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»Dies ist keine Beuys-Gedenkstätte«
Seit gut einem Jahr hat die Brunhilde Moll Stiftung ihren Sitz am Düsseldorfer Drakeplatz. Wie geht es weiter im einstigen Wohnhaus von Joseph Beuys? Ein Gespräch mit der Künstlerischen Leiterin Elza Czarnowski.
kultur.west: Wir sitzen hier in ihrem Büro – Sie arbeiten direkt neben Beuys‘ Atelier und dem berühmten rosa Badezimmer, das er wohl mitgeplant hat. Wie fühlt sich das an?
ELZA CZARNOWSKI: Es ist schon ein spezieller Ort – zum Besuchen und auch zum Arbeiten. Während der Öffnungszeiten lasse ich oft die Tür zum Ausstellungsraum offen und klinke mich manchmal sogar in Gespräche ein. Man bekommt ganz viel an persönlichen Erlebnissen mit. Da war zum Beispiel ein Besucher, der erzählte, dass er als 17-Jähriger schon einmal hier war, um den Künstler für die Schülerzeitung zu interviewen. Beuys ist hier, er gehört zum Geist des Hauses.
kultur.west: Seit August 2024 sind Sie hier, richtig?
CZARNOWSKI: Ja, und schon im September haben wir das Haus und die erste Ausstellung eröffnet. Ein großer Schritt – das hallt noch immer nach. Viele Menschen kommen hierher, nicht in erster Linie wegen der einen oder anderen Ausstellung, sondern weil sie gerne das Haus von innen sehen möchten. Das war noch nie in dem Maße wie heute möglich. Obwohl es natürlich immer ein Ort war, an dem man im Austausch mit einer Art von Öffentlichkeit stand. Beuys hat viele Gäste hier empfangen. Und ich gehe davon aus, dass auch vorher Besucher ein- und ausgingen bei den vielen Künstler*innen, die hier lebten und arbeiteten. Aber dass es Öffnungszeiten gibt und jeder kommen kann, das hat es nie gegeben.

kultur.west: Das Gebäude ist ja eigentlich als Atelierhaus gedacht, war es üblich, dass die Künstler*innen hier auch wohnten?
CZARNOWSKI: Das war unterschiedlich. Einige haben sicher hier gelebt, ich weiß auch nicht genau wie, denn richtig wohnlich ist es ja nicht. Vielleicht auch etwas aus der Not heraus. Beinahe programmatisch wurde die Verbindung von Leben und Arbeiten an diesem Ort dann aber erst bei Beuys, der ja davon überzeugt war, dass man die Sphären gar nicht trennen kann. Dass Kunst, Politik, Privatleben zusammengehören. Und das ist etwas, das wir auch anstreben in diesem Haus.
kultur.west: Leben und Arbeiten unter einem Dach – wie genau soll das aussehen?
CZARNOWSKI: Wir wollen, dass das Haus nicht nur besucht und betrachtet, sondern auch benutzt wird – als ein künstlerischer Ort. Dazu haben wir ein Stipendienprogramm initiiert. In regelmäßigen Abständen für die Dauer von bis zu einem Jahr sollen hier Künstler*innen einziehen und arbeiten können. Dazu wurden die Räume in der oberen Etage wohnlich ausgestattet. Eine Künstler*innengruppe war bereits zu Gast, und wir arbeiten unter Hochdruck daran, dies fortzusetzen.
kultur.west: Die ersten Stipendiat*innen, die am Drakeplatz 4 eingezogen sind, gehörten zur Künstler*innengruppe Para und haben überwiegend performativ gearbeitet. Gibt es einen Schwerpunkt, den Sie für die Zukunft setzen wollen?
CZARNOWSKI: Eigentlich nicht – wir streben im Stipendienprogramm maximale Offenheit und Experimentierfreude an und würden gerne die ganze Bandbreite abbilden, von dem, was Kunst heute sein kann.
kultur.west: Daneben zeigen Sie Ausstellungen, die sich bisher in einem engeren Rahmen hielten – zur Eröffnung gab es eine Beuys-Schau, dann wurde die Malerin Vera Laros präsentiert und aktuell der Bildhauer Simon Schubert. Wie könnte es weitergehen?
CZARNOWSKI: Das weitere Programm steht noch nicht, doch stellen wir uns eine Mischung vor. Wir wollen Künstler*innen, die bereits einen Namen haben im Wechsel mit weniger bekannten präsentieren. So dass wir ein gewisses Aufmerksamkeitslevel halten und außerdem auch ein Sprungbrett bieten können.
kultur.west: Gibt es thematische Schwerpunkte, die Sie setzen wollen?
CZARNOWSKI: Nicht wirklich, aber es gibt einen Wunsch, der immer wieder in unseren Gedanken mitschwingt: Die Verbindung der beiden Stiftungszwecke. Zum einen die Förderung von Kunst und Kultur und zum anderen die Unterstützung von Projekten in der Hirnforschung.
kultur.west: Es scheint eher kompliziert, diese beiden Bereiche im Ausstellungsprogramm unter einen Hut zu bringen.
CZARNOWSKI: Das ist einfacher, als man meinen könnte. Ohne einen Gedanken passiert ja auch auf keiner Leinwand etwas – dem Machen geht ja immer das Denken voraus. Diese Schnittstelle ist immer da, und wir würden sie gerne punktuell auch noch sichtbarer machen. Da kommt Simon Schubert ins Spiel, der in seiner Kunst sehr stark mit Wahrnehmungsmöglichkeiten umgeht.
kultur.west: An der Wand hinter Ihnen lehnen einige historische Fotografien, die Joseph Beuys in diesem Haus zeigen – welche Rolle wird er hier künftig spielen?
CZARNOWSKI: Wir machen es nicht zur Regel, dass alles, was wir tun, mit Beuys zu tun hat. Umgekehrt kommt es aber schon vor, dass die Künstler*innen oder Teile ihres Werkes den Bezug herstellen. Beuys‘ Thema der soziale Plastik war sehr stark mit unseren ersten Stipendiat*innen verknüpft. Auch bei Vera Laros finden sich Verbindungen, wenn sie sagt, jeder Mensch sei ein Künstler und sie wolle dies nun aus sich herausholen und malen. Auch Simon Schubert erklärt, dass er ohne Beuys nicht der Künstler geworden wäre, der er heute ist. Viele sind verbunden mit seinem Vermächtnis, und dies zu zeigen, ist das hier genau der richtige Ort.
kultur.west: Um Beuys und seine Kunst wird es also meistens eher mittelbar gehen?
CZARNOWSKI: Auf jeden Fall ist dies keine Beuys-Gedenkstätte. Natürlich atmet das Haus, was es ist und was es war. Aber es soll sich auch weiterentwickeln. Und ich denke, das ist ganz im Sinne von Beuys, der niemals Vergangenes konservieren wollte. Vielmehr war er ja einer, der im Moment und in die Zukunft gedacht hat.
Zur Person
Elza Czarnowski ist Anthropologin und Kulturmanagerin. Nach Abschluss ihres Master of Arts in Berlin und Warschau kuratierte und koordinierte sie Ausstellungen in Berlin, Göttingen und Duisburg. Den Fokus ihrer Arbeit bildete dabei die Schnittstelle von Forschung, Kunst und Kunstvermittlung. Seit 2024 ist Czarnowski künstlerische Leiterin der Brunhilde Moll Stiftung.