Mit scharfer Klinge rückt sie den Körperbildern zu Leibe. Anys Reimann trennt Arme und Beine vom Rumpf. Schneidet Löcher ins Papier, dort, wo Mund und Augen sitzen. In ihren Collagen wird anschließend alles neu kombiniert. Oft lassen die zusammengestückten Gesichter an Masken denken. Doch haben sie nichts zu verbergen, vielmehr wollen diese Masken Wesentliches offenlegen. Das Eindrücke aus dem Düsseldorfer Atelier der Künstlerin.
Die Räucherstäbchen glühen schon und verströmen ihren Duft. Anzünden sei das Erste, wenn sie am Morgen ins Atelier komme, bemerkt Anys Reimann. Oben in der dritten Etage der einstigen Backfabrik in Düsseldorf-Flingern, wo heute das »Weltkunstzimmer« sitzt, hat die Künstlerin ihr Atelier. Mit erstaunlicher Aussicht und sehr viel Platz. Ein unheimliches Glück sei es gewesen, dass sie hier vor wenigen Jahren einziehen konnte. Die drei Räume sind angefüllt mit Inspiration und mit Arbeit. Was sich hier so anhäuft, erzählt einiges über Anys Reimanns Kunst und ihre Quellen.
Überall stehen, hängen, liegen eigene Werke herum. Dazu Bücher und Magazine nebeneinander in Regalen und auf Tischen gestapelt. Gesammelte Kunstkarten, die sie wild an die Wand gepinnt hat, kontrastieren mit ordentlich aufgereihten Arbeitsplänen, die der Künstlerin helfen, das wachsende Pensum im Auge zu behalten. Nebenan stehen große Drucker bereit, und auf einer Schneidematte liegen Polaroids. Abbildungen alter Grafiken kleben an der Toilettentür. Pinsel aller Stärken finden sich neben einer Palette voller Farben. Dazu jede Menge Ausschnitte und Papierfetzen – haufenweise Köpfe, Augen, Arme… Sorgsam beschriftete Plastikboxen zeugen vom Versuch, Ordnung ins Körperteil-Lager zu bringen: »Ohr links«, »Braue rechts« oder »HNO divers« liegen da griffbereit. Von »fröhlich frech« bis »lasziv« reicht das Repertoire.
»Ja, diese Collagen haben sehr, sehr viel mit mir zu tun«
Anys Reimann
Wie Anys Reimann mit diesem Material umgeht, erschließt sich im Atelier mit Blick auf einige »Collage Paintings«, die schon fertig oder noch in Arbeit sind. Vor allem diese Art von Werken hat einen bemerkenswerten Wiedererkennungswert. Seit ein paar Jahren fallen sie einem in Museen und auf Messen immer wieder ins Auge. Jene coolen, farbigen Frauen, die Anys Reimann aus den gesammelten Einzelteilen komponiert und dabei nicht zuletzt ihr Selbstverständnis bespiegelt. »Ja, diese Collagen haben sehr, sehr viel mit mir zu tun«, stimmt sie zu. Als Tochter einer ostpreußischen Mutter und eines westafrikanischen Vaters ist sie im Ruhrgebiet aufgewachsen, vereint viele verschiedene Seiten in sich. Doch das gelte ja eigentlich für jeden. »Was wir sind, setzt sich immer aus vielen Dingen zusammen.« Bis zu 15 Fragmente fügt sie in ihren unverwechselbaren Gesichtern zueinander. »Das Individuelle, das Einzigartige ist für mich nur so herstellbar.«
Anys Reimann spricht über Vorstellungen, Erwartungen, Vorurteile, die andere Menschen mit ihr als farbige Frau assoziieren. Deutet an, was es heißt, als Afropäerin aufzuwachsen in einer Gesellschaft, die europäisch per se mit einer weißen Hautfarbe verbindet. Deckt den nur scheinbaren Widerspruch auf, den sie als farbige Europäerin in sich vereint. »Ich, das ist Viel(e)«, hat sie in diesem Zusammenhang einmal festgestellt. Wenn die Künstlerin sich nun an den Bildern aus Gegenwart und Vergangenheit, aus Zeitschriften, Büchern und dem Internet, aus alten Mythen, Kunstgeschichte und Popkultur mit der Schere zu schaffen macht, dann geht es sicher auch um all die Codes und Klischees.
Mit einem Schnipp werden sie zerlegt und mit Klebstoff neu zusammengesetzt. Nichts mehr scheint eindeutig oder durchschaubar in ihren kombinierten Körpern und Masken, die viel mehr offenlegen als verbergen. Sie nennt diese Arbeiten »Collage Paintings«, weil nach Schere und Klebstoff Pinsel und Farben ins Spiel kommen und das Stückwerk der Collage in ein mehr oder weniger einheitliches Körperbild verwandeln. Stark erscheinen ihre Frauen, sie sind schön wie sie sind und ganz sie selbst, selbstbestimmt.
