Vom Lesepavillon zum Ausstellungsort: Im Essener Grugapark gibt es ein überrasches Kleinod für Kunst – einen Glaspavillon, den der Galerist Torsten Obrist Künstler*innen zur Verfügung stellt. Doch welche Werke funktionieren in einem botanischen Garten? Ein Gespräch.
kultur.west: Herr Obrist, was ist das für ein Pavillon, in dem Sie Ausstellungen zeigen?
TORSTEN OBRIST: Der Glaspavillon wurde 1965 gebaut als Lesepavillon, in den sich die Grugaparkbesucher zurückziehen konnten. Auch zuletzt wurde er über viele Jahre von einem Leseverein genutzt. Als der seine Tätigkeit aus Altersgründen allerdings einstellte, gab es zunächst keine Idee für eine Folgenutzung. In diese Bresche bin ich gesprungen: Als Parkspazierer durfte einem dieses kleine Architektur-Juwel im Mies-van-der-Rohe-Stil nicht entgehen.
kultur.west: Welche Kunst gibt es dort zu sehen? Was funktioniert in dem ja komplett verglasten Raum, wonach suchen Sie die Künstler aus?
OBRIST: Ich habe eine Reihe entwickelt, die »in vitro«, also »im Glas«, heißt. Denn die Kunst kann hier wie in einer Vitrine von aussen durch das Glas vollständig erfasst werden. Wichtig ist mir, dass alle Künstler*innen einen anderen Ansatz haben: Jáchym Fleig hat hier schon riesige Stalagmiten aufgestellt, die die Decke des Pavillons durchstießen. Emil Walde hat alle Scheiben mit einer transparenten Folie beklebt, die das Muster eines Lüftungsgitters abbildete, während drinnen eine »Klimamaschine« ihr Werk verrichtete. Ilka Helmig hat alle Scheiben mit weißen organisch anmutenden Strukturen bemalt und Ottmar Hörl den Pavillon mit 200 goldenen Kunststoff-Spatzen bevölkert. Martin Schwenk schuf unter dem Titel »Entsorgen« ein abstraktes Abwasserkanalsystem im Pavillon. Wichtig ist mir, dass die oft eher großformatigen Werke mit der außergewöhnlichen Architektur und der besonderen Lage in einem botanischen Garten umgehen und die Kunst mit der Architektur verflechten.
kultur.west: Im Sommer kommt nun Julika Rudelius an die Reihe. Was hat sie vor?
OBRIST: Ihre Ausstellung wird »Ins Leben der Anderen« heißen. In ihren Videoarbeiten geht es häufig um Voyeurismus. Sie wird den Pavillon rundum mit unterschiedlichsten Vorhängen zuhängen, und nur an wenigen Stellen den Blick freigeben auf Video-Inszenierungen, die im Inneren des Pavillons im Halbdunkel stattfinden.
JUDIKA RUDELIUS, GRUGAPARK, ESSEN
15. AUGUST BIS 20. SEPTEMBER





