Das Emil Schumacher Museum in Hagen zeigt 70 Werke von Rupprecht Geiger: Auf den ersten Blick verbindet die beiden Künstler zunächst wenig – und dann doch viel. Die Ausstellung wurde bis zum 9. August verlängert.
Grau liegt die kriegszerstörte Stadt München da, durch die Rupprecht Geiger (1908-2009) geht. Nichts als »Staub und Asche« habe es gegeben, so erinnert sich der Maler später. »Alles ist leblos.« Die Reste von einst stattlichen Häusern wie das der »Alten Polizei« ragen nur noch als Gerippe in den Himmel – da begegnet dem Architekten ein Mädchen in einem »leuchtroten Pullover«. 20 Jahre später zieht Geiger, der inzwischen Maler geworden ist, einen pastosen leuchtend-roten Farbschwung auf die Leinwand – und er erinnert sich: Die Begegnung damals sei für ihn ein regelrechtes »Farberlebnis« gewesen. Zuhause angekommen, hätte seine Frau ein Care-Paket der US-Amerikaner geöffnet – mit einem Lippenstift darin, im selben Rot. »Der ist zwar nach all den Jahren auf der Leinwand verblasst«, sagt Rouven Lotz. Doch der Schwung von einst ist noch da. Und sichtbar ist der Weg, den Rupprecht Geiger in die Abstraktion ging, um Gefühle mit Farben zum Ausdruck zu bringen.
70 Werke hat Rouven Lotz als Direktor des Emil Schumacher Museums mit Julia Geiger, der Enkelin des Malers und Geschäftsführerin des Geiger Archivs, für eine schöne Werkschau in Hagen zusammengetragen. In ihr hängt »Das Farberlebnis« von 1970 gleich neben der ersten Fassung des Bildes aus dem Jahr 1953. Und genau das ist die Stärke dieser Ausstellung: Sie zeigt einen Querschnitt durchs Werk und damit, wie Geigers heute so bekannte Neonmalereien entstanden. Welchen Ursprungs seine Ideen für eine gegenstandslose Malerei gewesen sind.
Pulsierende Felder
Geiger hatte begonnen, als Soldat eher konventionelle Landschaften in seinem Kriegstagebuch zu zeichnen. Aber nach und nach schöpfte er Kraft aus der reinen Farbwirkung – darauf nimmt auch der Ausstellungstitel »Farbe – Licht – Energie« Bezug. Auf Leinwänden, die er zwischenzeitlich fast objekthaft verbaute und an der Wand präsentierte, nutzte er zunächst eher gedeckte Farben. Dann aber folgten die für ihn später so stilprägenden Neon-Töne. Dabei war sein Farbauftrag ein durch und durch malerischer. Es ging ihm schließlich nicht um die Perfektion einer monochromen Fläche, auch wenn er auf diese Weise die Klarheit der reinen Farbe feierte. Vielmehr sollten die Leinwände bei ihm zu pulsierenden Feldern werden, auf denen er mit »Push-und-Pull-Effekten« arbeitete: Helle und dunklere Flächen erzeugten räumliche Wirkungen.
Damit reiht sich Geiger nicht nur in die lange Liste damals abstrakt malender Kolleg*innen in den USA ein. Er verehrte auch Europäer wie Yves Klein, den er für einen »ganz großen Pionier der Idee« hielt, »daß Farbe das Grundelement der Malerei ist«, wie er 1963 schrieb. Sie war für ihn »geistige Energie, Licht in reiner Potenz«. Auch sein Kollege Emil Schumacher, der nur vier Jahre jünger war (1912-1999), fand seinen Weg in die Abstraktion – aber einen anderen, expressiv-gestischen. Dennoch ist in Hagen zu sehen, wie beide ihre ungegenständlichen Welten aus der gegenständlichen heraus dachten. »Zudem müssen sich beide gemocht haben«, so Rouven Lotz: Während Schumacher von Geiger eine großformatige Grafitzeichnung aus dem Jahr 1971 tauschte, bekam Geiger von ihm eine 1972 auf Ibiza entstandene Gouache geschenkt. Als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung.
»RUPPRECHT GEIGER. FARBE – LICHT – ENERGIE«
EMIL SCHUMACHER MUSEUM, HAGEN
BIS 9. AUGUST






