Vor 40 Jahren begann Gregor Schneider damit, sein Elternhaus in Mönchengladbach-Rheydt in ein Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Das Jubiläum von »Haus u r« wird nun in der Kunsthalle Düsseldorf begangen. In dem sanierungsbedürftigen Gebäude am Grabbeplatz will Schneider einen verschachtelten Parcours aus gebauten Zimmern, Filmen und Live-Streams einrichten.
Eigentlich sollte die Kunsthalle Düsseldorf wegen einer Generalsanierung für längere Zeit geschlossen werden. Doch die Verschiebung der Baumaßnahme auf das Jahr 2029 eröffnete Gregor Schneider überraschend einen neuen Zeitkorridor. Vom 17. Oktober an präsentiert der Bildhauer, der seit 2016 die Klasse für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf leitet, nun eine umfassende Ausstellung am Grabbeplatz.
Die Schau markiert das 40-jährige Bestehen seines Gesamtkunstwerks »Haus u r«. Das Kürzel bezeichnet die Adresse – es steht für die Unterheydener Straße und Rheydt. Seit 1986 hat er das Innere dieses Gebäudes mit beinahe manischer Energie vollständig umgekrempelt. Ein Musterbeispiel für Work in Progress: »Das Haus u r wird bis heute kontinuierlich weiterentwickelt«, sagt der Künstler, der 1969 im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt zur Welt kam. Für seine mobile Installation »Totes Haus u r« im Deutschen Pavillon der Venedig-Biennale war Schneider 2001 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Der Beginn einer eindrucksvollen internationalen Karriere. Gleichwohl hat er sich seine Bodenständigkeit bewahrt und ist Rheydt treu geblieben.

In der Kunsthalle erwartet die Besucher*innen kein klassischer Ausstellungsaufbau mit isolierten Kunstwerken, sondern ein räumlicher Parcours durch Alltagsarchitekturen. Schneider baut im Inneren des Museums vollständige Interieurs aus seinem »Raumarchiv« auf – ausgestattet mit eigenen Wänden, Böden und Decken. Der Rundgang führt durch nachgebaute Bade- und Wohnzimmer sowie Keller- und Abstellräume.
Ausgehend von scheinbarer Vertrautheit erzeugen die räumlichen Verschiebungen und Doppelungen ein schleichendes Unbehagen. Das »Haus u r« wird so als ein System erfahrbar, das sich gleichzeitig in Rheydt und Düsseldorf verortet und das Publikum in einen Zustand der Wahrnehmungsunsicherheit versetzt. Das Ausstellungskonzept führt Raumrekonstruktionen, Skulpturen, Fotografien, Filme und Live-Stream-Projektionen zusammen. Zudem will der Künstler über Live-Streams Eindrücke aus dem originalen Gebäude in Rheydt direkt in die Ausstellung übertragen.
Weil die Düsseldorfer Version von »Haus u r« stellenweise verwinkelt oder gar klaustrophobisch ausfallen dürfte, weist die Kunsthalle im Vorfeld darauf hin, dass einige Räume während der Laufzeit nur einzeln betreten werden können. Bei hohem Publikumsaufkommen ist daher mit Wartezeiten zu rechnen. Da Gregor Schneiders Werk gern (und zurecht) mit Düster-Morbidem assoziiert wird, mag es überraschen, dass dem Künstler subtiler Humor keineswegs fremd ist. Kostprobe gefällig? Zu seiner Ausstellung teilt Schneider auf Anfrage trocken mit: »Ursprünglich war die Idee, dass ein Besucher das Haus nur einmal betritt und es niemals wieder verlässt. Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung ›Haus u r 2026‹ in der Kunsthalle Düsseldorf können sich jedoch freuen: Sie kommen wieder raus und können gern auch mehrfach zurückkehren.« Klingt nach einer probaten Exit-Strategie.
»GREGOR SCHNEIDER. HAUS U R 2026«
KUNSTHALLE DÜSSELDORF
17. OKTOBER 2026 BIS 17. JANUAR 2027






