Seit vier Jahren ist Ina Brandes Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Nach vielkritisierten Kürzungsrunden in der Vergangenheit stehen ihr 2026 nun mehr Mittel zur Verfügung – doch wofür? Ein Gespräch über Herzensprojekte und Honoraruntergrenzen, Kulturförderung auf dem Land, und Entwicklungen rund um das Wuppertaler Pina Bausch Zentrum und das Kölner Migrationsmuseum Selma.
kultur.west: Frau Brandes, Sie sind bald vier Jahre Kulturministerin, und mein Eindruck ist, dass Sie daran Spaß gefunden haben. Stimmt das?
INA BRANDES: Ja! Das hat maßgeblich mit den Menschen und deren Begeisterung zu tun – in der Kultur wie in der Wissenschaft. Da ist nie jemand aus Versehen gelandet und sitzt jetzt seine Zeit ab, sondern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können sich ebenso wie Künstlerinnen und Künstler nichts Schöneres vorstellen als das, was sie machen. Mit solchen Menschen den ganzen Tag zu tun zu haben, ist ein Vergnügen. Außerdem darf ich nun noch von Berufs wegen ständig ins Museum, ins Konzert, ins Theater gehen. Auch das bereitet mir viel Freude. Dazu kommt: Wenn man länger Ministerin ist – und vier Jahre ist in der Politik schon relativ lang –, kommt irgendwann der Punkt, an dem man Vieles verstanden hat und die Zusammenhänge kennt. Seitdem habe ich das Vertrauen gewonnen, gemeinsam mit dem Team des MKW eigene Ideen umzusetzen – mit Menschen, die ich kenne und mit denen ich gerne zusammenarbeite. Das macht in der Tat Spaß.
kultur.west: Zu den schöneren Momenten hat sicher gehört, dass Sie 2026 für die Kultur nicht wie ursprünglich geplant weniger, sondern mehr Geld zur Verfügung haben. Wofür geben Sie das genau aus?
BRANDES: Das Wichtigste sind die Honoraruntergrenzen für Künstlerinnen und Künstler. Die haben wir zum 1. Januar bei allen Kulturprojekten und -Institutionen in Nordrhein-Westfalen eingeführt, die eine Landesförderung erhalten. Es wurde zu Recht von uns erwartet, dass wir die Förderungen auch finanziell besser ausstatten, damit ein Mehr an Honoraren nicht zu einem Weniger an kulturellem Angebot führt. Lange war unklar, ob wir uns das in der aktuellen Haushaltssituation würden leisten können. Ich bin sehr froh, dass wir dafür jetzt rund drei Millionen Euro zusätzlich ausgeben können.
kultur.west: Höhere Honoraruntergrenzen sorgen für zusätzliche Ausgaben in einer finanziell schwierigen Phase. Viele haben deshalb den Zeitpunkt der Einführung kritisiert, Sie haben sich immer dafür eingesetzt. Warum?
BRANDES: Das ist für mich eine Frage von im Wortsinn nachhaltiger Kulturpolitik, also nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit. Der staatlich finanzierte Kulturbetrieb hat eine Verantwortung, Künstlerinnen und Künstler so zu vergüten, dass die von ihrer Arbeit leben können. Künstlerische Exzellenz braucht Sicherheit. Wenn man nebenbei noch Taxi fährt oder Pizza ausliefert, nur um über die Runden zu kommen, wird man vielleicht nicht zu dem künstlerischen Niveau vordringen, zu dem man eigentlich fähig ist. Das sind auch keine Almosen für Künstlerinnen und Künstler, sondern die notwendige Anerkennung ihrer Arbeit. Von den Honoraruntergrenzen profitiert übrigens auch das Publikum, weil damit künstlerische Qualität möglich wird, die es sonst nicht geben könnte.
kultur.west: Dafür sind drei der acht Millionen Euro vorgesehen, die in diesem Jahr zusätzlich zur Verfügung stehen. Wofür wollen Sie das übrige Geld ausgeben?
