Im Debütroman der Journalistin Dorothee Krings geht es um den Streik der Glasmacher in der um die Jahrhundertwende größten Glashütte der Welt in Düsseldorf. Sie erzählt davon allerdings aus weiblicher Perspektive – und das ist äußerst spannend.
Dieser Roman ist so prall und voller Leben, das von einem großen Hintergrundwissen genährt wird. Man liest zwischen den Sätzen, das seine Autorin viel mehr weiß als sie hier aufgeschrieben hat, dass sie ihre Geschichte an allen Rändern noch weiter spinnen könnte. Tatsächlich, sagt Dorothee Krings, dass sie für die Endfassung ihres Debüts »Tage aus Glas«, das jetzt rund 300 Seiten lang ist, ungefähr noch zweimal dieselbe Länge wieder weggestrichen hat. Vier Jahre hat sie über das Leben und den Streik der Düsseldorfer Glasmacher um die Jahrhundertwende recherchiert, um aus einer besonders raren Perspektive davon zu erzählen – der weiblichen.
Dorothee Krings ist eigentlich Journalistin, war bei der Rheinischen Post lange Redakteurin im Kulturteil und ist mittlerweile ins Politikressort gewechselt. »Ich habe immer schon auch literarisch geschrieben«, erinnert sie sich. Nach dem Abitur machte sie erstmal eine Goldschmiede-Ausbildung und gehörte zu dieser Zeit schon einer Schreibgruppe an. Die Begeisterung für alte Handwerkskunst hat sich also damals schon in ihre Biographie geschrieben – und sie wurde geweckt, als ihr ein lokaler Historiker in einem ganz anderen Zusammenhang erzählte, dass es im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim eine der größten Glashütten der Welt gegeben hat – vielleicht sogar die größte – und die Glasmacher um die Wende zum 20. Jahrhundert in einen harten Streik getreten sind.
Fiktionale Geschichte auf historischer Basis
»Der Historiker erzählte, welche Auswirkungen der Arbeitskampf für die Arbeiter hatte, dass sie ihre sozialen Absicherungen verloren, auch aus ihren Werkswohnungen geworfen wurden. Da dachte ich sofort an die weibliche Perspektive – weil damals ja noch mehr als heute die Frauen für Haushalt und Wohnungen zuständig waren.«
Schnell war klar, dass aus ihrer Recherche kein weiterer journalistischer Artikel entstehen sollte, sondern ihr erster Roman. Eine fiktionale Geschichte auf historischen Grundlagen musste es werden, weil Geschichte zu dieser Zeit vor allem aus männlicher Sicht geschrieben wurde. Über die Arbeitsverhältnisse in der Glashütte, über ihren Direktor Ferdinand Heye, der ein internationaler Geschäftsmann war und damals schon selbstverständlich zwischen Europa und den USA hin- und herreiste, war einiges herauszufinden. Aber die weibliche Perspektive, die musste sich die Autorin schwerer erarbeiten. Die Mühe, die es bedeutete, Familie und Haushalt am Laufen zu halten. Die Träume und Hoffnungen von Aufstieg oder einem ganz anderen Leben, die junge Frauen natürlich auch schon damals hatten, auch wenn sie ahnten, dass sie fast vergeblich waren.
»Es gibt diese weibliche Geschichtsschreibung nicht«, sagt Dorothee Krings. »Das ist tatsächlich eine Leerstelle, die ich nur literarisch füllen kann, in der Hoffnung, dass es vielleicht das Leben ein bisschen trifft. Aber die Frauen mussten es ja ausbaden, wenn die streikenden Männer über Nacht ihre Wohnung räumen mussten.« Viel über den Alltag von damals hat sie aus Briefen erfahren, die in Archiven lagern. Auch Studien zur Lage der Arbeiterklasse wie die von Friedrich Engels hat sie genau gelesen.
»Irgendwann kriegt man so einen Suchblick: Ein Arzt aus dem Viertel hat ein Anekdotenbuch in Hötter Platt geschrieben, einer Mischung aus Rheinisch und all den Sprachen der Arbeiter: aus dem Baltikum, aus Russland, Polen, später auch Italien – es gibt in Düsseldorf immer noch ein Little Italy aus den Nachfahren der Glasbläser. Die hatten ihren eigenen Dialekt, der auch wissenschaftlich erforscht wird.« Lange hat sie im Stadtarchiv recherchiert, im Glasmuseum Petershagen und LWL-Textilmuseum Bocholt. Petershagen hat auch ein Musterhaus aus der Zeit, da hat sie sich einfach hingesetzt und versucht, die Zeit zu begreifen.

