Wer Maske und Malerei sagt, muss James Ensor sagen. Der belgische Symbolist hat die Maskerade zu seinem Markenzeichen gemacht. Nun zeigt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck seine Werke im Kontext der Schau »Seelenlandschaften«. Mit sentimentaler Nabelschau hatte Ensor freilich nichts am Hut.
Dass James Ensor als »le peintre des masques« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, verwundert nicht. In seinem Werk hat der Belgier (1860-1949), dessen Leidenschaft der Travestie galt, die Protagonist*innen seiner Gemälde, Zeichnungen und Radierungen häufig mit Masken bizarr verfremdet. Als 2024 Ensors 75. Todestag Anlass zu Ausstellungen in Belgien gab, begegneten die Besucher*innen am laufenden Band Werken, in denen das Maskenmotiv eine wichtige Rolle spielt. Oft in Verbindung mit Skeletten, die auf der Leinwand einen Danse macabre vorführen – kein bisschen morbide, sondern quietschfidel. Auch sich selbst hat er gern als Knochenmann dargestellt, der an der Staffelei zu Werke geht.
Jetzt bietet sich im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen die Möglichkeit, Ensors Maskeraden erneut in Augenschein zu nehmen. Und darüber zu sinnieren, weshalb er die belgische Gesellschaft des Fin de Siècle mit Vorliebe in grotesker Kostümierung ins satirische Licht gerückt hat. Die Ausstellung »Seelenlandschaften« bringt Bilder von Ensor zusammen mit Beispielen der belgischen und französischen Malerei und Skulptur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dabei rekrutieren sich die Exponate zum einen aus der Antwerpener Sammlung The Phoebus Foundation, zum anderen aus der Kollektion von Gustav Rau – der Arzt, gestorben 2002, hatte seine Sammlung der Organisation Unicef vermacht, die das Konvolut als Dauerleihgabe an das Arp Museum weiterreichte.
In Ensors Gemälde »Skelett verhaftet Maskierte« (1891) begegnet uns eine ausgelassene, grimassierende Gesellschaft – halb der Sphäre des Karnevals verhaftet, halb der Theaterwelt der Commedia dell’Arte. Das uniformierte Skelett in der Bildmitte hat sich einen der Maskierten gekrallt. Doch der scheint die Verhaftung nicht weiter ernst zu nehmen. Jovial legt er einen Arm auf die Schulter des Gerippes. Die Brüsseler Symbolisten richteten den Blick nach innen, um die dortigen »Seelenlandschaften« zu erwecken. Emil Nolde, der gleichfalls ein Faible für Masken hatte, sah in ihnen den Ausdruck einer »ursprünglichen Kraft«. Ensor dagegen war mit allen Sinnen, mit Lust und Laune der Außenwelt zugewandt. Ein Genussmensch, gleichwohl zur Tiefsinnigkeit fähig, belesen, vertraut mit Shakespeare, Goethe, Schopenhauer und Edgar Allan Poe.
»Die Masken bedeuten für mich: frische Farben, üppige Dekoration, wilde unerwartete Gesten, sehr schrille Ausdrücke, hervorragende Turbulenzen.«
James Ensor
Nicht um Tarnung scheint es ihm gegangen zu sein, sondern um Dechiffrierung. Das »wahre« Gesicht der menschlichen Bosheit wollte er mit seinen Maskeraden entlarven, Heuchelei, Gier, Hass oder Neid. Dass die Maske bei Ensor solch ein wichtiges Requisit ist, hängt auch mit seiner Kindheit in Ostende zusammen: Seine Mutter Catharina und deren Schwester Mimi betrieben im Erdgeschoss des Wohnhauses von Ensors Onkel und Tante einen Laden. Dort gab es Souvenirs, Scherzartikel und Karnevalskostüme: eine visuelle Fundgrube für den kleinen James, die sich als Inspirationsquelle ein Leben lang als ergiebig erweisen sollte.
»SEELENLANDSCHAFTEN. JAMES ENSOR – CLAUDE MONET – LÉON SPILLIAERT«
ARP MUSEUM BAHNHOF ROLANDSECK, REMAGEN
BIS 8. MÄRZ






