Die östliche Innenstadt von Aachen soll durch ein neues Kulturzentrum belebt werden: Im ehemaligen »Horten«-Kaufhaus entsteht bis 2029 das »Haus der Neugier«.
Eine Antwort auf den Einbruch des Einzelhandels soll es werden. Und ein Signal. Dafür, dass die Stadt ihre Zukunft über Bildung, Kultur und Öffentlichkeit definiert. Und nicht mehr so sehr über Konsum. Der Ansicht ist jedenfalls Heinrich Brötz, wenn es um ein neues Kulturzentrum für Aachen geht: »Wir wollen im Herzen der Stadt eine Institution schaffen, die allen Teilen der Bevölkerung den Zugang zu Bildung, Kreativität, Wissen, Begegnung, Austausch und demokratischen Debatten eröffnet«, erklärt der Kulturdezernent der Stadt im Gespräch mit kultur.west.
Die Gesamtkosten sollen bei 100 Millionen Euro liegen, inklusive des Kaufpreises für die leerstehende Immobilie. Laut Heinrich Brötz handelt es sich um die größte städtische Einzelinvestition in Aachen seit dem Zweiten Weltkrieg.
Hebel für die Stadtentwicklung
Kern des Hauses ist der gemeinsame Standort von Volkshochschule und Stadtbibliothek, dazu kommen Flächen für freie Kultur, Vereine und Veranstaltungen. Im Idealfall, so der Kulturdezernent, sollen Besucher*innen nicht unterscheiden können, welches Angebot von welcher Institution stammt. Die vereinzelt geäußerte Sorge, dass dabei die Profile der verschiedenen Institutionen im Haus verwischt würden, könne er zwar verstehen, gleichzeitig seien aber vor allem Stadtbibliothek und Volkshochschule selbst die treibenden Kräfte des Projektes. Die Idee dazu sei vor sechs oder sieben Jahren ja überhaupt nur entstanden, weil die VHS perspektivisch nach neuen Räumlichkeiten suchte.
Jenseits der unmittelbaren Nutzung soll das »Haus der Neugier« auch zu einem Hebel für die Aachener Stadtentwicklung werden, der Umbau des Kaufhauses zu einem »Dritten Ort« ein Motor für die schwächelnde östliche Innenstadt sein. Direkt gegenüber ist das Start-up- und Innovationszentrum »Kraftwerk« geplant, an der benachbarten Straße Büchel sollen Wohnen und Wissen zusammenkommen. »Für mich ist die Traumvorstellung eine starke Achse von Wissenschaft, Kultur, Kreativität und Einzelhandel«, so Brötz.
Ins »Haus der Neugier« sollen rund 120 Beschäftigte umziehen – ein organisatorischer, kultureller und auch finanzieller Kraftakt, denn die laufenden Ausgaben werden wahrscheinlich steigen, unter anderem wegen längerer Öffnungszeiten und der Kosten für die digitale Infrastruktur. »Ich rechne derzeit mit sieben Millionen plus X für den jährlichen Betrieb, wenn wir wie geplant in 2029 öffnen«, sagt der Kulturpolitiker, der im Gegenzug relevante Mieteinnahmen durch ein Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss erwartet: »Das fehlt zurzeit im Viertel.« Die Politik weißt der Kulturdezernent dabei jedenfalls hinter sich: Der Stadtrat hat dem Konzept einstimmig zugestimmt, alle relevanten Fraktionen und der neue CDU-Oberbürgermeister tragen es mit.
Der Entwurf für das »Haus der Neugier« stammt von kadawittfeldarchitekten aus Aachen. Das Büro genießt überregionales Renommée und hat unter anderem den Salzburger Hauptbahnhof und den DFB-Campus in Frankfurt gebaut. Architektonisch ist ein offenes Haus geplant, mit dem Erdgeschoss als »erweitertem Stadtraum«. Wer von der einen auf die andere Seite der Straße will, kann einfach hindurchgehen – und dabei im besten Fall neugierig werden auf Bildungs- und Kulturangebote. Erfahrungen aus Hanau, Kerkrade oder Düsseldorf zeigten laut Brötz, dass ähnliche Konzepte die Besucherzahlen erhöhen und neue Zielgruppen ansprechen. Erfüllen sich seine Vorstellungen, könnte auch Aachen zu einem Modell für das Stadtentwicklungs-Motto »Kultur statt Konsum« werden.






