Ruhrtriennale: Lisaboa Houbrechts bringt Hermann Hesses »Siddhartha« als Musiktheater auf die Bühne der Maschinenhalle Zweckel.
Hermann Hesse war nie in Indien. Aber mit seinem vor gut 100 Jahren erstmals veröffentlichten Roman »Siddhartha« löste er eine große Begeisterung vieler Europäer für die indische Spiritualität aus. In Südasien ist das Buch ebenfalls beliebt und wurde häufig übersetzt. Ein junger Mensch befreit sich von allen Konventionen und sucht nach Erleuchtung, nicht durch Theorien und Lehren, sondern durch persönliche und körperliche Erfahrungen. Ein perfektes Thema für die Ruhrtriennale, denn die überdimensionalen Räume in den ehemaligen Industriehallen verlangen nach Geschichten, die Menschheitsfragen stellen, nach Utopien und Weltentwürfen.
Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck mit ihrem Fliesenfußboden, den Rundfenstern und den alten Maschinen, die im riesigen Raum stehen, bietet besonders viele Möglichkeiten. Allerdings müssen sich Künstler*innen auf diese Halle stark einlassen, sie ist nicht so flexibel verwandelbar wie die Bochumer Jahrhunderthalle oder die Kraftzentrale in Duisburg. Die belgische Theatermacherin Lisaboa Houbrechts ist von dem eigenen Charakter der Maschinenhalle begeistert. »Es wird sich ein Flussbett durch die Halle ziehen«, erzählt sie, «das in zwei Teile zerbrochen ist. Ein Teil des Bühnenbildes ist etwa acht Meter hoch. Es gibt eine Menge Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung. Die andere Seite ist eine etwas niedrigere Rampe, die aber auch vier oder fünf Meter hoch ist. Sie repräsentiert das Leben in der Stadt. Zwischen der Treppe und der Rampe gibt es ein Feld, das den See darstellt, an dem Siddhartha am Ende ankommt.«
Die Seele hat kein Geschlecht
Hermann Hesses Roman beschreibt eine Reise durch vier verschiedene Landschaften. Siddharta verlässt sein Zuhause, weil er sieht, dass er sich hier spirituell nicht weiter entwickeln kann. Sein Weg führt ihn durch die Natur, deren Schönheit er lieben lernt, und in die Stadt, wo er eine Kurtisane bittet, ihm die körperliche Liebe beizubringen. Sein Ziel, das Nirwana zu erreichen, treibt ihn immer weiter voran. In Lisaboa Houbrechts Inszenierung ist Siddhartha eine nicht binäre Person, dargestellt von der belgisch-äthiopischen Sängerin Meskerem Mees. »Siddhartha findet heraus, dass die Seele kein Geschlecht hat«, erklärt die Regisseurin. »Das ist mit viel Schönheit verbunden und kann helfen, weniger Schmerz zu empfinden. Der Körper ist auch ein Opfer der eigenen Identität.«
Der Roman ist eher kurz. Jeder Lesende kann ein eigenes Tempo entwickeln. »Ich wollte viele Sätze singen lassen«, sagt Lisaboa Houbrechts, »um ein bisschen mehr Zeit mit ihnen zu verbringen.« So kamen die Komponistin Caroline Shaw und der 24köpfige Lettische Rundfunkchor ins Spiel. »Siddhartha« wird eine für die Ruhrtriennale typische Kreation aus Musiktheater und Schauspiel.
Die Idee entstand während einer Indien-Reise in der Pandemiezeit. Lisaboa Houbrechts arbeitete mit der Tänzerin Shantala Shivalingappa, die auch bei »Siddharta« dabei ist, an einem Projekt. Den Roman hatte sie von zu Hause mitgenommen und war überrascht, dass er in Indien auch bekannt war. Lisaboa erlebte, wie hart das Virus die indische Gesellschaft getroffen hat, sah Leichen auf den Straßen, erlebte einen anderen, weniger tabuisierten Umgang mit dem Tod als zu Hause. Sie schrieb zwar einige Notizen, aber erst als sie Hermann Hesses »Siddhartha« las, fand sie Worte, um ihre Erfahrungen zu beschreiben. »Und als Ivo Van Hove mich nach einem Lieblingsprojekt fragte«, erzählt Lisaboa, »wusste ich sofort, dass ich ‚Siddhartha‘ machen wollte«.
Nun macht sich Siddhartha also in Zweckel auf die Suche nach der Erleuchtung. Durch die Fenster der Halle wird man sehen, wie das natürliche Licht in der ersten Hälfte der Aufführung verschwindet und ins künstliche Licht übergeht. Und wie die Welt der Lebenden und der Toten anfangen, sich zu überlagern. »Ich kann inzwischen nicht mehr sagen«, meint Lisaboa Houbrechts, »wo Hermann Hesses Stimme aufhört und meine eigene beginnt.«
»SIDDHARTHA«
10. BIS 13. SEPTEMBER
MASCHINENHALLE ZWECKEL GLADBECK
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