Hinein ins Vergnügen: Annika Wind, Max Florian Kühlem, Stefanie Stadel, Peter Grabowski und Jörg Restorff zeigen, in welcher Grünanlage es für sie Künstlerisches und Kurioses zu entdecken gibt. Geheimtipps garantiert.
Skulpturenpark Köln: Abstecher auf die Insel
Stefanie Stadel macht Pause im umzäunten Grün, wo kleine Schnecken sich verstecken und rote Ohren an den Bäumen wachsen.
Umzingelt von vielbefahrenen Straßen liegt er da – wie eine große begrünte Verkehrsinsel. Ringsum rauscht es, doch hinter dem Zaun wird das Zwitschern immer lauter. Man könnte die Rushhour fast vergessen. Dabei helfen auch die vielen Skulpturen in diesem Park in Köln: An geschwungenen Wegen liegen sie auf dem gemähten Rasen, unter Bäumen, zwischen Hecken. Gleich hinterm Tor holt Anish Kapoors konkaver Spiegel aus poliertem Stahl den blauen Himmel in die grüne Wiese. Und ein paar Schritte weiter vereint Sou Fujimoto Skulptur und Architektur: Sein weißer Pavillon hat weder Dach noch Fensterglas – alles ist offen, und innen wächst ein Baum. Ziemlich dicht ist die Park-Parzelle am nördlichen Rand der Kölner Innenstadt mit Kunst bestellt. Dan Grahams Pavillon und die goldene Kugel von James Lee Byars geben sich leicht zu erkennen, ebenso ein rotes Ohr, das Bogomir Ecker weit oben an einen Baum montiert hat. Den »Arc de Triomph« von Rosemarie Trockel, geformt aus zwei hängenden Atlaszedern, hätte man dagegen beinahe übersehen. Und vergeblich sucht man den kleinen »Lonesome George«: Ayşe Erkmen hatte die winzige Schneckenskulptur vor ein paar Jahren auf den Stamm einer Platane gesetzt, und die Rinde hat ihn mittlerweile komplett eingekapselt. Seit der Gründung des Kölner Skulpturenparks 1997 durch das inzwischen verstorbene Sammlerpaar Michael und Eleonore Stoffel erlebt man das Ensemble regelmäßig in Bewegung. Grob alle zwei Jahre zeigt sich ein etwas anderes Gesicht: Neues kommt, Altes bleibt, wächst ein oder wechselt gelegentlich seine Position. Leihgaben gehen, andere ziehen ein. Zu den jüngeren Neuzugängen zählt eine Arbeit von Georgia Sagri: »Sitting with my Breath« tarnt sich als Parkbank-Paar. Man darf sogar Platz nehmen neben einem mundgeblasenen Glasballon. Dem Zwitschern lauschen und noch einmal durchatmen – bevor man die Insel verlässt.

Schloss Moyland, Bedburg-Hau: Das Baumhaus und Beuys
Annika Wind reist in den Park von Schloss Moyland – und geht am Ende in die Luft.
Hier also haben sie diskutiert. Stunden, ja ganze Tage und Nächte lang. Vier, um genau zu sein – denn der junge preußische König Friedrich II. hatte lange auf Gespräche mit dem Philosophen Voltaire (1694-1778) gewartet: Vier Jahre lang waren zwischen ihnen Briefe hin- und hergegangen, ehe es endlich zu diesem Treffen 1740 auf Schloss Moyland kam. Wer durch den pittoresken Park ins heute neugotische Wasserschloss geht, erfährt von solchen Geschichten zunächst wenig. Dafür gleich so einiges über Joseph Beuys, von dem hier tausende Archivalien und Werke aus der Sammlung van der Grinten lagern und einige ausgestellt sind. Aber man ahnt, dass auch er »nur« eine Geschichte von vielen auf Moyland ist: Es gibt einfach sehr viele, die von Adeligen und Unternehmern handeln, von Politikern wie Winston Churchill, der hier 1945 zu Besuch war, oder Künstlern unter anderem wie Robert Schad, der eine großartige „Tango“-Skulptur für die Gartenanlage schuf. Dazu gibt es Nutrias, die freundlich an den Ufern der Gracht hocken und in die Frühlingssonne blinzeln. Und ein Kuriosum ganz in der hintersten Ecke des Parks: Ausgerechnet neben einem Mausoleum aus dem 19. Jahrhundert ist eine wundervolle Baumhauslandschaft entstanden, die wir eine riesige Affenschaukel über dem grauen Memorial thront. Und von der aus man sich mit einer Seilbahn in die Frühlingslandschaft stürzen kann – über die Köpfe der einstigen Schlossbesitzer hinweg.
