1951 ging das Museum Morsbroich in Leverkusen an den Start – als erstes neu gegründetes Haus für Gegenwartskunst in der jungen Bundesrepublik leistete die städtische Institution in der Nachkriegszeit Pionierdienste. Fortan wurde in dem barocken Lustschloss die Lust aufs Zeitgenössische geweckt. Zum 75-jährigen Jubiläum beschwört eine naturverbundene Sonderausstellung die Kunst als heilsame Kraft, um dem hektischen Alltag zu entfliehen.
Zu den Exponaten der aktuellen Schau »Chained to the Rhythm« gehört ein Bild, das missverständlich erscheinen mag. Gemeint ist eine Aufnahme, die der österreichische Fotograf Stefan Draschan im Kunsthistorischen Museum Wien gemacht hat: Ein Besucher, der eine Verschnaufpause auf einem der Ruhesofas in den Ausstellungssälen einlegt, ist glattweg eingeschlafen. Offenbar erschöpft von der Reizüberflutung durch die Kunst.
Ein schlechtes Omen, was die Publikumsreaktion auf die Jubiläumsschau zum 75. Geburtstag von Morsbroich angeht? Dem würde Fritz Emslander gewiss widersprechen. Der kommissarische Museumsdirektor, der als Kurator für die Sonderausstellung verantwortlich zeichnet, sieht Draschans Fotografie aus der Serie »People Sleeping in Museums« nicht als Indiz für die einschläfernde Wirkung der Kunstrezeption, sondern als Sinnbild der Entschleunigung.
Das Motto seiner Schau hat Emslander von Katy Perry entlehnt. »Are we crazy?« fragt die Pop-Sängerin in ihrem Song »Chained to the Rhythm«. Ein Plädoyer für den Ausstieg aus dem Hamsterrad, das uns sowohl im Beruf als auch in der Freizeit auf Trab hält. In diesem Sinne verstehen der Kurator und jene Künstler*innen, die er zu ortsspezifischen Arbeiten eingeladen hat, das idyllisch gelegene Schloss im Stadtteil Alkenrath als Refugium. Hier, so die Vision, kann man von der getakteten Leistungsgesellschaft Abstand gewinnen. Und, paradox innerhalb eines Museumsgebäudes, auf den Rhythmus der Natur hören.
Radikal barrierefrei
Denn Morsbroich setzt im Jubiläumsjahr auf radikale Barrierefreiheit. Die beschränkt sich nicht aufs Publikum: »Wir lassen hinein«, heißt es in einer Ankündigung, »was sonst draußen bleiben muss – Sonnenlicht, Wind und Wetter, Pflanzen und Tiere, außergewöhnliche Werke und ungewöhnliches Verhalten«. Ungewöhnlich schon das Vorspiel zur aktuellen Ausstellung: Die ehemalige Kommende des Deutschen Ordens, die der Landkomtur Ignaz Felix von Roll ab 1774 anstelle einer Burg errichten ließ, wurde leergeräumt, die Innenarchitektur gleichsam zum Exponat erklärt.
Wie fiel die Reaktion der Besucher*innen aus? »Einige wenige«, resümiert Fritz Emslander, »hatten wohl erwartet, in eine historische Inszenierung à la Marie Antoinette oder Bridgerton eintauchen zu können – die mussten wir enttäuschen. Unsere Idee war, einen Schritt vor die Museumsgründung 1951 zurückzugehen und mit Möbelklassikern ein Stück weit erfahrbar zu machen, wie es gewesen sein mochte, in Morsbroich zu wohnen. Viele haben sich auf dieses Gedankenspiel eingelassen und es genossen, sich zumindest ein paar Stunden lang wie Schlossherren und -damen fühlen zu können.«
Heiraten im Museum
Hauptattraktion der spätbarocken Maison de plaisance ist der Spiegelsaal – ihn nutzt die Stadt für Empfänge, Konzerte, Lesungen und standesamtliche Trauungen. Das Wasserschloss, 1885-1887 erweitert und erst auf diese Weise in die heutige repräsentative Anlage verwandelt, markiert den Kern eines weitausgreifenden Ensembles: Dazu gehört die halbkreisförmig der Schlossinsel vorgelagerte Vorburg – die ehemaligen Wirtschafts- und Remisengebäude dienen heute verschiedenen Zwecken und beherbergen außerdem den Kunstverein Leverkusen.