BRANDES: Viele kleine Kulturveranstaltungen, vor allem im ländlichen Raum, werden ehrenamtlich organisiert: eine Lesung, ein kleines Festival, eine Konzertreihe. Die bekommen kaum Förderungen, weil Kommunen so etwas oft nicht oder zumindest nicht in der Breite unterstützen können. Auch private Sponsoren lassen sich im vierten Jahr der Wirtschaftskrise nur schwer finden. Für uns als Landesministerium wiederum bedeuten so kleine Summen einen hohen Verwaltungsaufwand. Deshalb haben wir mit dem »Kultur-Scheck« ein neues Instrument entwickelt: Ausrichter bekommen 500 Euro pro Veranstaltung und müssen dafür nur die real entstandenen Kosten einreichen. So können wir mit 500.000 Euro immerhin 1000 Kulturangebote pro Jahr unterstützen.
kultur.west: Bleiben noch 4,5 Millionen Euro…
BRANDES: … die bislang nicht vollständig verplant wurden. Das liegt unter anderem daran, dass wir wegen der Finanzlage in den Kommunen noch mit einigen Kulturinstitutionen im Gespräch sind. Wir wollen uns Spielräume lassen, um auf lokale Situationen reagieren zu können. Nur zwei Dinge haben wir schon entschieden: Wir wollen die Theater dabei unterstützen, ihre Energiekosten dauerhaft zu senken. Außerdem bekommen die Literaturbüros 130.000 Euro zusätzlich. Die wurden bei dem zusätzlichen Geld für die Honoraruntergrenzen nicht berücksichtigt, weil sie schon lange faire Honorare zahlen. Für diese Vorreiterrolle wollen wir sie belohnen, nicht bestrafen.
kultur.west: Es gibt in Nordrhein-Westfalen einige große Kulturbaustellen, im wahren Sinne des Wortes. Jüngstes Beispiel ist Selma, das Museum für Migrationsgeschichte in Köln, wo den Verantwortlichen kürzlich aufgefallen ist, dass sich der vor Jahren aufwändig untersuchte Standort in den Hallen Kalk doch nicht für einen Museumsbau eignet. Jetzt soll dieses Vorzeigeprojekt möglichst schnell ins Kulturzentrum am Neumarkt ziehen, damit die Fördermittel von Land und Bund nicht verfallen. Da teilen sich mit VHS, Rautenstrauch-Joest-Museum und Museum Schnütgen bereits mehrere Einrichtungen die eh nicht sehr großzügigen Räumlichkeiten. Der Kölner Kulturdezernent spricht von einer Interimslösung. Sie auch?
BRANDES: Der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen wollen ein Migrationsmuseum in Köln. Die Fördermittel für die Errichtung des Museum Selma stehen aufgrund einer klaren Zweckbindung nur für eine langfristige und tragfähige Standortlösung zur Verfügung, nicht für eine Übergangsimmobilie. Wir stehen hinter Selma, aber wir werden dieses Museum nur ein Mal einrichten.
kultur.west: Finden Sie den neuen Standort attraktiv?BRANDES: Ich war ein Fan des alten Konzeptes und wie die Quartiersentwicklung im rechtsrheinischen Kalk mitgedacht war. Das hatte ich mir vor Ort angeschaut und fand es richtig gut. Deswegen ist es extrem bedauerlich, dass die Umsetzung dieses Konzeptes jetzt so viel teurer sein soll als wir immer kommuniziert bekommen haben. Wir haben deshalb eindringlich darum gebeten, zügig eine Alternative zu präsentieren. Der Bund hat zudem eine Regel eingeführt, dass spätestens fünf Jahre nach Bewilligung einer Förderung ein umsetzungsreifer Vorschlag vorliegen muss – diese fünf Jahre waren Ende 2025 um. Wir haben dann mit vereinten Kräften und in vielen Gesprächen hinbekommen, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages eine Verlängerung bewilligt, aber das ist jetzt wirklich der letzte Aufruf. Wenn die Stadt Köln sagt, dass die Lösung im Kulturzentrum am Neumarkt mit der größten Wahrscheinlichkeit noch rechtzeitig umgesetzt werden kann, dann nehmen wir das an. Mein Interesse ist, ein Migrationsmuseum in Nordrhein-Westfalen zu bekommen. Jetzt liegt ein Wert im Tempo an sich.
