Am Theater an der Ruhr entdeckt Roberto Ciulli mit »Über die Dörfer« ein vergessenes Stück von Peter Handke neu.
Vielleicht stand hier mal ein Haus. Doch davon ist nur noch der im steten Wechsel weiß und schwarz geflieste Boden übrig. Das Dach über dem Kopf hat sich in einen Teppich aus zerbrochenen Dachziegeln verwandelt. Im Hintergrund zeugt eine zerborstene Glocke von dem allgegenwärtigen Verfall. Nur zwei umgekippte Stühle, ein paar verstreute Bücher, eine alte weiße Registrierkasse und zwei Kreuze sowie zwei Kerzen erinnern noch daran, dass dies einmal ein Heim, ein Raum des Schutzes und der Gemeinschaft war.
Drei Menschen, ihres Zeichens Geschwister, kommen in Roberto Ciullis Inszenierung von Peter Handkes »Über die Dörfer« in diesem von der Bühnen- und Kostümbildnerin Elisabeth Strauß entworfenen Trümmerfeld zusammen. Sich selbst sehen sie als »Verlierer«, als Ausgestoßene und Zurückgelassene, die ihren Platz in der Welt verloren haben. Die Zukunft scheint ihnen ebenso wüst und kaputt zu sein wie die Gegenwart. Über viele Jahre sind sie getrennte Wege gegangen; die Zeit hat sie mehr und mehr voneinander entfremdet. Aber wirklich nah waren sich die von Maria Neumann, Albert Bork und Joshua Zilinske gespielten Sophie, Gregor und Hans nie. Nun treffen sie erstmals nach Jahren wieder aufeinander.
Als »Über die Dörfer« 1982 in einer Inszenierung von Wim Wenders seine Uraufführung bei den Salzburger Festspielen erlebte, stand dieses »dramatische Gedicht« eher quer zu seiner Zeit. Handkes Beschwörungen einer alles verschlingenden Moderne und eines Krieges, der, wenn schon nicht Erneuerung so doch zumindest die erhoffte Zerstörung eben dieser Moderne bringt, passten nicht wirklich zu einem Jahrzehnt, das mit dem Fall der Berliner Mauer und dem (Pyrrhus-)Sieg der westlichen Demokratien enden sollte.
Fast 45 Jahre später ist die Welt eine ganz andere. Die technische Entwicklung ist zwar mit einer Rasanz fortgeschritten, die sich nicht einmal Peter Handke ausmalen konnte. Aber sie hat in ihrem Windschatten eben auch die Kriege und den Zerfall, den die drei Geschwister beklagen. »Über die Dörfer« wirkt nun fast schon prophetisch, vor allem in der extrem reduzierten Fassung, die Roberto Ciulli auf die Bühne des Theaters an der Ruhr gebracht hat.
Den Erbstreit um das Haus ihrer Eltern, von dem Peter Handke noch erzählt, hat Ciulli quasi gestrichen. In seiner Inszenierung gibt es nichts mehr, worum Sophie, Gregor und Hans noch streiten könnten. Also sprechen sie praktisch nur noch mit sich selbst und halten Monologe, während sie sich gedankenverloren in Richtung Publikum wenden. Albert Borks Gregor, der weitgereist ist und der Enge seiner Herkunft doch nicht entfliehen konnte, umgibt eine fast schon noble Tristesse
In seiner melancholischen Müdigkeit liegt eine faszinierende Würde, die er mit seinen Geschwistern teilt. Allerdings offenbart sie sich bei Maria Neumann und Joshua Zilinske auf eine jeweils andere Weise. Neumanns Sophie ist eine von Zeit und Welt Geschlagene, die trotz allem noch hofft, während Zilinskes Hans, ein Arbeiter, der den Siegeszug der Maschinen beklagt, von einer geradezu trotzigen Lebendigkeit strotzt. So haben sie alle einen Weg gefunden, haben sich trotz ihrer Niederlagen etwas bewahrt, was sie in ihrer Unbehaustheit schützt.
Diese seltsame Würde der drei Geschwister ist eines der kleinen (Theater-)Wunder dieser Inszenierung. Das andere offenbart sich in Bernhard Gloses Darstellung der geschlechtslosen Figur Nova, die in der ursprünglichen Fassung von »Über die Dörfer« als Prophet der Erlösung Sophie, Gregor und Hans den Weg weist. Bei Ciulli spricht auch Nova direkt zum Publikum. Während Neumann, Bork und Zilinske im Bühnenhintergrund wegdämmern und sich im sanften, von Theater-Schnee umwehten Verschwinden ihre Würde bewahren, holt Glose Handkes esoterische Erlöserfigur auf den Boden unserer Wirklichkeit zurück. Er nimmt Novas Worten das an sich selbst berauschende Pathos. Sein Aufruf, »über die Dörfer« zu gehen, ist keine messianische Kampfansage an die Moderne. Er ist nur ein Plädoyer für eine neue Langsamkeit und Achtsamkeit.
16. UND 17. APRIL, THEATER AN DER RUHR, MÜLHEIM AN DER RUHR






