maßstab, ist unabhängig, hinterfragend, zuhause in der Zone der Ambivalenz. Also das Gegenteil des Direkten.

Foto: Athos Burez
Q-ueer. Ist für uns sehr wichtig. Die queere Community hat das Theater hier für sich entdeckt. Wir widmen uns zwei queeren Ikonen, Klaus Nomi, dem Sänger, verkörpert von Christian Friedel, der aus Essen kommend nach Berlin und New York ging, ein Star des Undergrounds wurde und 1983 ein frühes Aids-Opfer wurde. Sowie Charlotte von Mahlsdorf in einem Solo von und mit André Kaczmarczyk.
R-eisen. Als Dramaturg war es immer meine liebste Beschäftigung, irgendwohin zu fahren, tolles Theater zu gucken, etwas zu entdecken. Das Internationale wird bei uns zentral sein, mit dem Festival H.E.I.N.E, mit Gästen aus Asien und Südamerika; wir koproduzieren mit Seoul, auch mit Belgien, Luxemburg und Dublin. Und die Stücke von Robert Wilson, die wir im Repertoire halten, reisen unter anderem nach China.
S-chaubühne. Meine erste wesentliche Station war die Berliner Schaubühne mit der jungen Gruppe um Thomas Ostermeier. Da habe ich erfahren, wie komplex so ein Neuanfang ist und wie er vertraut gewordene Sehgewohnheiten ändert.
T-ragödie. Heißt, beide Seiten haben recht, deshalb sind tragische Konflikte so spannend und lassen sich nicht auflösen, sondern sind Teil unserer Existenz. Die Tragödie hilft in ihrer emotionalen Kraft, uns in das Gegenüber zu versetzen.
U-nterhaltung. Die von der Musik kommende Sortierung von U und E spielt auch ins Theater hinein. Aber am besten ist es doch, wenn es glückt, beides miteinander zu vermischen. Dann ist es tolle Kunst.
V-orbilder. Wir dürfen uns nicht zu ihren Epigonen machen. Man kann sich an ihnen abkämpfen und doch sind sie enorm wichtig. Das Theater ist ein Mehr-Generationen-Betrieb: mit Jungen und Alten. Man lernt von Vorbildern und nimmt sich zugleich vor, es ganz anders zu machen. Schöpfend aus dem kulturellen Erbe, aber nicht unreflektiert.
W-ünsche. Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Saison genauso wird, wie wir es uns vorgestellt haben: in der Fantasie, die wiederum zum Wesen des Theaters gehört.
X. Ich selbst gehöre zur Generation X. Unsere älteste Kollegin auf der Bühne ist Jahrgang 1946, der jüngste ist 22.

Y. Kotti Yun ist eine deutsch-koreanische Schauspielerin, die aus Wien zu uns kommt, andere kommen aus Berlin, Bern, Bochum, Leipzig; und einige vertraute Gesichter sind geblieben.
Z-itat. Mein Lieblingszitat ist von Laurence Olivier, »Is it a good show or not?«.
Biografie: Andreas Karlaganis
Andreas Karlaganis wurde 1975 in Bern geboren. Seine Stationen als Dramaturg und in leitender Funktion waren die Berliner Schaubühne, das Schauspielhaus Graz, Residenztheater München, Schauspielhaus Zürich sowie das Wiener Burgtheater. Seit der Spielzeit 2026/2027 ist er Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses mit 380 Mitarbeitern und einem Gesamtetat von 35,8 Millionen Euro. Die Saison beginnt am 18. September.






