Nach 16 Jahren regiert die mittlere Rheinstadt im Kreis Mettmann eine neue Ratsmehrheit. Bürgermeisterin Sonja Wienecke stellt große und kleine Kulturprojekte auf den Prüfstand, kritisiert den »Gigantismus« der Vergangenheit. Alicja Kwades »Blaues Band« ist bereits Geschichte.
Für eine mittelgroße Stadt mit rund 43.000 Einwohnern hat sich Monheim am Rhein in den vergangenen Jahren erstaunlich extravagante Kulturprojekte geleistet – und es damit mehrmals ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler geschafft. Möglich machte das die allein regierende kommunale Wählervereinigung Peto. Mit vereinten Kräften praktisch aller anderen Ratsparteien löste im September die parteilose Sonja Wienecke Peto-Mitglied Daniel Zimmermann als Bürgermeisterin ab. Unter ihrer Koalition und dem Sparzwang des Haushaltssicherungskonzepts weht nun ein anderer Wind in der Kultur – ein erstes Großprojekt ist ihm schon zum Opfer gefallen.
Bereits in seiner zweiten Sitzung hatte der neue Monheimer Stadtrat beschlossen, das Projekt »Blaues Band« von Alicja Kwade zu beenden. Eine begehbare Installation entlang der Brandenburger Allee im Berliner Viertel hatte die Künstlerin gestalten sollen, 500 Meter lang, mit fließendem Wasser, Sitz- und Spielflächen. Nach Verzögerungen und einer Kostensteigerung von 3,9 auf zuletzt rund 8,7 Millionen Euro beschloss die neue Mehrheit, eine Beendigung des Vertrags anzustreben. Auch die wird Kosten produzieren, aber die rund 1,6 Millionen Euro scheinen das kleinere Übel zu sein.
»Monheim hat ein Ausgabeproblem.«
Sonja Wienecke
Die Stimmung im Rat war aufgeheizt – unter anderem, weil klar wurde, dass die Künstlerin ihr volles Honorar von gut einer Million Euro erhält, auch wenn das Projekt nicht realisiert wird. »Dass der frühere Bürgermeister am letzten Tag noch eine Millionenverpflichtung eingegangen ist, war vorsätzlich«, fand SPD-Fraktionschef Alexander Schumacher. Es wurde deutlich, dass die anderen Ratsfraktionen den starken Fokus auf Kultur, wie Peto ihn gesetzt hatte, nicht mehr weiter tragen wollen. »Monheim hat ein Ausgabeproblem, wir können uns keinen Gigantismus mehr leisten«, sagt die neue Bürgermeisterin Sonja Wienecke. »Wir müssen zum Realismus zurückfinden. Man muss ehrlich sein: In den letzten Jahren wurden auch hohe Summen in Projekte investiert, die nicht notwendig waren.«
Darunter zählt sie nicht nur Kwades »Blaues Band«, sondern auch den »Geysir«, ein Kunstwerk im Kreisverkehr, das unregelmäßig als Wasserfontäne ausbricht wie ein richtiger Geysir – und dann Folgekosten durch Personal verursacht, das den Verkehr regeln und die Sicherheit der Schaulustigen gewährleisten muss. Die Bürgermeisterin erinnert sich an einen ZDF-Moderator, der vor dem Kunstwerk im öffentlichen Raum stand und es als »absurd« bezeichnete. Sie spricht es nicht aus, aber offenbar kann sie bei dieser Meinung mitgehen. Gleich dreimal hat es der Geysir ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler geschafft – wegen der Kostensteigerung um 45 Prozent von 415.000 auf rund 600.000 Euro und wegen der jährlichen Folgekosten von rund 6000 Euro.
»Monheim hat mittlerweile den Ruf, verschwenderisch zu sein«, sagt Wienecke. Das Wahlergebnis spreche eine deutliche Sprache: die Bürger*innen wollten eine andere Politik. Deshalb hat sie gleich zu Beginn ihrer Amtszeit auch das Projekt »Mack-Pyramide« prüfen lassen. In der letzten Amtszeit von Daniel Zimmermann beschloss der Stadtrat, das ursprünglich für eine Firma errichtete und vom Künstler Heinz Mack gestaltete pyramidenförmige Gebäude in einem Gewerbegebiet zu sanieren und einen Neubau aufzusetzen, der für wechselnde Ausstellungen genutzt werden kann.
Der von der Bürgermeisterin geforderte Sachstandsbericht ergab allerdings, dass sich das Projekt nicht mehr stoppen lässt. Nach Auflösung des Vertragsverhältnisses würde »ein Zahlungsanspruch des Auftragnehmers zwischen 30 und 50 Millionen Euro bestehen bleiben, der mindestens die bisherigen Auszahlungen umfasst, jedoch auch fast bis zum Wert der Gesamtbeauftragung reichen kann«. Es bleibt also beim bisherigen Zeitplan und der sieht für den 8. März 2026, dem 95. Geburtstag von Heinz Mack, ein Richtfest vor. Am 1. November soll dann die Eröffnungsausstellung »Heinz Mack 1990-2026« starten. Die Gesamtfertigstellung ist für den September 2027 anvisiert.
