Für ihre aktuelle Werkreihe hat die Malerin Maximiliane Baumgartner den Düsseldorfer Nordpark durchstreift und ist eingetaucht in seine Geschichte während der NS-Zeit. Im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen will sie die Ergebnisse ihrer Park-Recherchen nun präsentieren. Aber was hat sie an der Grünanlage genau interessiert? Ein Gespräch.
kultur.west: Frau Baumgartner, wie sind Sie auf den Düsseldorfer Nordpark als Thema gekommen?
MAXIMILIANE BAUMGARTNER: Als ich 2019 nach Düsseldorf zog, bin ich bei längeren Spaziergängen auf den Nordpark und das Gelände der ehemaligen NS-Propaganda-Ausstellung »Schaffendes Volk« gestoßen. Das war eine Garten-, Industrie- und Siedlungsschau, zu der neben dem Nordpark-Gelände auch der Bereich des ehemaligen Schlageter-Nationaldenkmals gehörte – 1931 errichtet zu Ehren von Albert Leo Schlageter, der 1923 von französischen Besatzungstruppen wegen Sabotageakten im Ruhrgebiet hingerichtet und später von den Nationalsozialisten zum Helden stilisiert worden war. Zum Areal gehören außerdem die unter Denkmalschutz stehende ehemalige NS-Mustersiedlung »Schlagetersiedlung«, die heute als Golzheimer Siedlung oder auch »Weiße Siedlung« bekannt ist, sowie das angrenzende »39er-Denkmal«.
kultur.west: Wird auf dem Areal selbst über die NS-Geschichte informiert?
BAUMGARTNER: Bislang gibt es wenig kritische Kommentierungen und Einordnungen vor Ort zur Geschichte des Parks, der seit 1986 als Baudenkmal geschützt wird. In meinem Arbeitsprozess ist es mir und auch der Kuratorin meiner Schau im Kunstverein, Clara Blasius, wichtig, das ehemalige NS-Areal als Ganzes zu reflektieren: Damit die propagandistischen Strukturen und ihr Fortwirken überhaupt verstanden werden können.
kultur.west: Wie verliefen Ihre Recherchen?
BAUMGARTNER: Ich habe mich vor Ort umgesehen, aber auch im Düsseldorfer Stadtarchiv. In Vorbereitung auf meine Einzelausstellung habe ich dort mehrere Wochen recherchiert und zum Beispiel Bepflanzungspläne des Nordparks von 1936/37 sowie der 1950er und 60er Jahre gesichtet. Besonders aufschlussreich war für mich das Bildarchiv des Stadtfotografen Dolf Siebert. Er dokumentierte, wie der Park nach der NS-Zeit genutzt wurde und widmete sich nicht zuletzt den sogenannten Demokratiesierungs-Maßnahmen.
kultur.west: Was waren das für Maßnahmen?
BAUMGARTNER: Es wurden unter anderem Sonnenschirme und Sitzecken an verschiedenen Stellen im Park installiert. Diese Orte hatten in der NS-Zeit als Erholungsraum für regimetreue Bürger*innen gedient und zum Teil auch weitere propagandistische Funktionen erfüllt – eine runde Wiesenfläche war etwa der »BDM-Tanzkreis«, heute noch »Tanzkreis« genannt.
kultur.west: In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich immer wieder mit der NS-Geschichte und ihrem Fortwirken bis heute. Was interessierte Sie daran?
BAUMGARTNER: Meine Einzelausstellung im Kunstverein in Düsseldorf wird mehrere Kapitel umfassen: In zwei älteren Werkgruppen zeige ich Beispiele für Bildpraktiken, die sich gegen die propagandistischen Raum- und Bildpolitiken des Nationalsozialismus gestellt und den öffentlichen Raum gezielt im Selbstauftrag eingenommen haben. Das dritte Kapitel fokussiert sich dann auf die sich fortschreibenden Raum- und Bildpolitiken – exemplarisch am Nordpark. Gleichzeitig untersuche ich in diesem Kapitel auch die städtischen Versuche der »Demokratisierung« nach 1945: Was wird erhalten und gepflegt und warum? Was wird bewusst vergessen? Was wurde ausgelöscht und dann nach dem Regime auch nicht mehr in einen Erinnerungsraum geholt?
kultur.west: Welche Fragen stellen sich mit Blick speziell auf den Düsseldorfer Nordpark?
