Das Festival Blaues Rauschen beschäftigt sich mit KI und vielen Formen der elektronischen Musik.
Zwei Orgeln mit je 64 Pfeifen, davor zwei Menschen an Laptops. Was aus den Pfeifen tönt, erinnert an minimal music, Rhythmen und Melodiefetzen, die sich zu wiederholen scheinen und doch immer ein bisschen verändern. »Black Square« heißt eine winddynamische Orgel, die vom Computer aus gespielt wird. Das Klangspektrum ist größer als bei einer normalen Orgel. Mikrotonale Verschiebungen in Millisekunden sind hier möglich. Es ist spannend, wie weit das menschliche Ohr da überhaupt mitkommt. Das Duo gamut inc aus Berlin hat diese Orgel entwickelt und präsentiert sie beim Festival »Blaues Rauschen«.
Grenzerfahrungen und Experimente sind der Inhalt dieses Festivals, das vom 29. Mai bis 12. Juni in acht Städten des Ruhrgebiets und des Niederrheins stattfindet. Dabei stehen neben der Kunst auch die Begegnung und das politische Reflektieren im Fokus. Denn gerade in der elektronischen Musik verändert sich viel durch die Künstliche Intelligenz. Das Festival will bewusst offen bleiben für – so der künstlerische Leiter Karl-Heinz Blomann – »Reibung und Widerspruch, Unschärfen und Zwischenräume«. Was diesmal etwas erschwert wird durch die Tatsache, dass der sonst immer sehr beliebte internationale Workshop nicht finanziert werden kann. Die Förderlage ist angespannt und trifft auch »Blaues Rauschen«.
Aus Blumenduft wird Musik
Dafür gibt es eine Lecture, in der es um Klänge geht, die aus biologischen Vorgängen entstehen. Yolanda Uriz Elizalde erforscht unter anderem Kommunikation durch Gerüche und übersetzt den Duft von Blumen in Musik. Natürlich erzählt sie nicht nur, wie sie das macht, sondern zeigt es auch in einer Performance.
An jedem Abend gibt es drei verschiedene Konzerte. »Damit wollen wir«, erzählt Blomann, »das Publikum öffnen für Dinge, bei denen es vielleicht sonst nicht weiß, ob es sich darauf einlassen will«. Keine Aufführung darf länger als eine halbe Stunde dauern. Die meisten Künstler*innen sehen das laut Blomann nicht als störend, sondern genießen es, auf den Punkt zu kommen. Es ist ein ähnliches Prinzip wie bei den in der Kleinkunst beliebten Mixed Shows, wo unterschiedliche Humorprofile aufeinandertreffen. Nur hier mit der elektronischen Musik oder Klangkunst.
Oder mit der Orgel: Nach »Black Square« präsentiert der in Teheran geborene Navid Navab ein 100 Jahre altes Instrument, das er vor der Zerstörung gerettet hat. Navab hat die Orgel nicht nur rekonstruiert, sondern mit Technologie erweitert, robotischen Aktuatoren und ökologischer Sensorik. Ehrlich gesagt habe ich beim Lesen auch nicht kapiert, was das genau ist. Aber diese Orgel soll nun ein lebendiger Organismus sein, der auf seine Umwelt reagiert. Bei »Blaues Rauschen« kann man sie erleben im Konzert »Organism: In Turbulence«. Zwischen den beiden Orgelperformances gibt es noch eine Live-Coding-Improvisation von vier Künstler*innen am Laptop. Ein Festival des Ohrenöffnens.
29. MAI BIS 12. JUNI
IN BOCHUM, DORTMUND, ESSEN, GELSENKIRCHEN, HERNE, KAARST, DUISBURG UND MÜLHEIM






