Das Ballett Dortmund erfindet sich neu. Nach dem Abschied von Xin Peng Wang übernimmt ein Führungstrio mit ambitionierten Plänen. Hier will der neue Intendant Jaš Otrin die Stars von morgen formen.
kultur.west: Herr Otrin, Sie haben schon viel Berufserfahrung gesammelt: Tanzsolist, Ballettmanager, Companyleiter, Coach, Lobbyist, Unternehmer, Funktionär. Habe ich etwas vergessen?
OTRIN (lacht): Ich habe noch eine Ausbildung als Musik- und Klavierlehrer absolviert. Außerdem bin ich Chorleiter. Wobei – ausgeübt habe ich diese Berufe nie. Ich habe nur meine Tochter beim Klavierüben gequält.
kultur.west: Was treibt Sie an, all diese Felder zwischen Kunst und Management zu bespielen? Nach der Bühnenkarriere haben Sie bezeichnenderweise unter anderem Theaterwissenschaften studiert und in Personalentwicklung im Theater promoviert.
OTRIN: Kunst braucht einen Rahmen, damit sie sich entfalten kann. Da mein Vater Iko Otrin, der im ehemaligen Jugoslawien seinerzeit der meistgespielte Choreograf war, mir kein Talent für das Choreografieren vererbt hat, möchte ich Kunst auf diese Weise ermöglichen.
kultur.west: Erstmals sind Sie Intendant eines Ensembles und starten als Führungstrio. Ist ein Trio an der Spitze einer Company in Deutschland ein Novum? Doppelspitzen wie beim Ballett am Rhein setzen sich zunehmend durch, um die künstlerischen und die organisatorischen Aufgaben zu trennen. Aber ein Trio?
OTRIN: Ich finde diese Trennung richtig. Aber bei uns muss man unterscheiden: Wir treten nicht als Dreier-Team in der Intendanz an. Annabelle López Ochoa und Edward Clug sind Artists in Residence. Sie werden sehr viel in Dortmund kreieren und das Profil der Company mitprägen, unter anderem durch ein Mentorenprogramm im Rahmen der Neustrukturierung. Aber es gibt nur einen Intendanten. Deshalb liegt die Verantwortung ausschließlich bei mir.
kultur.west: Wie sieht die Neustrukturierung aus?
OTRIN: Wir etablieren ein Drei-Säulen-Modell und verändern intern die Strukturen von Hauptcompany und NRW Juniorballett. Drei Kompetenzzentren bilden unser Alleinstellungsmerkmal: Tanz, Choreografie, Tanzpädagogik. Das Publikum wird davon vermutlich nichts mitbekommen – abgesehen davon, dass wir hoffentlich noch sehr viel besser werden.
kultur.west: Was heißt das konkret?
OTRIN: Ich denke da an Paris, Moskau oder Sankt Petersburg. Dort haben besonders begabte Tänzer*innen einen Ballettmeister, der sie wirklich begleitet. Wir werden die Zahl der Ballettmeister entsprechend aufstocken. Denn wir wollen die Stars von morgen entwickeln! Das ist das Credo meiner gesamten Intendanz.
kultur.west: Welche Rolle spielen dabei Ochoa und Clug?
OTRIN: Sie stehen jungen Talenten mit choreografischem Potenzial zur Seite. Die künstlerischen Ergebnisse präsentieren sie an drei oder vier Vorstellungen verteilt über die Saison. Damit heben wir uns ab von den üblichen Abenden junger Choreografen zum Ende einer Spielzeit. Aber die Aufführungen finden nicht im Dortmunder Opernhaus statt, sondern in kleineren Locations wie der Kokerei Hansa mit intimer Atmosphäre.
kultur.west: Was planen Sie im Kompetenzzentrum Tanzpädagogik?
OTRIN: Wir bieten älteren Tänzer*innen vor dem Ende ihrer aktiven Karriere den Erwerb des tanzpädagogischen Zertifikates (TPZ) innerhalb einer Spielzeit an. Diese Qualifikation in Kooperation mit dem Deutschen Bundesverband für Tanzpädagogik (DBfT) habe ich als dessen Geschäftsführer noch selbst mitkonzipiert. Das Curriculum vermittelt Grundlagen der Pädagogik wie Konfliktmanagement, Tanzmedizin, Tanzgeschichte und Musiktheorie. Voraussetzung ist eine mindestens dreijährige Erfahrung als Profitänzer*in.
kultur.west: Wie kann das während der Spielzeit funktionieren?
OTRIN: Ich ermögliche den Künstler*innen zeitlich und finanziell, während der Saison kunstfern zu schnuppern. Egal ob als Steuerberater, Blumenhändler oder Pilot.
kultur.west: Wie groß ist die neue Company und wie viele neue Tänzer*innen wurden verpflichtet?
OTRIN: Wir haben 22 Personen im Haupt- und zwölf im Juniorensemble. Das Ballett Dortmund startet ohne Neuzugänge und Abgänge in der neuen Spielzeit, weil es sehr gut funktioniert. Ich würde behaupten, in NRW sind wir jetzt schon führend. Auch vor München oder Berlin müssen wir uns nicht verstecken. Jetzt geht es darum, unser Profil zu schärfen.
kultur.west: Wohin bewegt sich das Ballett Dortmund stilistisch?
OTRIN: Priorität erhält der physische Tanz, nicht die Psychologie. Ich sehe ein stilistisch breit aufgestelltes Ensemble, neoklassisch basiert, das durch Körperlichkeit erzählt, nicht durch Bilder. Das akademisch-klassische Repertoire – siehe zuletzt Marius Petipas »La Bayadère« – soll es so nicht mehr geben. Wir zeigen Handlungsballette aus Stoffen, die selten oder noch gar nicht tänzerisch umgesetzt wurden.
kultur.west: Auf welche Produktion freuen Sie sich in Ihrer ersten Spielzeit besonders?
OTRIN: Auf alle! Ich bin sehr neugierig auf »Carmina Burana«. Einmal, weil es ein Geschenk von Edward Clug an das Ballett Dortmund ist. Aber auch, weil es als interdisziplinäres Projekt Ballettcompany, Chor, Opernensemble sowie die Dortmunder Philharmoniker zusammenbringt.
Ab 18. Oktober, Oper Dortmund
Zur Person
Jaš Otrin wurde 1975 in Maribor/Slowenien in eine Theaterfamilie geboren. Er studierte am Konservatorium Maribor und an der Münchner Ballettakademie als Stipendiat der Heinz-Bosl-Stiftung. Erstes Engagement am Bayerischen Staatsballett. Weitere Stationen: Het Nationale Ballet Amsterdam, Niedersächsische Staatsoper Hannover, Deutsche Staatsoper Berlin (alle Solist), Ljubeljana (Ballettchef), Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (Company-Manager). 2010 gründete er seine Künstleragentur OtrinArtManagement. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Musik- und Theaterwissenschaften in München promovierte er über Personalentwicklung. Als Vorsitzender des Fördervereins Tanzkunst Deutschland e. V. Organisierte Otrin den Deutschen Tanzpreis (2013-2016). Seit dieser Spielzeit ist er Intendant des Ballett Dortmund.






