Mit ihrer Gründung im Jahre 2012 setzte Fjørt auch Aachen auf die popkulturelle Landkarte. Ihr Post-Hardcore gründet auf einer Symbiose aus ausgeklügelten Arrangements, Lyrik und mitunter hoch ästhetischen Videos. Das neue Album »Belle Epoque« führt diese Art des Gesamtkunstwerks, die zumindest hierzulande ihresgleichen sucht, fort.
Aachen ist bekannt für Printen, die Fußball spielende Alemannia, den Karlspreis, den Dom, das Reitturnier CHIO und Maschinenbaustudierende. Aber nicht unbedingt für Musik. Schon gar nicht für Post-Hardcore. Und doch kommt mit Fjørt eine der interessantesten und ambitioniertesten Bands eben dieser Stilrichtung aus der Grenzstadt im äußersten Westen Deutschlands. Interessant ist sie, weil ihre Musik mit viel Melodie und Einfallsreichtum aus dem seit einigen Jahren angerührten Einheitsbrei des Genres heraussticht und mehr Wert auf Gehalt legt denn auf Krawall. Und ambitioniert ist die Band, weil sie mit ihren Songs, ihren Texten, ihrem Artwork und ihren Videos ein umfassendes ästhetisches Konzept verfolgt, das zumindest hierzulande seinesgleichen sucht – nicht zuletzt auch auf dem neuen, im Februar erscheinenden Album »Belle Epoque«.
Allein der Titel steht beispielhaft für das Wesen von Fjørt: Da ist diese unverhohlen herauszuhörende und herauszulesende Leidenschaft der drei Musiker – Chris Hell, David Frings und Frank Schophaus – für lyrisch Ausgefallenes, für die Schönheit des Wortes, für das Spiel mit Worten. Die bisherigen Platten hießen »D’accord«, »Kontakt«, »Coleur« und »Nichts«. Die Songs tragen Namen wie »Südwärts«, »Eden«, »Magnifique«, »Mitnichten«, »Raison«, »Anthrazit«, »Lichterloh« (im Video dazu tanzen zwei Balletttänzerinnen!), »Bonheur« oder »Gescholten«.
Chris Hell – Sänger, Gitarrist und Songschreiber – sagt dazu: »Solche Wörter sind nicht alltäglich. Aber sie laufen einem trotzdem hier und da über den Weg. Sie fallen vielleicht einmal im Jahr in einem Gespräch oder man liest sie zufällig in einem Text.« Und dann müsse man aufmerksam sein, sich das Wort merken und überlegen, wie man es anderweitig und für seine eigenen Belange, für seine Musik einsetzen könne. »Wenn dir ein bestimmtes Wort richtig vor den Kopf stößt, dann machst du dir einfach mehr Gedanken über seine Wirkung und die Sache, die es beschreibt.«

Genau das ist die Essenz Fjørts. Eine Essenz, die heutzutage allzu oft verlorengeht im Streamingdienst- und Musikproduktionsirrsinn. Der Popsektor hat diese Konzentration auf das schöne Wort schließlich lange schon niedergemäht – mittlerweile ist ja gar die von Künstlicher Intelligenz erzeugte Musik auf dem Vormarsch. Chris Hell sagt dazu: »Wenn man sich mal einen Tag lang die Musik anhört, die im Radio läuft, dann kommen alle Songs zusammen vielleicht gerade einmal mit 500 Wörtern aus. Da werden Phrasen gedroschen.« Wer hingegen Fjørt hört, der hat meist ein Erlebnis besonderer Art: Assoziationsketten setzen sich in Gang, das Kopfkino beginnt zu rotieren. Das Nachdenken losgeht – und somit das, was Musik im besten Falle schafft und schenkt.