»Veranstaltungshalle der Superlative«
Genau so wenig lässt sich die Fertigstellung der Kulturraffinerie K714 noch stoppen – einer laut Auskunft der Monheimer Kulturwerke »Veranstaltungshalle der Superlative« in einem historischen Fabrikgebäude an der Rheinpromenade. Bis zu 4800 Menschen finden darin Platz. Für September sind erste Konzerte terminiert: Am 6. September tritt die amerikanische Country-Legende Emmylou Harris auf, am 24. September der Entertainer Götz Alsmann. Im Juli spielen zudem auf der Bürgerwiese Baumberg Acts, die man sonst bei großen Open-Airs wie dem Kunstrasen Bonn erwarten würde: Jan Delay, Nena und Dick Brave. Es wirkt, als wolle Monheim unbedingt in der ersten Kultur-Liga mitspielen.
In Zeiten üppiger Haushalte konnte die Stadt sich das locker leisten, aber nach dem Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen – hat sich Peto da auf diesem Feld übernommen? »Diese Geschichte wird von den anderen Parteien gerne erzählt, weil man dort Kunst und Kultur für überflüssig hält«, sagt Lucas Risse, der gegen Sonja Wienecke als Bürgermeister-Kandidat für Peto angetreten war. »Tatsache ist aber, dass der Rückgang der städtischen Gewerbesteuereinnahmen unerwartet kam. Irgendwann ist jede Wirtschaftskrise jedoch auch wieder überwunden. Und bis dahin sollte man die Kulturpolitik nicht völlig auf Null stellen. Das wäre äußerst unvernünftig.« Monheim sei die Heimatstadt der Schriftstellerin Ulla Hahn. »Aus ihrer Biografie wissen wir, wie wichtig Kultur für die Entwicklung von Menschen ist.«
»Wenn es nach dem Bund der Steuerzahler gehen würde, würden in ganz Deutschland Kultur- und Kunstprojekte eingestampft.«
Lucas Risse
Lucas Risse lässt sogar, wenn man auf den Geysir zu sprechen kommt, keinen Funken Selbstkritik erkennen: »Mit dem Geysir haben wir unsere kulturpolitische Glaubwürdigkeit unter Beweis gestellt. Wenn es nach dem Bund der Steuerzahler gehen würde, würden in ganz Deutschland Kultur- und Kunstprojekte eingestampft.« Die neue Bürgermeisterin sieht das naturgemäß anders. Aber auch sie möchte nicht den Eindruck erwecken, als versuche sie, die Kulturpolitik »auf Null« zu stellen: »Kultur ist mir persönlich wichtig, sie hat keinen untergeordneten Stellenwert – insbesondere was das Bildungs- und Breitenangebot angeht. Der Maßstab muss wieder hergestellt werden. Es ist mir wichtig, dass wir zum Beispiel Angebote wie die Kunst- und Musikschule weiterführen, dass wir Kindern und Jugendlichen Partizipation ermöglichen.«
Ein Projekt wie die Monheim Triennale, die Hoch- und Avantgarde-Kultur in die Stadt einziehen ließ, sieht sie allerdings nicht unkritisch: »Ich finde, dass die Triennale viele positive Impulse in die Stadtgesellschaft gegeben hat, dass aber jetzt genau geschaut werden muss, ob wir uns das noch leisten können.« Dass in der regionalen Presse bereits berichtet wurde, dass die Triennale vor dem Aus stehe und das Intendantenverhältnis mit Reiner Michalke zum Jahresende ende, wundert sie: »Ich kann nur sagen: Wir prüfen, ob es da eine Neuausrichtung geben kann. Personalentscheidungen werden bislang nicht öffentlich diskutiert.« In diesem Zuge werde auch entschieden, wie es mit der Villa am Greisbachsee weitergehe, die für Konzerte und als Ruhe- und Arbeitsraum für Künstler*innen der Triennale saniert wurde.
War auch das Hochkultur-Festival eigentlich eine Nummer zu groß für Monheim? »Es ist inzwischen fest in der Stadtgesellschaft verankert und hat auch international viel Anerkennung erfahren«, findet Lucas Risse von Peto. »Die Triennale ist glaubwürdig und passt mit ihrem einzigartigen Konzept zu Monheim am Rhein. Sie leistet einen wichtigen Beitrag, Kindern und Jugendlichen aktuelle komponierte und improvisierte Musik nahezubringen. Leider wird das von der neuen Ratsmehrheit nicht gesehen.«
Im Moment ist vor allem eins klar: Was die Ausrichtung der Kulturpolitik angeht, sind die Gräben in Monheim tief. »Alle Projekte stehen auf dem Prüfstand, auch die der Kunst im öffentlichen Raum«, sagt Bürgermeisterin Sonja Wienecke. »Wir werden uns die Dinge von Fall zu Fall anschauen. Das sind keine Entscheidungen, die ich alleine treffe. Mein Ziel ist es, alle Kulturprojekte möglichst wirtschaftlich zu betreiben.«