»Ich war auch in einer Show-Glasmanufaktur und habe eine Kugel geblasen. Das ist ein ganz sämiger, honigartiger Werkstoff, der total sensibel reagiert. Was da für ein Know-How drin steckt! Man muss sich klarmachen, ein Glasmacher von damals hat in einer Acht-Stunden-Schicht 230 Gläser gepustet. Die Puste kam von diesem einen Glasmacher. Die hatten ausgedehnte, schlaff runter hängende Wangen. Das hat mich fasziniert.«
Das Buch hätte also totaler Nerd-Kram werden können. Ein 900 Seiten dickes Werk, in dem ganze Kapitel nur mit Glasmachertradition gefüllt sind und detaillierten Schilderungen des Handwerks, das heute fast ausschließlich von Maschinen ausgeübt wird. Das hätte nicht bedeuten müssen, dass das Buch keine gute Literatur geworden wäre. Man denke an Herman Melvilles »Moby Dick«, in dem neben der spannenden Geschichte um die Rache des Kapitän Ahab auch das gesamte Wissen um Blauwale und die Walfangtradition steckt, das damals verfügbar war.
Erfrischende Frauenfiguren
Doch Dorothee Krings entschied sich, kein »Moby Dick« der Glasmacherei zu schreiben. Mit Bille und Leonie entwirft sie zwei erfrischende Frauenfiguren, deren Geschichten man gerne folgt und in denen genug Platz ist für die harte Arbeit und Handwerkskunst der Männer: Bille ist Tochter eines Flaschenmachers. Sie träumt davon, mit ihrem Geliebten Adam, der ebenfalls in der Glashütte arbeitet, nach Amerika auszuwandern. Doch Adam wird zum Streikbrecher, während Billes Familie für den Streik alles riskiert.
In einer tollen Passage folgen die Leser*innen Adam auf dem Weg nach Gerresheim, wo er voller Vorfreude und Hoffnung neue Arbeit sucht. Was er findet, ist ernüchternd. Er darf nicht zu den Flaschenmachern, sondern muss erstmal zu den Einschiebern an den Öfen: »Für das bisschen Geld eines Tagelöhners musste er sich bei lebendigem Leibe rösten lassen. Und nun gab es kein Zurück. Adam starrte auf den Berg aus Sand, Soda und Kalk, schob die nächste Fuhre in die Glut, beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie das Gemenge auf dem kochenden Glas eine dunkle Kruste bildete und in der gleißenden Flut versank. Er hätte sich durchschlagen sollen bis zur Küste, so wie er es eigentlich geplant hatte! Doch die riesige Hütte hatte ihn gelockt. Mehr als 100 Millionen Flaschen im Jahr gingen von Gerresheim in die ganze Welt. Am Packhof reihten sich die Güterzüge. Selbst in der Nacht wurde Ware verladen.«
Neben Adams Geliebter Bille ist Leonie das zweite Zentrum des Romans. Sie ist die Tochter des Arztes der Glashütte und lebt eingeengt in großbürgerlichen Konventionen. Die begabte Frau sucht die Nähe zur künstlerischen Bohème, wodurch die Autorin auch das Leben an der Kunstakademie und in den Düsseldorfer Salons vor gut 120 Jahren in ihren Roman schmuggelt. Mit Leonie und ihrem Vater, der ihre künstlerischen Träume nicht gut heißt und andere Pläne für seine Tochter hat, baut Dorothee Krings außerdem eine Reflexionsebene ein, die einen anderen, mehr gefilterten Blick auf das harte Leben und den Streik der Glasmacher ermöglicht.
Die Arbeit an einem zweiten Roman hat sie zwar schon begonnen. Aber im Moment muss sie sie zur Seite legen, weil die Veröffentlichung von »Tage aus Glas« so viel Raum einnimmt. Viele Lesungen sind geplant – und ihnen ist ein großer Erfolg zu wünschen, weil das Buch so viel mehr ist als ein Stück lokaler Historie. Es ist ein gut gebautes, welthaltiges und spannend zu lesendes literarisches Werk.
DOROTHEE KRINGS: TAGE AUS GLAS, 320 SEITEN, HARPER COLLINS, 24 EURO
3. APRIL, GOLDMUND LITERATURCAFÉ, KÖLN
4. APRIL, LITERATURCAFÉ ST. QUIRIN, NEUSS
10. APRIL, MRS. BOOKS, MEERBUSCH
11. APRIL, LWL-MUSEUM TEXTILWERK BOCHOLT
15. APRIL, ZENTRALBIBLIOTHEK DÜSSELDORF
24. APRIL, STADTBIBLIOTHEK HILDEN
8. MAI, BUCHHANDLUNG KIEKENAP, SOLINGEN
16. MAI, ULLA-HAHN-HAUS, MONHEIM
5. JUNI, STADTBIBLIOTHEK MÖNCHENGLADBACH
25. JUNI, STADTBÜCHEREI REES
25. SEPTEMBER, BIBLIOTHEK IM BRAUHAUS, WILLICH
26. SEPTEMBER, BUCHHANDLUNG JÜRGENSEN, WUPPERTAL
19. NOVEMBER, LWL-MUSEUM GLASHÜTTE GERNHEIM, PETERSHAGEN
25. NOVEMBER, PFARRHEIM ST. KATHARINA, GERRESHEIM