kultur.west: Es gibt noch mehr Kulturbauten mit zum Teil großen Verzögerungen, an deren Finanzierung das Land beteiligt ist. Bei zweien interessiert mich der aktuelle Stand der Dinge. Zuerst: Deutsches Fotoinstitut in Düsseldorf.
BRANDES: Wir sind in guten und engen Abstimmungen mit Stadt und Bund, was die Betriebskostenfinanzierung angeht, aber auch bei der inhaltlichen Weiterentwicklung des Konzepts. Ich gehe davon aus, dass ich vor der Sommerpause mehr sagen kann. Wir sind auch relativ weit in der Suche eines vorläufigen Standortes, um bald mit der Arbeit anzufangen.
kultur.west: Und dann das Pina Bausch Zentrum in Wuppertal.
BRANDES (lacht): Wie lange haben Sie Zeit? Also beim Pina-Bausch-Zentrum ist aufgrund des enormen zeitlichen Verzuges entschieden worden, die Sanierung des Alten Schauspielhauses und den daneben geplanten Neubau in zwei Projekte zu teilen. Ich halte das für richtig, weil auch hier der Verfall der Bundesmittel droht. Die erwähnte Fünfjahresfrist ist auch da längst abgelaufen. Wir warten jetzt darauf, dass die Stadt Wuppertal eine Einigung mit dem Rechteinhaber Salomon Bausch erreicht (unter anderem wegen der Namensgebung; Anm. der Redaktion) und eine umsetzungsreife Planung für den Neubau vorlegt. Ich gehe davon aus, dass beides in diesem Jahr erreicht wird und dann die Voraussetzungen erfüllt sind, das Projekt fortzusetzen.
kultur.west: Kommen wir zu etwas Erfreulichem: Mit dem Erwerb der Nutzungsrechte für das Werk von Joseph Beuys ist Ihnen nach über 30 Jahren des Ringens zwischen Land und Beuys-Erben ein echter Befreiungsschlag gelungen. Vor allem für Schloss Moyland, wo die weltweit größte Beuys-Sammlung zuhause ist und nur eingeschränkt gezeigt werden konnte. Daran hatten sich all Ihre Vorgänger*innen die Zähne ausgebissen. Wie haben Sie es hingekriegt?
BRANDES: Da sind viele Faktoren zusammengekommen, die eine Lösung begünstigt haben: Mit Frau Dr. Mählmann hat Moyland eine künstlerische Leitung, die sehr gute Arbeit macht, mit viel Respekt vor dem Werk von Joseph Beuys. Gleichzeitig haben wir – auch ich selbst – zur Familie Beuys einen guten und konstruktiven Gesprächsfaden geknüpft. Wir haben uns gegenseitig vertraut und uns auch geglaubt, dass wir alle für das künstlerische Werk von Beuys das Beste wollen. Die gute Arbeit auf Schloss Moyland hat sehr dazu beigetragen, dass der Beuys Estate (das sind die Erben, Anm. der Redaktion) das Gefühl hat, dass diese Rechte bei uns in guten Händen sind und wir anständig mit ihnen umgehen werden. Und zwar im besten Interesse des künstlerischen Erbes von Beuys.
kultur.west: In den vergangenen Monaten waren Kunst- und Meinungsfreiheit ein heiß diskutiertes Thema. Ihr Amtskollege im Bund, Wolfram Weimer, steht stark in der Kritik, weil er den Verfassungsschutz eingeschaltet und drei Buchhandlungen einen von der zuständigen Jury zugesprochenen Preis verweigert hat. Halten Sie als Kulturministerin des größten Bundeslandes und angesichts der grundgesetzlichen Kulturhoheit der Länder Regelanfragen beim Verfassungsschutz für ein taugliches Vorgehen?