Dazu gehört außerdem der Englische Landschaftsgarten. Ein Ambiente, wie geschaffen für den Skulpturenpark, dessen Ausbau hauptsächlich dem langjährigen Direktor Markus Heinzelmann (2006-2018) zu verdanken ist. Publikumsliebling dieses Skulpturenensembles ist Jeppe Heins »Water Island«. Das begehbare, computergesteuerte Wasserspiel hat der dänische Künstler direkt vor dem Schloss platziert. Für Brautpaare, die sich in Schloss Morsbroich das Ja-Wort geben, die optimale Kulisse fürs Fotoshooting.
Zwischen drinnen und draußen
Im Zuge von »Chained to the Rhythm« wird der Außenraum jetzt noch stärker aktiviert, um die Grenzen zwischen drinnen und draußen zu verwischen: Fritz Emslander verweist auf einen zur Wetterstation umfunktionierten Ausstellungsraum von Sebastian Gräfe (»Die weiteren Aussichten«) und eine Installation von Enya Burger, die das Sonnenlicht als schöpferische wie auch zerstörerische Kraft inszeniert.
Besonders überrascht hat den Kurator die von den Pflanzen im Morsbroicher Schlosspark ausgehende Komposition »Fermata« von Rubin Henkel & Niklas Bolten: »Die beiden übersetzen in vier Jahreszeiten gesammelte Biodaten (die Kommunikation der Pflanzen) in Musik. In der Ausstellung bringt diese eine selbstspielende Klavier-Skulptur zum Erklingen, verschafft somit der Natur Gehör und regt uns zu einer Haltung der Empathie mit den Pflanzen an.« »Fermata«, empfehlen die Berliner Soundkünstler, begegnet man idealerweise im Modus des »Slow Listening«. Entschleunigung also auch hier. Derweil bringt Gabriela Oberkofler mit ihrer Arbeit »A Piece of (Wild) Life« den Wald ins Schloss. Die Münchner Foto- und Filmkünstlerin Herlinde Koelbl, bekannt für Politiker-Porträts (»Spuren der Macht«), setzt sich in ihrer jüngsten Serie »Metamorphosen« mit der Vergänglichkeit des Pflanzenreiches auseinander. Und Lois Weinberger, der 2020 gestorbene österreichische Land-Art-Künstler, hat sich fotografisch als »Green Man« verewigt – ein Mensch, aus dem die Natur sprießt.

Laboratorium der internationalen Nachkriegskunst
Mit »Chained to the Rhythm. Von Mensch und Natur« knüpft Fritz Emslander an die Frühzeit des Museums an. Noch bevor die documenta in Kassel (Premiere 1955) zum Schaufenster der Avantgarde wurde, erwarb sich Morsbroich den Ruf eines Laboratoriums für internationale Nachkriegskunst im Rheinland. Die sechziger Jahre könnte man als die Goldene Ära des Museums bezeichnen. Fritz Emslander hebt die bis dato größte Retrospektive von Lucio Fontana im Jahr 1962 hervor. Und verweist auf die legendäre Ausstellung »Räume und Environments«: »1969 haben sich Künstler wie Gianni Colombo, Ed Kienholz, Hermann Reusch oder Heribert Weseler die Räume von Schloss Morsbroich experimentell angeeignet, während Gotthard Graubner den großen Spiegelsaal in einen farbigen Nebelraum verwandelte.«
Schlossbiotop für Pilze und Algen
Auch was den Dialog von Kunst und Natur angeht, leistete das Museum mit seinem Ausstellungsprogramm schon früh Schrittmacherdienste. Unvergessen die »Biokinetischen Situationen«, mit denen HA Schult 1969 Aufsehen erregte – weit über Leverkusen hinaus. Auf Nährböden im Schloss ließ der Kölner Ökokünstler damals Bakterien, Pilze und Algen gedeihen, deren Aussehen sich im Verlauf der Ausstellung unverkennbar veränderten. Ein natürliches Pendant zur Prozesskunst, das die Fantasie mancher Kunstkritiker*innen mächtig mobilisierte. In der »Süddeutschen Zeitung« rief Wolfgang Längsfeld den »Krieg der Mikroben« aus und machte aus HA Schults Biokinetik-Experiment ein Science-Fiction-Szenario: Am Ende der Ausstellungslaufzeit, spekulierte Längsfeld, würden Pilze und Bakterien »alles überwuchert« haben – zunächst das barocke Schloss, dann die ehemalige Chemiestadt Leverkusen als Ganze. Dass Harald Szeemann 1972 bei seiner legendären documenta 5 das ähnlich strukturierte »Biokinetische Labor« von HA Schult zeigte, bedeutete nicht zuletzt einen nachträglichen Ritterschlag für das Museum Morsbroich.