Ludwig-Kessing-Park, Essen: Am Steilufer über der Ruhr
Max Florian Kühlem hat vielleicht einen der wildesten Grünanlagen des Reviers entdeckt.
Den Ludwig-Kessing-Park im Essener Stadtteil Überruhr dürften nur wenige kennen, dabei ist er ein wildes, schönes Kleinod. Er liegt über der Ruhr, auf den Felsen des Steilufers und vom nahen Ruhrhöhenweg aus hat man tolle Ausblicke über das Flusstal. Wer den Film »Blow Up« von Michelangelo Antonioni kennt, wird sich beim Eintritt am unteren Ende vielleicht an den Maryon Park im Londoner Südosten erinnert fühlen, den der Regisseur darin gleich am Anfang in Szene setzt: Ein Fotograf lauert dort einem Paar auf, das heimlich Küsse und Liebkosungen tauscht. Auch der Essener Park wirkt ein wenig vergessen, strubbeliger als Parks es sonst sind. So hatte auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung im Februar einen Lokalpolitiker zitiert: »Dieser Park wurde vergessen«, als sie über Vorfälle von Zerstörungswut berichtete – etwa von beschmierten Bänken, auf die sich niemand mehr setzen möchte. Bei einem Besuch Ende März wirkt es, als habe die Stadtverwaltung schon reagiert. Auf sauberen Bänken sitzen friedliche Besucher, auf dem ordentlichen kleinen Spielplatz spielen Kinder. Das Ruhrgebiet, das auch eng und laut und voll wirken kann, rückt hier in die Ferne, man vergisst es bald. Der Park ist eine Insel, benannt nach dem dichtenden Bergmann Ludwig Kessing. Wenn man von dort aus ein paar Schritte auf dem Ruhrhöhenweg geht, kommt man an seinem Gedenkstein vorbei. Wenige Schritte weiter wartet ein weiteres schönes Ausflugsziel: die Friedenskapelle.

Schlosspark Moers: Meer Moers geht immer!
Stefan Keim lässt sich von Erinnerungen an Elfen verzaubern und spaziert durch eine wallige Wasserlandschaft.
Zwischen diesen Bäumen sind Elfen herum gehuscht, und Puck hat uns verführt, verarscht und durch den Wald gejagt. Das Schlosstheater Moers hat einige Male in den vergangenen Jahren den direkt anliegenden Park bespielt. Shakespeares »Sommernachtstraum« war in der letzten Spielzeit des Intendanten Ulrich Greb das ideale Stück, um Teile des Schlossparks mit Licht, Musik und Spiel theaterzuverzaubern. Auch bei Tag ist der von vielen Seen durchzogene Park ein Genuss. Der größte Teich trägt den Beinamen »Moerser Meer«. Die Wallanlagen bieten besonders schöne Aussichten auf das Gelände. Hier kann man sich in die Geschichte zurück denken, denn natürlich entstanden sie zunächst aus militärischen Gründen. Im 17. Jahrhundert herrschten die Oranier in Moers und befestigten die Stadt, um sich gegen einen Angriff des katholischen Frankreich zu wappnen. Doch als der letzte Oranier – Wilhelm III. Graf von Moers und König von England – 1702 kinderlos starb, fielen Stadt und Wall an Preußen. Militärisch war er nicht mehr nötig, aber als Hochwasserschutz sehr brauchbar. Es gab einige Überschwemmungen. Moers und das Wasser – das ist eine eigene Geschichte. Im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung zum Park. Der berühmte Landschaftsarchitekt Friedrich Maximilian Weyhe legte einen Garten im damals enorm populären englischen Stil an. Neben den Wallwegen, den hübschen Brücken und den Seen gibt es heute allein acht Bäume, die als Naturdenkmäler geschützt sind. Und im Schloss gibt es das Schlosstheater, das Grafschafter Museum, ein Café. Das Comedy Arts Festival und das Jazzfestival haben hier Spielorte, der Moerser Schlosspark ist zudem ein Erholungsort für alle geworden. Wenn das Wetter schön ist, sind nicht nur die Bänke sondern auch die Wiesen gut besetzt. Und wer historisch interessiert ist, kann einen großen Teil der Moerser Stadtgeschichte im Schlosspark erleben.

