Kunstwerke an der eigenen Wohnzimmerwand? Schön, bloß viel zu teuer! Aber wer sagt denn, dass die Kunst gleich gekauft werden muss? Ein Streifzug durch die zahlreichen Artotheken im Land.
Fast 30 Artotheken gibt es allein in NRW, und sie sind so vielfältig, wie die Städte, in denen sie sich befinden: In Xanten etwa wartet die »wahrscheinlich kleinste Artothek Deutschlands«. Wie die meisten im Land ist sie angeschlossen an die Stadtbibliothek und wird von dieser sowie der Galerie im DreiGiebelHaus betreut. Viele der Kunstwerke können an den Wänden der Bibliothek betrachtet und von dort ausgeliehen werden. In Krefeld haben sich Künstler*innen zu einem Verein zusammengeschlossen und betreiben einen Ausstellungsraum sowie die Artothek. Und in Bergisch Gladbach gibt es seit 1993 die Artothek im Kunstmuseum Villa Zanders, die über 1700 Grafiken und Fotografien verfügt. In Bonn hingegen ist die Artothek als eine der wenigen im Kunstverein untergebracht. Wer hier etwas ausleihen möchte, muss erst Mitglied werden. Dafür lockt eine Sammlung von rund 2000 Druckgrafiken, Fotografien, Zeichnungen und Malereien von Marina Abramović über Martin Kippenberger bis zu Sigmar Polke. Das meiste davon ist gut sichtbar auf Schiebewänden im einladenden Eingangsbereich des Kunstvereins verteilt.

Auf der Suche nach Geschichten: Kinder- und Jugendartothek im Wilhelm-Fabry-Museum Hilden
»Die Mona Lisa!« Egal welches Kind man auch fragt, die rätselhafte Schöne ist der Renner in der Kinderartothek im Hildener Wilhelm-Fabry-Museum. Bei Leonardo da Vinci sind die Kinder also gar nicht so weit weg von den erwachsenen Kunstliebhaber*innen. Nur dass diese in Zehnerreihen im Louvre vor dem gar nicht mal so großen Öl-Original stehen, während sich die Kinder ihre Mona Lisa einfach als Kopie mit nach Hause nehmen können. Große Begeisterung ruft auch das Aquarell »Papageien auf hellem Grund« von Alfred Gockel hervor. Ihn kennen die Erwachsenen wahrscheinlich eher von seiner Skulptur »Gelbe Engel« – dem auf fliegenden Engeln stehenden Rettungshubschrauber am Kamener Kreuz.
»Die Papageien« zieht auch Sophia sofort aus der Schublade unter den historischen Schnapsfässern der ehemaligen Kornbrennerei hervor. Dieses Original hatte sie schon einmal ausgeliehen – um es abzumalen. Zwischen Original und Kunstdruck machten die Kinder keinen Unterschied, sagt die Direktorin des Fabry-Museums, Sandra Abend, und da die Kinder- und Jugendartothek auch Grundlagen der Kunstgeschichte und Maltechniken beibringen möchte, sind im Bestand neben etwa 50 Originalen rund 250 Drucke zu finden. Ariane kann sich jedenfalls kaum entscheiden: Den »Wanderer über dem Nebelmeer« von Caspar David Friedrich schiebt sie wieder zurück, betrachtet lange das »Weibliche Idealbildnis« von Sandro Botticelli, aber ihre Favoritin ist das Porträt eines Mädchens, »Bia de‘ Medici«, von Agnolo Bronzino. Wer das ist, möchte sie wissen. »Für die Kinder ist es wichtig, etwas Erzählerisches zu haben«, sagt Sandra Abend. Und so sind in der Kinderartothek deutlich mehr gegenständliche als abstrakte Kunstwerke zu finden.
wilhelm-fabry-museum.de/kinderartothek/

Zehn Wochen Zeit für sieben Euro: Artothek in Köln
In Köln entscheiden sich die Kinder auch gerne mal für Abstraktes, so berichtet es Astrid Bardenheuer, die Direktorin der Artothek in der Kölner Altstadt, in einem burgähnlichen spätgotischen Bürgerhaus in Sichtweite von Dom und Museum Ludwig. Kinder seien zwar nicht die Hauptzielgruppe, aber kleine Gruppen aus Kindergärten und Schulen kommen auch hier vorbei und müssen sich dann auf ein Werk einigen, das mitgenommen wird. Und die Großen? Die haben die Qual der Wahl aus 1600 Kunstwerken. »Wir beraten auch«, sagt Astrid Bardenheuer, »aber ein erster emotionaler Zugang ist nur schwer zu vermitteln«. Den kann man sich entweder über die Online-Datenbank verschaffen, oder die Werke ganz real aus einem Regal ziehen. Etwa 300 sind in einer Freihand-Ausleihe im Erdgeschoss verfügbar, der Rest wird gerne aus dem Depot geholt. »Es ist wahnsinnig schwierig, sich darauf zu fokussieren, was einem gefällt«, meint Bardenheuer, aber die Besucher*innen sollten sich unbedingt vor Ort selbst etwas aussuchen und Kriterien entwickeln, was ihnen gefalle. Dann haben sie für sieben Euro zehn Wochen Zeit, sich zu Hause intensiver mit dem Werk auseinanderzusetzen, in der Familie oder mit Besuch darüber zu diskutieren. »In dieser Zeit passiert schon einiges, die Beziehung verändert sich«, so Bardenheuer. Manche hätten die Kunst dann gerne dauerhaft – ein Verkauf ist aber nicht möglich, denn es handelt sich um eine städtische Sammlung. Die wurde 1973 gegründet, damals noch als Abteilung der Stadtbibliothek, und ist sehr breit angelegt: Von Beginn an wurden auch internationale Positionen gesammelt, es gibt unterschiedliche Techniken und Themen. Große Namen sind durchaus im Angebot, aber das spielte für viele Nutzer*innen oft keine Rolle, meint Bardenheuer, die die Sammlung mit einem kleinen Ankaufsetat sowie Leihgaben und Schenkungen weiter ergänzen kann. Dabei muss sie andere Aspekte beachten als in herkömmlichen Sammlungen: aktuelle Gegenwartskunst zu vermitteln und eine tiefere Auseinandersetzung zu ermöglichen, ist die Aufgabe. Ankäufe seien auch eine Form der Künstlerförderung, aber mit dem Kunstmarkt mithalten kann die Artothek finanziell nicht. Außerdem müssten die Werke auch verleihbar sein – über die Jahre habe sie ein Gefühl dafür entwickelt, was die Kund*innen gerne auswählen. Und dann ist da natürlich noch die Beschränkung der Größe, denn der Transport ist Sache der Kundschaft und alles, was größer ist als A1 lässt sich selbst mit dem Auto nur schwer nach Hause schaffen. Und an die Wand im Wohnzimmer.