Grenzüberschreitungen standen früh auf dem Programm
Schon bevor HA Schult mit seinen »Biokinetischen Situationen« für Furore sorgte, stieß das Museum Schloss Morsbroich (wie es lange hieß) auf ein überregionales Echo. Unter Gründungsdirektor Curt Schweicher (Amtszeit 1951-1958) fanden rheinische Künstler*innen im Schloss ebenso ein Forum wie Fernand Léger oder Robert Delaunay. Sein Nachfolger Udo Kultermann (1959–1964) setzte früh auf Grenzüberschreitung zwischen Kunst, Architektur und Performance. Die erste Ausstellung über »Monochrome Malerei« ist ebenso sein Verdienst wie die »Morsbroicher Kunsttage«, die er 1961 ins Leben rief. Auf diese Weise wollte Kultermann untersuchen, »wie weit auch die anderen schöpferischen Disziplinen, wie Literatur, Theater, Musik, Film und Tanz sich dem neuen, in Bewegung geratenen Raum der gegenwärtigen künstlerischen Situation einfügen«. Klingt wie ein Rezept für die zeitgenössische Kunstproduktion.
Auf Vostells Spuren
In die Amtszeit von Rolf Wedewer (1965-1995) fallen bemerkenswerte Themenausstellungen wie »Fetisch-Formen« (1967), der europaweit erste umfassende Überblick zur Konzeptkunst sowie 1992 eine Retrospektive des Werks von Wolf Vostell – Leverkusen ist die Geburtsstadt des Pioniers der Fluxus-Bewegung. Gern erinnert sich Fritz Emslander an die 2010 präsentierte Vostell-Ausstellung: »Hierfür haben wir einige Happenings aufwendig reinszeniert. So konnte man bei uns in Gummistiefeln in Vostells elektro-akustischem Environment ›Umgraben‹ den Spaten ansetzen und beim Buddeln Raumtöne erzeugen.«
Susanne Anna (1995-1999), bislang die einzige Frau auf dem Direktorinnenposten von Morsbroich, öffnete das Haus für Design und Crossover (»Global Fun«). Auf den zunehmend schrumpfenden Museumsetat reagierte ihr Nachfolger Gerhard Finckh (2001-2006), indem er das Ausstellungsprogramm mit hochkarätigen Privatsammlungen bereicherte. Den Genius Loci machte sich Markus Heinzelmann (2006-2018) zunutze, indem er Künstlerinnen an Bord holte, deren Werke spezifisch auf das Schloss und den Park zugeschnitten sind. Belohnt wurde seine Arbeit durch die Kritiker*innen-Vereinigung AICA – 2009 kürte sie Morsbroich zum »Museum des Jahres«. Doch musste Heinzelmann 2016 auch einen Tiefpunkt erleben: Wirtschaftsprüfer, die von der Stadt beauftragt worden waren, empfahlen die Schließung des Museums und den Verkauf der Sammlung zwecks Haushaltssanierung. Dass diese Radikalkur nicht zur Anwendung kam, daran hatte der bundesweite Proteststurm wohl keinen geringen Anteil.
Die Trennwand zwischen Kunst und Alltag zu beseitigen, das hatte sich Jörg van den Berg vorgenommen, als er 2021 die Direktion übernahm. »Werkstatt Morsbroich«, »Public Office«, »Parklabyr« – Stichworte eines mit Elan begonnenen Reformprogramms, das freilich bald an Schwung einbüßte, weil der nach wie vor amtierende Direktor seit langem krankheitsbedingt fehlt. Mit »Chained to the Rhythm« wollen Fritz Emslander und sein engagiertes Team beweisen, dass man in Morsbroich nach wie vor eine feine Antenne für originelle und innovative Kunstvermittlung hat. Die Chancen stehen gut, dass dies gelingt.
»CHAINED TO THE RHYTHM. VON MENSCH UND NATUR«
MUSEUM MORSBROICH, LEVERKUSEN
BIS 7. JUNI