BAUMGARTNER: Wie wirken sich ideologisch und propagandistisch gestaltete Räume auf unser Gehverhalten und unsere Wahrnehmung aus? Wie prägen Pflanzen als lebende Materie die Wahrnehmung und Aneignung dieser »rechten Räume« und inwiefern tragen sie als Stellvertreter zur (Re-)Produktion dieser Raumbedeutungen bei? Und könnte man diese auch subversiv unterlaufen?
kultur.west: Im Falle des Nordparks war die NS-Vergangenheit bisher kaum aufgearbeitet worden. Haben Sie auch an anderen Orten mangelndes Interesse an diesem Kapitel der Geschichte wahrgenommen?
BAUMGARTNER: Durchaus. 2024/2025 hatte ich als Vertretungsprofessorin an der Kunstakademie Düsseldorf die Möglichkeit, mit dem Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis, ein Experte auf diesem Gebiet, und mit Studierenden meiner Malerei-Klasse das Projekt »Memory Acts for a Learning Space« zu realisieren. Dabei haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie Künstler des Nationalsozialismus nach 1945 am Beispiel Düsseldorfs große öffentliche Aufträge erhielten.
kultur.west: Und zu welchen Ergebnissen sind Sie gelangt?
BAUMGARTNER: Getragen von der öffentlichen Zustimmung und weiter funktionierenden Netzwerken, gewannen diese Künstler auch nach 1945 Wettbewerbe und erhielten Aufträge für Kunst am Bau, zur Gestaltung von Foyers und Plätzen, Museen und Mahnmalen. Dabei spielte auch das Gelände der NS-Propaganda-Ausstellung »Schaffendes Volk« eine Rolle. Nicht zuletzt, da einige Kunstakademie-Professoren führend an dessen Planungsprozessen beteiligt gewesen waren. Diese hatten unter dem NS-Regime Karriere gemacht und konnten sie nach 1945 nahtlos weiterverfolgen. Wolfgang Brauneis ist mir auch bei der kommenden Ausstellung im Kunstverein ein wichtiger Austauschpartner.
kultur.west: Der Umgang mit einem solchen Thema würde man vielleicht eher einer Historikerin zuordnen – auf welche Art arbeiten Sie als Künstlerin die Geschichte und ihre Wirkung bis heute auf? Sicher können Sie neue und andere Zugänge erschließen?
BAUMGARTNER: Mich interessieren in meiner künstlerischen Arbeit vor allem bildkritische Herangehensweisen und künstlerisch forschende Methoden. Ich sehe Vergangenheit dabei als wichtigen Aushandlungsort der Gegenwart an. Um von ihr zu lernen und die Strukturen, in denen wir heute leben – und die wir bewusst oder unbewusst oft reproduzieren – besser zu verstehen. Im Zentrum steht für mich das Medium der Malerei als Mittel der dokumentarischen Bearbeitung. Dabei greife ich oft zurück auf Verfahren, die in den 1970er Jahren von Geschichtswerkstätten entwickelt wurden. Diese versuchen, Sozialgeschichte aus einer machtkritischen Perspektive zu erzählen. Das Motto »Grabe, wo du stehst« – ein Plädoyer für ortsbezogenes Arbeiten – habe ich mir als künstlerische Methode zu eigen gemacht.
Zur Person
Maximiliane Baumgartner ist 1986 in Lindenberg im Allgäu geboren. Von 2006 bis 2012 studierte sie Kunst und Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste München. Seit 2019 lebt Baumgartner in Düsseldorf und arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Forschung und Pädagogik. Sie verbindet Malerei oft mit räumlichen und sozialen Interventionen.
»PROXY – DER BÜRGER ALS PFLANZE. MAXIMILIANE BAUMGARTNER«
23. MAI BIS 23. AUGUST 2026
KUNSTVEREIN FÜR DIE RHEINLANDE UND WESTFALEN, DÜSSELDORF






