Großes Kino: Das Ballett am Rhein probt »Endstation Sehnsucht« im Opernhaus Düsseldorf, ein Literaturballett von John Neumeier, dem wohl bedeutendsten Choreografen der Gegenwart. Bettina Trouwborst hat mit ihm gesprochen.
»Marlon Brando ist eigentlich eine Fehlbesetzung.« Ein irritierendes Urteil aus dem Mund von John Neumeier. Immerhin wurde der junge Schauspieler durch seine Darstellung des aggressiven Stanley Kowalski in dem Kinofilm »A streetcar named desire« von Elia Kazan (1951) zum Weltstar. Doch der große Choreograf muss es wissen. Hat der US-Amerikaner (84) sich doch intensiv mit dem zugrunde liegenden Literaturklassiker von Tennessee Williams beschäftigt – und selbst mit seinem Ballett ein Meisterwerk geschaffen. Es trägt den deutschen Titel des Dramas, »Endstation Sehnsucht«, und gilt als ein Höhepunkt seines Œuvres von mehr als 170 Werken. Das Ballett am Rhein studiert das Handlungsballett derzeit in Düsseldorf ein.
Das Publikum kann sich ein Bild davon machen, inwiefern sich Neumeiers Besetzung des Stanley von dem Film-Stanley unterscheidet. Die Tanz-Legende im Gespräch mit kultur.west: »Er ist viel zu schön. Was Williams sich vorgestellt hat, war kein sehr attraktiver Mann, sondern ein brutaler Typ. Natürlich war Brando faszinierend in der Rolle. Er war toll! Aber ich habe die Figur anders gesehen.«
Schauplatz Psychiatrie
In Düsseldorf hat Neumeier die Besetzung vor Ort selbst festgelegt. Als die Ballettmeister mit den Proben begannen, reiste er erneut an, um seine Entscheidungen zu überprüfen. Er wollte sehen, »wie die Tänzer*innen beginnen, in ihre Rollen zu schlüpfen.« Das Ergebnis: »Bis jetzt bin ich sehr positiv beeindruckt.«
Kurz zum Inhalt: Die psychisch labile Südstaaten-Schönheit Blanche DuBois sucht nach dem wirtschaftlichen Zerfall ihrer Familie, einer zerstörten Ehe und dem unaufgeklärten Mord an ihrem homosexuellen Mann Zuflucht bei ihrer Schwester Stella in New Orleans. Diese lebt mit dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski, einem rohen, triebgesteuerten Menschen, in beengten Verhältnissen. Stanley bedrängt Blanche, eine ehemalige Lehrerin, und demaskiert schonungslos ihr mühsam aufrecht gehaltenes Standesbewusstsein. Schließlich kommt es zur Vergewaltigung. Blanche verliert den Kontakt zur Wirklichkeit.
Der Schauplatz des Balletts ist eine Psychiatrie. Aus dieser – im Wortsinn – Endstation Sehnsucht blickt Blanche zurück. Neumeiers raffinierte Dramaturgie mit dieser Rückblende und einer Überblendung von Zeit- und Spielebenen war ein Novum, als er seine Version des Stoffs 1983 für das Stuttgarter Ballett schuf. Neumeier thematisierte Homosexualität und Vergewaltigung auf der Bühne in einer Zeit, als das klassisch-akademische Ballett ausgesprochen prüde war.
Gab es damals auch kritische Stimmen? Neumeier: »Komischerweise nicht, dass ich mich daran erinnern könnte. Ich weiß nur noch, dass die Menschen besonders bewegt waren vom Ende des Stückes, dieser brutalen Vergewaltigungsszene. Sie ist deutlicher als in dem Film. Ich wüsste auch nicht, dass jemand dagegen war, dass ich dargestellt habe, dass sich zwei Männer in einer besonderen Szene küssen. Ohne diesen Aspekt wäre das Stück auch nicht zu verstehen.« Die Szene bezieht sich auf eine Erzählung von Blanche, die einmal ihren jungen Ehemann mit einem anderen Mann ertappte.
Größter Poet unter den Bühnenautoren
Für die Choreografen-Legende ist Tennessee Williams der größte Poet unter den amerikanischen Bühnenautoren. Und »A Streecar Named Desire« übte eine besondere Faszination auf ihn aus. Neumeier: »Hier geht es um mehr als ein realistisches Drama mit einer klaren Handlung. Darin findet sich eine tiefere, poetische Ebene mit so viel Suggestion aus anderen Welten. Die Idee, daraus ein Ballett zu choreografieren, machte es möglich, diese anderen Welten zu erfinden.« Im Ballett gebe es Szenen, die Williams gar nicht geschrieben habe – die es ohne ihn aber nicht geben würde. So geht Stanley nicht Bowling oder Karten spielen. Er ist Boxer. Eine Idee, die Neumeier aus einem anderen Werk von Williams, »Camino Real«, genommen hat.
Der ehemalige Intendant des Hamburg Ballett, das er 51 Jahre bis 2024 leitete, entschied sich musikalisch für eine kontrastreiche Collage aus Moderne und Klassik. Sie spiegelt das Innenleben von Blanche. Während Auszüge aus Sergej Prokofjews »Visions fugitives« ihre nervöse Instabilität und die Flucht in die Fantasie begleiten, schafft Alfred Schnittkes »Erste Sinfonie« eine bedrohliche Stimmung.
Auch heute herrscht in den USA eine bedrohliche Atmosphäre in der Gesellschaft, viele erleben einen sozialen Abstieg. Wieder erlebt das Land einen Konflikt zwischen Tradition und Erneuerung. Neumeier sieht tatsächlich Parallelen: »Die Figur der Blanche steht für die Tradition, für die Vergangenheit. Für diese Kultur, von der sie sagt: ‚Wir sind keine Affen‘.« Der Künstler holt tief Luft: »Wenn ich nur diese Sprache des Präsidenten höre oder lese, bin ich so schockiert. Ich denke, das kann nicht das Land sein, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.« Im Juni wird er nach New York und Chicago reisen. Das American Ballet Theatre nimmt »Die Kameliendame« wieder auf und das Joffrey Ballet in Chicago wird »Liliom« in den USA uraufführen. Neumeier: »Ich bin sehr gespannt darauf, das Land zu spüren. Diese großen ‚No Kings‘-Demonstrationen, wenn Millionen von Menschen auf die Straße gehen, finde ich sehr bewegend. Alle meine Freunde sind dabei.«
8. MAI BIS 9. JULI