Entdeckungen im ehemaligen Pelzgeschäft: Artothek Oberhausen
Die Artothek Oberhausen hat rund 1600 Grafiken, Gemälde, Fotografien oder Skulpturen in ihren Beständen – allesamt Werke, die Künstler*innen der Stadt zur Verfügung stellen, die meisten sind Leihgaben für mindestens zwei Jahre. Das bedeutet auch, dass die Nutzer*innen die Werke nicht zwingend wieder hergeben müssen, wenn die Leihfrist abgelaufen ist, sondern sie von den Künstler*innen kaufen können. Die 1977 gegründete Artothek gehört zur Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen, ist aber vor etwa einem Jahr von dort in die Innenstadt gezogen, in schon lange leerstehende Ladenlokale – ein Pelzgeschäft war hier ein untergebracht, dessen Kundschaft sogar aus Düsseldorf anreiste. Der Umzug war Teil des Projektes »Creative City« im Rahmen des Förderprogramms »Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren« des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Und so findet sich die Artothek nun in dem denkmalgeschützten, aber schon lange leerstehenden Europahaus, das Mitte der 1950er Jahre von Hans Schwippert gebaut wurde. Die Lage zwischen Fußgängerzone und Bahnhof bringt ein neues, ganz anderes Publikum, meint Sabine Falkenbach, die die Artothek mit einer Kollegin betreut: »Es war auch schön, sich im Rahmen eines Schloss-Ensembles zu präsentieren, aber lebendiger ist es hier.« Große Fensterflächen öffnen die Artothek wie auch den zugehörigen Artoclub – einen Raum für Veranstaltungen, aber auch Ausstellungen – nach außen und wecken die Neugier der Passant*innen. Dabei wirkt sie wie eine Galerie: Auf zwei Etagen hängt die Kunst an der Wand, Skulpturen sind auf eleganten Sockeln platziert, dazu gibt es helle Magazinschränke. Nur gerade ist es alles nicht so schick, denn ein Wasserschaden – der kein Kunstwerk beschädigt hat – machte die Räume vorerst unbenutzbar. Aber auch die Ersatzräume direkt nebenan haben Charme, wenn auch eher einen rauen. Hier finden sich Bilder in Petersburger Hängung an der Wand oder in mehreren Reihen vor den Magazinen, die Skulpturen stehen auf der Fensterbank. Das Ganze wirkt niedrigschwellig. Genau das war auch das Ziel des Umzugs in die City: nicht nur diejenigen anzusprechen, die ohnehin schon ins Museum gehen. Deshalb wurden auch die Öffnungszeiten ausgeweitet, von einmal im Monat zu zwei Nachmittagen in der Woche, ein bisschen auch ausgerichtet auf das Lichtburg-Kino schräg gegenüber und seine Besucher*innen.
Kunst gucken im Internet: Digitalisierte Artotheken
Für viele Artotheken ist derzeit die größte Aufgabe die Digitalisierung des Bestandes – sie ist zeit- und kostenintensiv, aber relevant auch für die Sichtbarkeit. Die Artothek in Köln hat bereits einen Online-Katalog, viele Besucher*innen entdecken die Ausleihmöglichkeit über die Ausstellungen, die kostenfrei zugänglich sind. Rund 400 regelmäßige Nutzer*innen hat die Kölner Artothek derzeit – sie blieben dann meist Jahrzehnte dabei und auch Kinder und Enkel würden oft zu Kund*innen, so erzählt es Astrid Bardenheuer. In der Kinder- und Jugendartothek in Hilden ziehen neben dem Museum die vielen Aktivitäten, die dort für Kinder angeboten werden, die Menschen an. So gibt es jeden Freitag die »Kunstzeit«, bei der Werke aus der Artothek als Vorbild für die eigene künstlerische Betätigung dienen und wo genaues Hinsehen trainiert wird. Und wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht – die meisten Artotheken in NRW bieten übrigens Geschenkgutscheine für Ausleihen an.






