In diesem Jahr geht der renommierte Kunstpreis Junger Westen an Jeehye Song. Grund genug für einen Besuch im Düsseldorfer Atelier der Malerin, deren Bilder mit Leichtigkeit locken – die Betrachtenden aber unversehens in die Tiefe ziehen können.
Man wartet vor dem Tor – 10 Minuten, 15, fast 20. Zwischendurch eine SMS »bin gleich da« oder ein Anruf und die Frage nach Kaffeewünschen, mit Kuh- oder Hafermilch? Zwei Pappbecher in den Händen, kommt sie schließlich angerannt. Jeehye Song arbeitet im Café um die Ecke und ist etwas außer Atem, als sie die Tür aufschließt, durch den Flur vorauseilt und anschließend leicht hektisch mit einem klapprigen Klappstuhl hantiert – neben dem Hocker die einzige Sitzgelegenheit im geräumigen Atelier an der Düsseldorfer Ackerstraße. So praktisch sei das alles, schwärmt die Künstlerin, die oben im Haus auch eine Wohnung hat.
Kurze Wege lassen ihr viel Zeit für die Malerei. Song (Jahrgang 1991) arbeitet immer mindestens an drei oder vier Bildern gleichzeitig – um »im Flow« zu bleiben. Das glaubt man ihr sofort, so lebhaft sprudelnd, wie sie spricht. Geradeheraus: Sie habe Angst, in ein Loch zu fallen, nicht zu wissen, was sie machen solle, wenn ein Bild fertig sei. Beruhigend wirkt ebenso ein großer Eimer voll nagelneuer Pinsel in allen Stärken. Reichlich Nachschub, den Song aus ihrer Heimat mitgebracht hat – in Südkorea sei die Ausrüstung sehr viel günstiger zu haben als in Deutschland. Mit den Pinseln in der Hinterhand und den unfertigen Werken an Wänden und auf Staffeleien, ist sie gewiss, dass es immer weitergehen kann.
Manchmal nehme sie sich natürlich auch Zeit zum Nachdenken und Lesen… Doch meistens drückt Song auf die Tube. Nicht wie üblich mit der Hand, sondern bevorzugt per Fuß – das geht schneller, und die Finger bleiben sauber. Etliche ausgedrückte Farbbehälter auf dem mit Plastikplanen bedeckten Boden begleiten ihren Mal-»Flow«:
»Meine Bilder entwickeln und verändern sich im Prozess; und ich arbeite schnell, damit ich meinen Plan, die Motive nicht verliere.«
Auf Songs Gemälden und Zeichnungen begegnen einem überlange Figuren, die sich wie aus Gummi biegen, ungelenk agieren, schlaff herumhängen, fast zerfließen. Meistens sind sie allein, vereinzelt, einsam und zuweilen nur teilweise zu sehen. Oft werden ihre Gesichter schemenhaft beschrieben oder bleiben verborgen hinter Händen, Haaren, Vorhängen. Ein Kniff, der dem Ganzen etwas Allgemeingültiges gibt. »Ich gehe immer von mir selbst aus, versuche aber trotzdem über den anderen zu sprechen«, erklärt Song. »Deshalb ist es mir wichtig, dass die anderen verstehen, worüber ich rede und was ich sagen will.«
Man sieht Köpfe, die sich in der zugezogenen Kapuze verstecken, isolierte Gestalten, die von Wasser umgeben sind, zwischen Bettdecken versinken oder kopfüber in die Leinwand eintauchen wollen. Individuen, gefangen in aberwitzigen Situationen, scheinbar Alltägliches, das ins Surreale abgleitet. Beim Chaos-Duschen zum Beispiel – während das Wasser noch läuft, der verstopfte Abfluss aber demnächst zu einer Überschwemmung führen könnte, und beim Schritt über den Wannenrand die Rutschpartie und der Sturz unausweichlich scheinen. Dazu passen Adiletten, die immer wieder auftauchen und sich gelegentlich wie Kaugummi ziehen. In ihrer Jugend in Korea seien alle in den Latschen herumgelaufen. Keine echten, bemerkt die Künstlerin, ausschließlich Fake-Adiletten. Ein Paar davon fliegen bis heute im Atelier herum und werden weiterhin gern getragen.
Ihre Kunst spielt mit Ironie und verströmt gleichzeitig Melancholie. Bewahrt sich dabei aber immer eine gewisse Leichtigkeit. Erst recht, wenn sich die Motive auf einem weißen T-Shirt wiederfinden, wie Song an diesem Tag eines trägt. Sie hatte das Modell ursprünglich als Geburtstagsgeschenk für ihren Ex-Freund designed: Zu erkennen ist eine Torte, aus der statt Kerzen drei magere Finger ragen – erst beim zweiten Hinschauen packt einen das Memento Mori.

»Ihre Malerei überzeugt nicht nur durch eine außergewöhnliche Bildfindung und formale Präzision, sondern auch durch eine inhaltliche Tiefe, die weit über eine rein visuelle Erfahrung hinausreicht«, so begründet die Jury, dass der Kunstpreis Junger Westen in diesem Jahr an Jeehye Song geht. Ihr Werk, so heißt es da weiter, bewege sich auf eindrucksvolle Weise zwischen malerischer Tradition, zeitgenössischer Bildsprache und konzeptueller Reflexion.