Lantz’scher Park, Düsseldorf: WROOAAMM
Peter Grabowski lässt sich von Flugzeugen im (eigentlich) idyllischen Grün neben der Startbahn beschallen.
Im Minutentakt brettern die Passagiermaschinen in geringer Höhe über den 14 Hektar großen, grünen Lantz’sche Park, der fast bis an die Startbahn des Düsseldorfer Flughafens reicht. Ein Paradies für Plainspotter, aber auch für Liebhaber von Bildender Kunst und Gartenarchitektur. Bei der Entstehung vor rund 170 Jahren lag das Areal noch idyllisch zwischen Vater Rhein und Golzheimer Heide. Besitzer Heinrich Balthasar Lantz war durch Handel in den Kolonien reich geworden, seine letzte Nachkommin verkaufte 1972 alles an die Stadt. Später zog der legendäre Galerist Alfred Schmela ins weiße Herrenhaus von 1805 und brachte Vordermayers »Perseus mit dem Haupt der Medusa«, Meusers »Dumme Kiste« und Kenneth Caps Eisenbahnschwellen-Installation »Attic« mit. Über dem Eingang strahlt golden der Schriftzug »Pax Intrantibus« (Friede den Eintretenden) – aber echten Frieden gibt es zwischen Flughafen und A44 nicht mal nachts. Egal: trotzdem schön!

Landesgartenschau Neuss: Konstruktiver Hingucker
Jörg Restorff wagt eine Klettertour auf Christian Odzucks Architekturskulptur »Asa Nisi Laga«.
Als »Rhein-Ikone« wird sie werbewirksam angepriesen. 30 Meter hoch ist die Skulptur »Asa Nisi Laga«, die Christian Odzuck im eintrittsfreien Rheinvorland der Landesgartenschau Neuss (Laga) errichtet hat. Eine Plastik, die auf Fernwirkung abzielt: Bis nach Düsseldorf soll die Landmarke sichtbar sein. »Asa Nisi Laga« (eine Anspielung auf Federico Fellinis Kultfilm »8½«) ist eine von drei ortsspezifischen Installationen, die das Terrain der Neusser Gartenschau (bis 11. Oktober) um künstlerische Impulse bereichern. Die beiden anderen Arbeiten, die als Sieger aus dem Laga-Wettbewerb »Kunst, Freiraum und Spurensuche« hervorgegangen sind, stammen von Hannah Schneider und Hayato Mizutani. Odzuck hat für sein Werk Baugerüste verwendet, die nach dem Ende der LAGA wieder für ihren eigentlichen Zweck verwendet werden, und zu einem mächtigen konstruktiven Hingucker zusammengefügt – zwölf Tage dauerte der Aufbau. Eine Aussichtsplattform erlaubt einen Panoramablick auf den nahen Rhein. Wer diesen Point de vue im Zuge von Führungen für kleine Gruppen über schmale Leitern erreichen will, sollte schwindelfrei sein und eine solide Kondition mitbringen. Mit den »Hängenden Gärten«, die der Künstler in luftiger Höhe angepflanzt hat, will er anspielen auf die legendären Hängenden Gärten von Babylon. Damit diese Hommage an eines der sieben Weltwunder der Antike allerdings visuell plausibler wird, müssen die Pflanzen freilich noch ordentlich sprießen.