BRANDES: Nein.
kultur.west: Ist der Job als Kulturstaatsministerin in Berlin eigentlich reizvoll für Sie?
BRANDES: Darüber habe ich noch nie nachgedacht – und habe dafür auch keinen Anlass.
kultur.west: Sie sind jetzt vier Jahre Kulturministerin in Nordrhein-Westfalen. Was waren die größten Herausforderungen, was würden Sie sich als Erfolg auf die Fahne schreiben und was ist noch zu tun?
BRANDES: Als ich anfing, war Corona noch nicht zu Ende, da begann schon die Energiekrise infolge des Krieges in der Ukraine, und kurz darauf kam mit dem 7. Oktober noch ein tiefgreifender Einschnitt. Jetzt stehen wir vor der nächsten großen Herausforderung oder sind schon mittendrin: Wie wirkt sich Künstliche Intelligenz auf Kunst und Kultur aus? Politik und Landesregierung, Kulturschaffende und Institutionen, Verbände und Hochschulen haben dafür ein Netzwerk »KI, Kunst und Kultur« gegründet, und wir sind das erste Bundesland, das so etwas auf die Beine stellt. Wir haben die Kultur im ländlichen Raum gestärkt, mit dem Programm der Dritten Orte und den schon genannten Kultur-Schecks. Neben den Honoraruntergrenzen liegt mir persönlich auch das Projekt Holo-Voices auf Zollverein besonders am Herzen, also die Digitalisierung der Zeitzeugenberichte von Holocaust-Überlebenden, um sie für die Nachwelt erhalten zu können. Glücklicherweise wird es extrem gut angenommen. Tausende Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Land haben Holo-Voices schon gesehen. Es ist unsere bleibende Verantwortung an die Gräuel der Nazis zu erinnern, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert.
kultur.west: Und was ist unerledigt, was wollen Sie bis zur nächsten Wahl im April 2027 noch durchziehen?
BRANDES: Zwei Sachen stehen für mich ganz oben auf der Liste: Erstens die dauerhaft verlässliche Finanzierung der Landestheater und -orchester. Auch wenn der Name etwas anderes nahelegt, sind wir als Land nicht Träger der Landestheater und -orchester und nur einer von mehreren Geldgebern. Wir haben ein Gutachten zur Rolle und Aufgabe der Theater und Orchester in Auftrag gegeben, dessen Ergebnisse wohl nicht bis April 2027 abgearbeitet werden können. Ich möchte das Thema gleichwohl auf den Weg bringen – auch als Signal, weil mir das persönlich wichtig ist. Das zweite ist eine Fachkräfteoffensive in der musikalischen Bildung. Wir haben deutlich zu wenig Lehrkräfte im Musikbereich – in ganz Deutschland. Das liegt mir am Herzen, weil wir sonst Gefahr laufen, eines unserer wichtigsten Kulturgüter – die Musik – zu verlieren. Deswegen wird jetzt von vielen kenntnisreichen Leuten in meinem Ministerium und darüber hinaus ein Konzept erarbeitet. Ich weiß nicht, ob wir das in der Kürze der Zeit noch hinbekommen – aber ich bin überzeugt, dass die Zeit gut investiert ist, es zu versuchen.

Zur Person
Ina Brandes ist seit 2022 Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Die gebürtige Dortmunderin (48) hat Politikwissenschaft, Geschichte und Englische Philologie in Göttingen und Rom studiert; vor ihrem Wechsel in die Politik stand sie ein Jahrzehnt an der Spitze eines internationalen Ingenieur-Konzerns. Für ihre Kürzungen im Haushalt 2025 und deren Kommunikation war sie stark kritisiert worden.