Song freut sich riesig über die Ehre und auch auf die Rede am 20. September, dem Tag der Preisverleihung, an dem auch ihre Einzelausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen eröffnet. Schon 2019 war die Malerin in der engeren Auswahl für den renommierten Kunstpreis gewesen und ergriffen von den anerkennenden Worten, die dem Gewinner damals zuteilgeworden waren. »So etwas wollte ich auch haben«, bemerkt sie mit der ihr eigenen Selbstironie. Und erklärt nebenbei, dass dies die letzte Chance für sie gewesen sei – 2027 wird Song mit dann 36 Jahren die Altersgrenze für den Jungen Westen überschreiten.
Was sie bei ihrem großen Auftritt in der Kunsthalle Recklinghausen wohl zeigen werde? Das müsse erst noch entschieden werden, so die Künstlerin. Just für diesen Nachmittag haben sich Kunsthallenleiter Nico Anklam und die Kuratorin Kerstin Weber zum Besuch angemeldet, bei dem es auch um jene Frage gehen soll. Prominent im Atelier platziert hat Song zu dieser Gelegenheit ein jüngeres Gemälde, das ihr offenbar wichtig ist: Diesmal hängt die typische Gummi-Figur in einer Badewanne, die inmitten eines Hains aus ordentlich gereihten Baumschablonen platziert ist. Der Kopf ist abgetaucht, während die Beine der Badenden in einem Schwingring mit Schwanenkopf stecken. »Fake Peace«, nennt die Malerin das Werk.
Verlorene Verbindung zur Natur
Angesichts der komischen und zugleich beklemmenden Szene kommt Song unversehens auf Finnland zu sprechen und auf ihre zweimonatige Residency dort. »Da habe ich krass gemerkt, wie sehr die Menschen in Einklang mit der Natur leben.« Ein ungemein freies Gefühl habe sich auch bei ihr eingestellt, und der sonst so präsente Druck, etwas leisten und schaffen zu müssen, sei verflogen. Seither spielen die Natur und unsere Sehnsucht danach eine wichtige Rolle für Song und für ihre Kunst. Vorher hatte sie ihre Szenen am liebsten im Innenraum angesiedelt, nun aber führen sie oft nach draußen.
Denn die Künstlerin hat, zurückgekehrt aus Finnland, beobachtet, wie wir die Verbindung zur Natur verlieren oder schon verloren haben und eine falsche Natur konstruieren. Nicht ohne Grund ersetzt sie in ihrem »Fake Peace« den Waldsee durch eine Wanne inmitten von Baumschablonen. Das Motiv der gemalten Fake-Bäume würde sie in der Ausstellung in Recklinghausen gern im Raum weiterführen. Die Künstlerin zieht eine Baumschablone aus Pappe hervor – sie soll als Modell für die hölzernen Naturformen dienen, die sich im Ausstellungssaal reihen und den Betrachter*innen das Gefühl geben sollen, dass sie sich unmittelbar in die Bildwelt hineinbegeben.
Song will das Publikum mitnehmen. Sie lockt mit vermeintlicher Leichtigkeit. Und kommt selbst in diesem Zusammenhang auf einen comic-haften Ausdruck zu sprechen, der ihrer Kunst oft nachgesagt werde und zumindest nicht fernliegt, denn in Seoul hat sie ein Gymnasium mit Animations- und Comic-Schwerpunkt besucht. Anschließend studierte sie Grafik-, dann Schmuckdesign und hat auch kurz in diesem Bereich gearbeitet.
Mit dem Stress und der Unzufriedenheit wuchs der Wunsch in die freie Kunst und zum Studium nach Deutschland zu wechseln. 2015 wurde Song an der Akademie in Düsseldorf angenommen, schloss ihr Studium 2021 als Meisterschülerin von Andreas Schulze ab und eignete sich nebenbei die ihr zuvor völlig fremde deutsche Sprache an. Es folgten eine Reihe von Auszeichnungen und Förderungen im In- und Ausland. Nach der Preisverleihung in Recklinghausen geht es bald schon mit dem Baldreit Stipendium weiter nach Baden-Baden. Es läuft also bestens. Song hat allen Grund, zufrieden zu sein.
Aber so einfach ist das nicht immer. Gegen Ende des Besuchs in ihrem Atelier fällt der Blick auf eine Rückenfigur, die sich aus dem Fenster lehnt und in den Nachthimmel qualmt. »Rauchverbot«, so der Titel des Gemäldes. Auch dies eine Art Selbstporträt? »Ja, stimmt«, sagt Song, hält inne und überrascht mit einem unerwarteten Gedanken: »Manchmal macht es mir ein schlechtes Gewissen, dass alle Menschen für andere arbeiten – ich aber nur für mich und meine Kunst.«
»KUNSTPREIS JUNGER WESTEN 2025 – MALEREI«
KUNSTHALLE RECKLINGHAUSEN
21. SEPTEMBER BIS 16. NOVEMBER 2025