Der Stadtpark Bochum ist einer der ältesten öffentlichen Parks des Ruhrgebiets. Zu seinem 150. Geburtstag ist er Teil einer Ausstellung: Das Kunstmuseum Bochum setzt sich in »Das öffentliche Grün« auch mit seiner Vergangenheit als Allmende auseinander, als gemeinschaftlich genutztes Land.
In Bochum ist nicht nur der älteste kommunale Landschaftspark des Ruhrgebiets zu finden. Das Gelände, auf dem der Bochumer Stadtpark entstand, wurde auch schon vor seiner Zeit gemeinschaftlich genutzt – als Vöde, also als eine spezielle Form der Allmende, diente das Land schon früher Bürger*innen als Acker- und Weidefläche. In Bochum steht der Park jetzt gleich doppelt im Fokus: Zum einen feiert er in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag und wird zum Jubiläum saniert. Zum anderen hat sich das Kunstmuseum direkt vor seinen Toren mit ihm beschäftigt: Er ist Grundlage für die neuen Ausstellung »Das öffentliche Grün«.
Saniert wird der Stadtpark Bochum in drei Teilen. Der obere oder nördliche Teil ist schon fertig, was man besonders an den Wegen, einem großen Spielplatz und dem Minigolfplatz sehen kann, die nun nicht mehr den Charme des etwas in die Jahre Gekommenen ausstrahlen, sondern modern sind, sauber und aufgeräumt. Besonders beim Spielplatz kann man sich fragen, ob dies den Kindern gefällt, denn eigentlich mögen sie das Wilde, Abenteuerliche. Hier wurde jedoch auf Sicherheit und mit Rollstuhlkarussell, Rollstuhltrampolin und Sandspieltisch auch auf Barrierefreiheit geachtet. Offenbar nehmen die Kinder den neuen Platz gut an – auch dank der Wasserspiele.
Englische Gärten als Vorbild
Im mittleren Bereich des Parks fahren schon wieder Tretboote auf dem Gondelteich und im vorderen Teil, Richtung Kunstmuseum, wo es eine weitere große Wasserfläche gibt, wird gerade noch fleißig gearbeitet. Bauzäune versperren den Weg. Angelegt wurde der Stadtpark ab 1876 nach dem Vorbild der englischen Gärten. Es ging also nicht um perfekte Symmetrie und Geometrie, sondern um inszenierte Natürlichkeit, um Sichtachsen, die man über die Jahre allerdings teilweise wieder verbaut hat – etwa mit einem Parkhaus an der momentan leerstehenden Stadtpark-Gastronomie.
Sichtachsen und der Gedanke des Allgemeinguts – das waren Stichworte, die das Team des Kunstmuseums interessiert haben. »Die Ausstellung wächst aus dem Museum hinaus in den Park, betrachtet ihn als vielschichtiges Biotop voller Geschichten und fragt, wie es heute um das Teilen von Raum und Ressourcen steht«, heißt es in einer Mitteilung des Hauses. »Kann der Park auch heute noch als Common Land, als gemeinschaftliches Land gedacht werden, das uns als Stadtgesellschaft nährt? Und wo sind sie heute, die geteilten, gemeinsam verwalteten Ressourcen?«
Die Kuratorin Eva Busch weiß, dass die Umwandlung der Allmende in einen Park nicht ohne Konflikte vor sich ging – immerhin wurde den Bewohner*innen einer Stadt, die damals mitten im industriellen Wachstumsprozess war, damit ein rares Stück Land für Viehzucht und Gemüseanbau genommen: »Es gab damals Aufstände, die sogenannte Vöde-Revolution«, sagt die stellvertretende Museumsdirektorin. Die Kölner Künstlerin Marleen Rothaus hat sich mit der Geschichte der Allmende auseinandergesetzt und mit dem Aufstand gegen ihre Aufteilung. Die Protestierenden hätten sogar Grenzsteine wieder herausgezogen. Es gab Einsprüche vor Gericht und laute Demonstrationen. »Die Künstlerin hat dies als Ausgangspunkt für neue Malereien genommen und den Menschen fiktive Banner an die Hand gegeben, mit denen sie den Protest unterstreichen«, so Eva Busch.