Greif-, hör- und sichtbar wird das auf der neuen Platte »Belle Epoque«, die am 20. Februar auf dem Label Grand Hotel van Cleef – hinter dem unter anderem die Musiker Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch (Kettcar) stecken – erscheint. Das erste daraus ausgekoppelte Lied »‘43« ist ein hoch politisches Stück über den Rechtsruck in der Gesellschaft, das Fjørt mit all der ihr eigenen lyrischen wie optischen Ästhetik garniert hat und wirken lässt. Da heißt es etwa »’43, in Warschau mache ich Halt. Ich werde dich holen. Die Lippen werden kalt. Bin gebogen, zum Ausradieren bereit. Ich trage Schuld, die bis in alle Ewigkeit bleibt. Wir haben gemordet, gebrandschatzt, geschändet, erdrosselt. Wir sind dazu fähig. Wir leben in Hakenkreuzzeiten. La Résistance – Zeit, euch zu zeigen.« Und zu diesen Zeilen streift sich im düsteren, schwarz-weiß gehaltenen Video ein voller Arroganz grinsender Mann nach und nach eine SS-Uniform über und bereitet sich auf eine Exekution vor.
Am Ende sieht man auf dem Rücken der Erschossenen – es sind die Fjørt-Musiker – den Schriftzug »Belle Epoque«. Die Bezeichnung für jene kulturell und wirtschaftlich prosperierende Zeit in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Optimismus herrschte ob des technischen Fortschritts, einer Blüte in der bildenden Kunst und insgesamt gehobenen Lebensstils. Sie endete bekanntlich mit dem Ersten Weltkrieg und wurde mit der Nazi-Herrschaft endgültig zu Grabe getragen. Schuld, vererbte Schuld, die Pflicht zum Nicht-Vergessen und zum Aufstehen gegen alles, das ein solches Früher wieder heraufbeschwören könnte – in drei Minuten und 49 Sekunden. Auf Albumlänge kumuliert die ganze Wucht des Themas mit der Kunst. Mit Optik, gesungenem Wort und melodiös-harter, extrem ausgefeilt arrangierter Musik.
Fjørt mischt sich ein
Im Werk und bezogen auf den seit Gründung 2012 immer umfangreicher werdenden Backkatalog der Band ist diese Stringenz ein Fortführen dessen, was bereits in den vergangenen Jahren aus dem Hause Fjørt kam. Beispiel: Das Album »Coleur« von 2017. Zu dessen Titel wie Bedeutung sagte David Frings seinerzeit im Gespräch mit dem Musikmagazin Ox: »Es gibt ja diese Wendung: ‚Menschen aller Coleur‘. Und nach der steht der Begriff ‚Coleur‘ für deine persönliche Sicht der Dinge. Für deine Weltanschauung und deine Meinung. Und unser Album dreht sich entsprechend in vielen Facetten darum, seine Meinung zu sagen. Oder eben nicht zu sagen. Sie bewusst für sich zu behalten. Sie falsch zu sagen. Oder sie wegen Gefahr für Leib und Seele nicht sagen zu dürfen. All das wird in den Songs angesprochen. Es beginnt damit, was du deinem besten Kumpel erzählst oder verschweigst. Es geht weiter mit Situationen, in denen dir aufgrund der Meinung anderer vielleicht das Messer in der Tasche aufgeht, in denen du aber trotzdem den Mund hältst. Und es endet in den politischen Sphären. Sprich: In Situationen, in denen du eben den Mund aufmachen musst.«
Das zeigt: Fjørt mischt sich ein. Fjørt versucht, wichtige Botschaften, Gehaltvolles durch das Setzens von Reizen zu vermitteln. Die Band leistet also das, was Kunst leisten kann und soll, aber nicht immer zu leisten vermag. Und sie hebt dadurch ein Genre wie den Post-Hardcore aus der Nische ins Rampenlicht des popkulturellen Diskurses.
Fjørts Album »Belle Epoque« erscheint als Stream, CD
und in verschiedenen Vinyl-Varianten.
Auf Tour spielt die Band unter anderem
am Freitag, 20. März, um 20 Uhr im FZW Dortmund und
am Samstag, 28. März, 20 Uhr im E-Werk Köln.






