Er gilt als Aushängeschild der deutschen Pop Art und Galionsfigur der Berliner Techno-Szene der Nachwendezeit. Im Mai präsentiert Jim Avignon in der Oberhausener Galerie »Bunte Hunde« neue Werke.
Wer Jim Avignons rasantes Arbeitstempo kennt, wird kaum überrascht sein, dass der Schnelldenker und Schnellmaler (nach eigenen Angaben beträgt sein täglicher Output durchschnittlich 4,37 Werke) in Oberhausen nahezu ausschließlich neue Arbeiten an den Start bringen will. Dabei reichen die Formate von laptop- bis schrankwandgroß. In welche Richtung allerdings die jüngsten Schöpfungen des Künstlers gehen, das bleibt bis zur Vernissage am 30. April ein gut gehütetes Geheimnis. Die meisten seiner Ideen, verrät Galerist Marcus Schütte, würde der Künstler gerade erst ausbrüten.
Geplant sind unter anderem interaktive Installationen, die den Betrachter unversehens in das Geschehen einbeziehen. Der Programmankündigung ist außerdem zu entnehmen, dass Jim Avignon einen »virtuellen Psychiater« in die Räume an der Lothringer Straße einschleusen will. Neugierig macht zudem der Hinweis, der Künstler platziere dort auch eine große, selbstgebaute Jukebox.
Die Ausstellung findet in Kooperation mit den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen (28. April bis 3. Mai) statt. Genauer gesagt flankiert sie deren »MUVI-Preis« für das beste deutsche Musikvideo – passenderweise sitzt Jim Avignon in diesem Jahr als Jurymitglied mit im Kurzfilmboot. Eine Synergie, die Sinn ergibt, berücksichtigt man seine eigene musikalische Umtriebigkeit: Parallel zu seiner Malerei reüssierte Avignon unter dem Pseudonym »Neoangin« jahrelang mit Elektropop in den Clubs.
Neuer Ort für zeitgenössische Kunst
Mit »long story short« präsentiert die Galerie »Bunte Hunde« erst ihre zweite Ausstellung. Bei der Premiere, der Gruppenausstellung »Animal Artlife«, war Jim Avignon ebenfalls mit von der Partie. Mit seinen »Party Animals« sorgte er für Feierstimmung. Dass im Ruhrgebiet ein solch neuer Ort für zeitgenössische Kunst entstanden ist, verdankt sich der Initiative von Marcus Schütte. Der Gründer der Agentur NETZKULT/MaschMedia erweitert damit sein Portfolio. Dass Agenturen ihre Geschäftsräume zusätzlich als Ausstellungsort nutzen, um Markenbild und Kreativkultur zu stärken, mag per se nicht ungewöhnlich sein. Schütte jedoch bringt ein über Jahrzehnte gewachsenes Fundament mit: Seit rund drei Jahrzehnten unterstützt er Kulturanbieter in Nordrhein-Westfalen mit crossmedialer Werbung, darunter das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte oder die Langen Foundation in Neuss.
Dieses umfassende Netzwerk bewährt sich nun in der neuen »Galerie für zeitaktuelle Kunst«. Schüttes Anspruch ist es, ein Ausstellungsprogramm zu etablieren, das abseits der gängigen Themen origineller und originärer Kunst einen Weg bahnt. Pop Art, Minimalismus, Street Art sowie Digitale Kunst gehören zu jenen Spielarten, denen er ein Forum bietet. Regionale sowie internationale Positionen sollen dabei zusammen für ein offenes, bewusst zeitnahes Programm sorgen. Und obschon die Präsentation durch einen nutzerfreundlichen Onlineshop ergänzt wird, betont Schütte: »Die Galerie ist immer Dreh-, Angel- und Mittelpunkt aller Aktivitäten«.
Die Einladung an Jim Avignon fügt sich nahtlos in eine programmatische Ausrichtung, die auf Vielfalt, Haltung und Aktualität setzt. Schließlich handelt es sich bei Avignon um einen Künstler, der wie kaum ein zweiter für eine unangepasste, urbane Ästhetik steht und immer wieder die Konfrontation mit dem Establishment suchte. Als Christian Reisz in München geboren, zog er 1989 nach Berlin, wo er mit großformatigen Bühnenbildern für Raves die aufkeimende Technoszene visuell prägte.
Comicartige Ästhetik
Seine Biografie liest sich wie ein Schelmenroman der zeitgenössischen Kunst. Selbst über sein exaktes Geburtsjahr kursieren unterschiedliche Angaben: In Betracht kommen entweder 1965, 1966 oder 1968. Auch die Genese seines Pseudonyms passt in dieses unkonventionelle Bild: Bei einem Roadtrip Mitte der achtziger Jahre blieb er in der südfranzösischen Stadt Avignon stecken, weil sein Auto den Geist aufgegeben hatte. Um die Reparatur zu finanzieren, betätigte er sich kurzerhand als Pflastermaler und verdiente so mit der Kunst sein erstes Geld.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Avignon 2013 durch eine spektakuläre Guerilla-Aktion an der Berliner East Side Gallery. Dort hatte er 1990 kurz nach dem Mauerfall ein euphorisches Wende-Panorama beigesteuert. Beteiligt waren daran knapp 120 Künstler*innen aus zahlreichen Ländern. Über zwei Jahrzehnte später übermalte er sein eigenes, inzwischen unter Denkmalschutz stehendes Bild und ersetzte es durch eine desillusionierte Sicht auf die Gentrifizierung Berlins.
Stilistisch wird Avignons comicartige Ästhetik meist der Pop Art oder Street Art zugeordnet. Schwarze Konturen, sogenannte »Outlines«, leuchtende Farben und ein flächiger Auftrag sind seine Markenzeichen. Mitunter verortet die Kunstkritik ihn auch beim Neoexpressionismus und zieht genealogische Parallelen zu Größen wie George Grosz oder Ernst Ludwig Kirchner. Seine Figuren erinnern zuweilen an Picasso oder Beckmann. Am treffendsten jedoch erscheint der häufig gezogene Vergleich mit Keith Haring, dem New Yorker Pionier der Street Art. Wie Haring empfindet auch Avignon die angestammten Bezirke der Hochkunst oft als elitäre Beengung; beide eint das Bestreben nach einer konsequenten Demokratisierung der Kunst, hinein ins bunte Leben.
In der Oberhausener Schau wird dieser Ansatz deutlich. Kunst ist für Jim Avignon Kommunikation. Er sieht sich als eine Art Geschichtenerzähler in Bildern. Und obwohl er seine Szenen gern mit beißendem Witz würzt, vermittelt das Œuvre eine heitere Gesamtstimmung. Dabei besitzt Avignon durchaus das Talent, komplexe gesellschaftliche, politische oder private Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Seine Werke sind gleichsam Graphic Novels, verdichtet in einem Bild und ohne Sprechblase. »long story short« – das Motto der Ausstellung in Oberhausen verweist darauf, dass Avignon im Medium der Kunst viel zu erzählen hat. Dass es dabei jedoch stets kurzweilig zugeht, darauf darf man schon vorab jede Wette eingehen.
»JIM AVIGNON – LONG STORY SHORT«, GALERIE »BUNTE HUNDE«
LOTHRINGER STRASSE 9, 46045 OBERHAUSEN
1. BIS 29. MAI
NACH DER MUVI-PREISVERLEIHUNG AM 2. MAI, GEGEN 24 UHR:
LIVE NEOANGIN (BERLIN), DJ SET MIAU PARTY: MISS STEREO & JIM AVIGNON (KÖLN/BERLIN).