Früher war in den Stadt- auch der Tierpark integriert, der heute ein eigenständiges Areal ist, das hinter Zäunen steht und nur mit Eintritt zu betreten ist, und er hatte eine botanische Abteilung. Davon zeugen noch heute etwa Bäume, die in einem natürlichen Naturraum hierzulande nicht zu finden wären – oder der Rosengarten, Dahliengarten und Heidegarten. »Die Zeit, in der der Park angelegt wurde, war auch eine Zeit der kolonialen Expansion Deutschlands«, sagt Eva Busch. »Es gab eine Sehnsucht nach exotischen Pflanzen, die Idee, dass man sich die anderen Landschaften hierher holt.«

Mit dieser Geschichte im Gepäck hat der Konzeptkünstler Olu Ogunnaike, der viel mit Holz arbeitet, Bänke mit über 20 verschiedenen Baumsorten gebaut – heimischen und vermeintlich »exotischen«. Die werden zur Ausstellung auf dem Hügel gegenüber des Museums stehen. Seine Arbeit fragt: Was passiert, wenn sich eine Pflanze aus dem vermeintlich heimischen Kontext löst? »Er greift diesen Teil der Geschichte auf, bietet den Menschen aber auch einfach ganz konkret die Möglichkeit, sich zusammenzusetzen«, sagt die Kuratorin.
Spannend ist auch der Fokus, den der Konzeptkünstler und Fotograf Peter Piller auf das Thema Stadtpark gelegt hat. Ihm geht es um »Vandalismus«, der die Geschichte des Parks lange begleitet. Im Zuge der Sanierung mussten dort etwa zwei Bronze-Skulpturen erneuert werden, die Menschen entwendet hatten. Piller hat viele Jahre in einer Medienagentur gearbeitet und ein riesiges Archiv angelegt. Für die Bochumer Ausstellung hat er acht Fotografien aus Zeitungen zusammengestellt, die demolierte Parkbänke zeigen. Damit fragt er nach dem Impuls der Zerstörung und zeigt ihr Ergebnis, das wohl häufiger zu finden ist als ein frisch sanierter Park.
»Wir haben auch einen Imagefilm der Stadt Bochum von vor 50 Jahren gefunden«, erzählt Eva Busch. »Darin ist viel Idylle zu sehen, das Bild, das die Stadt von sich selbst hat oder transportieren will.« Doch wer genau erholt sich da, wer läuft durch so einen Park? Es seien viele Frauen mit Kinderwägen, Rentner*innen, Paare zu sehen. »1976 war ja auch die Hochphase der Arbeitsmigration. Mein Eindruck ist allerdings, dass in dem Film eigentlich nur weiße Menschen auftauchen.« Der Film stand auch Pate für den Ausstellungstitel »Das öffentliche Grün«.
Gemeingut Park?
Dass das Museum in den Park hinausragt, dafür wird die Künstlerin Maria Renée Morales Garcia sorgen. Bereits in Vorbereitung der Ausstellung hat sie sich mit Jugendlichen und Studierenden aus der Stadt mit der Frage beschäftigt, welche Regeln es braucht, um Räume teilen zu können. Diese Regeln werden auf Flaggen geschrieben und den Park wie ein öffentliches Lese- und Bilderbuch durchziehen.
Dagie Brundert spürte außerdem mit Bewohner*innen der am Park gelegenen Seniorenresidenz »Katharina von Bora Haus« ihren Stadtparkträumen nach. Dabei entstand ein gemeinsamer Film auf biologisch entwickeltem Super-8-Material, der in der Schau zu sehen ist. Einen weiteren Film hat Lütfiye Güzel gedreht, die den Park unter dem Motiv der »pflanzlichen Randale« durchstreifte und einen Kurzfilm entwickelte, der einen neuen Blick auf Aleš Veselýs monumentale Stahlskulpturen eröffnen will, die er 1979 für den Stadtpark entwickelte.
»Für mich war die Frage interessant, ob noch etwas bleibt von den früheren Gemeingütern in diesem Park? Wie können wir ihn auf diese Weise anschauen und das Potential für Gemeingüter zu sehen?«, fragt Eva Busch. Deshalb gefällt ihr das Kunstwerk von Marina Naprushkina, die eine Slackline entworfen hat, also ein Band, das Parkbesucher*innen zum Balancieren zwischen Bäume spannen, so gut: Das Sportgerät soll für eine Art des Zusammenfindens stehen – Exemplare verleiht das Museum gern. Natürlich, um es mit in den Park zu nehmen.
DAS ÖFFENTLICHE GRÜN
BIS 1. NOVEMBER