Nicht pudrig, nicht süßlich, wie jene Düfte, die Anys Reimann ablehnt. Schon seit ihrer Kindheit bevorzugt sie Patschuli. Und sie schwärmt von Weihrauch. Eine Kombination aus beiden hat die Künstlerin auch an diesem Tag als Raumduft gewählt. Wenn sie die Note beschreibt, glaubt man ihr gern, dass auch Parfümeurin auf der Liste der vielfältigen Berufe stand, die sie für sich in Erwägung gezogen und zum Teil auch ausprobiert hat. Anys Reimann zählt auf: Archäologin, Buchbinderin, Schreinerin, Restauratorin, verliert dann aber die Lust. Nur der Job beim Zirkus Roncalli verdient noch Erwähnung.
Es brauchte beträchtliche Zeit, bis sie sich gefunden hatte. Vielleicht wäre es schneller gegangen, ohne die Belehrung der Mutter: »Es gibt keine schwarzen Künstler in Deutschland.« Den Einwand im Ohr, studierte Reimann schließlich Innenarchitektur, arbeitete dann lange Zeit erfolgreich als Produktdesignerin und entschloss sich erst mit 40 plus zum Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie in Thomas Grünfeld einen tollen Lehrer gefunden habe.

Foto: Stefanie Stadel
Auch während der Jahrzehnte zuvor gehörte für sie die Kunst immer dazu, wie der Duft von Patschuli. Sie habe ihre Arbeiten allerdings nicht wirklich als Kunst betrachtet. Es waren einfach Dinge, die nebenher entstanden und von denen sie nicht geglaubt habe, dass sie für ein breiteres Publikum von Interesse sein könnten. Sie öffentlich zu machen, sei ihr nicht in den Sinn gekommen. Das haben dann andere übernommen. Allen voran Katharina Klang. Nachdem sie Arbeiten von Reimann bei Instagram entdeckt hatte, lud die damalige Direktorin der Sammlung Philara die Künstlerin 2021 zu einer Ausstellung ein. Von da an ging es Schlag auf Schlag.
Zuletzt brillierte Anys Reimann 2025 am Stand der Galerie Van Horn auf der Art Cologne – mit 60 Jahren war sie als »New Position« in die Messehallen eingezogen. Eine Kategorie, in die üblicherweise Künstler*innen um Mitte 30 einsortiert werden. Demnächst steht dann auch schon die erste große museale Überblicksausstellung an: Im Mai präsentiert Reimann ihre Arbeiten im Weserburg Museum für moderne Kunst. »Kneif mich mal«, bitte sie manchmal ihren Mann, weil sie die Entwicklung selbst kaum fassen könne. Ein Modell der Räumlichkeiten in der Weserburg steht mitten in ihrem Atelier und scheint bereits gut gefüllt.
Aristoteles‘ Rücken zum Reiten
Blumeninstallationen, eine Duftmaschinen, von Hand aus Lindenholz geschnitzte Arme und Beine, ein in Aluminium gegossener Hoodie, Leder-»Bälger«, die von der Decke hängen, fotografische Selbstporträts als geringelter Strumpfkopf – eines fügt sich zum anderen in diesem Werk. Wobei die vielsagenden Collagen doch den größten Raum einnehmen.
Doch warum sind es immer nur Frauen, die Reimann mit ihren Schnitten ins Papier aus festgefahrenen Rollen befreit? Warum bekommen nur sie ihr unverwechselbares Gesicht? Warum dürfen nur sie rebellieren? Das fragt man sich auch mit Blick auf jene starke Phyllis, die als junge schöne Frau den alten lüsternen Aristoteles dazu bringt, sich nackt auszuziehen und ihr den Rücken zum Reiten anzudienen. Reimann hatte mit ihrer modernisierten Collage-Version der mittelhochdeutschen Märe auf der Art Cologne von sich Reden gemacht.
»Ich habe nichts gegen Männer, aber sie interessieren mich in meiner Kunst zurzeit nicht so sehr«, erklärt sie. Kann dann aber doch eine kleine Serie vorweisen, die Männern gewidmet ist. Genauer gesagt sind es schwarze, weinende Männer. Einem hat Reimann das Tränen gefüllte Auge einer weißen Schauspielerin eingepflanzt. So einfach kann es sein, Gefühle zu zeigen. Bei Reimann ist es das Glück, ohne Zweifel. »Glücklich bin ich«, so die Künstlerin, »dass ich eine Stimme und Sichtbarkeit bekommen habe, um solche Themen immer wieder anzusprechen und ins Bewusstsein zu bringen«.






