Im niederrheinischen Neuss startete vor 40 Jahren ein Experiment, das die Vermittlung von Gegenwartskunst revolutionieren sollte. Auf der Museum Insel Hombroich, der benachbarten Raketenstation und dem angrenzenden Kirkeby-Feld verschmelzen Kunst, Architektur und Landschaft zu einer untrennbaren Einheit.
Gleich drei Jubiläen stehen in diesem Jahr in Hombroich an, das weit über die Grenzen NRWs hinaus als einmaliges Biotop für Kunstinteressierte gilt. Vor 40 Jahren, im Mai 1986, erklärte der Düsseldorfer Unternehmer und Kunstmäzen Karl-Heinrich Müller seine ehrgeizige Museumsidee als reif für die Insel. Zehn Jahre später wurde die Stiftung Insel Hombroich ins Leben gerufen. Ihre Mission besteht darin, den Ort zu bewahren und in die Zukunft zu führen. Und schließlich hätte Müller (1936-2007) in diesem Juni seinen 90. Geburtstag feiern können – Anlass für einen Festakt am 20. und 21. Juni, bei dem NRW-Kulturministerin Ina Brandes das frisch renovierte »Zwölf-Räume-Haus« von Erwin Heerich übergab.
Was das weitläufige Gelände in den Erftauen so unverwechselbar macht, ist die ausgewogene Symbiose aus Kunst, Architektur und Natur. Ein Dreierbund, der deswegen so stimmig wirkt, weil keiner der drei Mitwirkenden eine Solistenrolle beansprucht. So entsteht im Konzert von Gebautem, bildnerisch Geformtem und Gewachsenem ein harmonischer Gleichklang. Ein spezifischer Hombroich-Sound sozusagen.
Prinzip des minimalen Eingreifens
Als Müller in den 1980er Jahren auf den historischen, teils verwilderten Park stieß, beauftragte er Bernhard Korte mit einer behutsamen Neugestaltung. Der Landschaftsarchitekt und später der Landschaftsplaner Burkhard Damm verwirklichten eine gärtnerische Philosophie, die sich durch das Prinzip des minimalen Eingreifens auszeichnet.
In diese dezent kultivierte Wildnis platzierte der Düsseldorfer Bildhauer Erwin Heerich (1922-2004) als architektonische Gehäuse ziegelsteinschlichte, begehbare Skulpturen. Die Sammlungspräsentation arrangierte der Maler Gotthard Graubner (1930-2013) mit sicherem Gespür für räumliche Wirkungen. Zu jenen Künstlern der ersten Stunde, die eng mit dem Gründer befreundet waren, zählt auch Anatol Herzfeld (1931-2019). Von Anfang an besaß der Beuys-Schüler ein eigenes Atelier auf der Insel. Auch nach dem Tod des Bildhauers wirkt diese aus Holz errichtete schlichte Werkstätte so vital, als sei er dort noch im Einsatz.
Karl-Heinrich Müllers Interesse an der Kunst beschränkte sich weder auf eine Epoche noch auf einen Kontinent. Neben Arbeiten der europäischen Moderne markieren fernöstliche Werke sowie Objekte aus Ozeanien, Asien, Afrika und Amerika weitere Schwerpunkte in Hombroich. Wer nun glaubt, eine solche Vielzahl und Vielfalt an Exponaten würde eine Flut erläuternder Wandtexte nach sich ziehen, der täuscht sich. Das Gegenteil ist der Fall: Die Museums Insel Hombroich setzt auf den mündigen Betrachter, auf ein Publikum, das sich ohne Vorinformation auf die Kunst einlässt: Weder auf dem Gelände noch innerhalb der Heerich-Pavillons findet man Beschilderungen.
Die Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum prägen die kommenden Monate. Am 19. Juli lockt ein Musikfest auf die Insel. Von Juli bis September läuft das Format »Sommer im Museum«. Die Wiedereröffnung des »Zwölf-Räume-Hauses« bietet den Anlass für ein Programm, das auf Tanz, Performance und Musik setzt. Am 6. September rückt schließlich das Projekt »Die Zweite Generation lädt ein« in den Blickpunkt. Jene Künstler*innen, die auf der Raketenstation leben und arbeiten, zeigen erstmals eigene Werke in einer gemeinsamen Ausstellung im Siza-Pavillon.
Experimentierfeld Raketenstation
Womit das Stichwort für das zweite große Areal innerhalb des Hombroich-Kosmos gefallen wäre. In welchem räumlichen Verhältnis steht die Raketenstation eigentlich zur Insel? Zwar sind das Museum und die Station konzeptionell engstens verzahnt, topografisch handelt es sich jedoch um zwei benachbarte Gebiete, die durch einen Fußweg von etwa 1,5 Kilometern verbunden sind. 1994 erwarb Karl-Heinrich Müller diese ehemalige NATO-Basis, um aus dem einst abgeschirmten militärischen Sperrgebiet ein kreatives Experimentierfeld zu machen. Mit alten Bunkern, Erdwällen und einer Reihe von Neubauten (unter anderem von Raimund Abraham und Álvaro Siza) dient das Gelände heute als Lebens- und Arbeitsort für Kunstschaffende. Sowohl renommierte bildende Künstler*innen als auch Schriftsteller*innen haben sich hier niedergelassen.
Das unbestrittene architektonische Highlight der Raketenstation befindet sich im Besitz der Langen Foundation. Die von der Sammlerin Marianne Langen gestiftete Institution residiert in einem Bau des japanischen Pritzker-Preisträgers Tadao Ando. Mit seiner Vorliebe für geglätteten Beton, kombiniert mit Glas und Stahl, passte Ando das langgestreckte Gebäude tief in die topographischen Gegebenheiten der Wälle ein.
Noch bis September zeigt die Langen Foundation den US-Künstler Adam Pendleton: »Adam Pendleton. Can I Be?« vereint Malerei, Zeichnung und Skulptur, um seine Auseinandersetzung mit Abstraktion und dem »Black Dada« vorzustellen. Gleich nebenan beleuchtet »Vom Sperrgebiet zum Ort der Künste – Die Raketenstation Hombroich« in den Räumen für Fotografie und im Siza-Pavillon die historische Metamorphose des Areals anhand von Plänen und Archivalien (bis 9. August). Zeitgenössische Positionen gibt es derweil in der benachbarten Skulpturenhalle Neuss. Mit den Videos der britischen Schwestern Jane und Louise Wilson hält erstmals Bewegtbild Einzug in die Skulpturenhalle, die als bisher größter Bau nach einem Modell des Düsseldorfer Bildhauers Thomas Schütte entstand (bis 16. August).






