Beim größten internationalen Krimifestival Europas geht es traditionell blutig zu – aber natürlich nur auf dem Papier. Vom 19. September bis 14. November stellen Krimiautor*innen bei »Mord am Hellweg« ihre neuen Geschichten vor. Für Fabian Navarro und Vera Buck ist das NRW-Festival, das in 17 Städten von Bad Sassendorf bis Witten ausgetragen wird, ein Heimspiel. Der gebürtige Warsteiner Navarro stellt seinen Roman »Vienna Falling« vor, die Salzkottener Autorin Vera Buck liest aus »Keine Angst, Darling«. Zwei Krimis, die fesseln – und ganz ohne Kommissar*innen auskommen.
Fabian Navarro: »Vienna Falling«
Wie aus dem Nichts reißt vor dem Wiener Stephansdom ein riesiger Spalt den Boden auf und verschluckt den Hannoveraner Touristen Jürgen. Seine Ehefrau Renate muss das schaurige Spektakel mitansehen und ist außer sich: Was fällt Jürgen ein, in diesem Spalt zu verschwinden? Und warum gehen die österreichischen Behörden so behäbig mit der Suche um? Für die rüstige Renate ist klar: Sie muss den Fall selbst in die Hand nehmen. Hier beginnt ein wahnwitziger Krimi zwischen Fiaka-Gulasch und Gespensterbeschwörung, in dem Navarro seine Midlife-Renate mit viel Liebe und Humor in die Rolle einer fabelhaft pragmatischen Ermittlerin steckt. Dabei erzählt er uns die Geschichte vom ominösen Spalt in Wien aus unterschiedlichen Perspektiven. Mal als Emailverkehr einer Sachbearbeiterin, dann als Chat eines größenwahnsinnigen Start-Uppers, findet die Geschichte immer wieder zurück zu Renate und ihren Verbündeten: zu dem charmanten Geisterbeschwörer Reinhold, der klugen Wissenschaftlerin Irina und natürlich: Renates treuem Pfannenzauberforum, in dem GermGustl, Schnitzel_Fan und Kochtopfguckerin34 nicht nur ihre Rezepte, sondern auch ihren Senf zum Fall Jürgen dazugeben. Es ist herrlich, wie Navarro in seinem Roman in unterschiedliche Sprachen und Codes schlüpft. Besonders unterhaltsam gelingt ihm das bei seinen frechen Hobbyköch*innen mit ihren Weisheiten à la »Schmeckt wirklich immer und am nächsten Tag noch besser!« oder »Make Food not war!« Als Jürgen nach Tagen noch immer nicht auftaucht, sich plötzlich geisterhafte Stimmen ins Telefonnetz einwählen und Totgeglaubte durch Wien wandeln, verdichtet sich die Geschichte zu einem irren Geflecht, das sich auf eine Frage zuspitzt: Welche Wahrheit wird Renate in den Katakomben von Wien finden?
FABIAN NAVARRO: VIENNA FALLING, LEYKAM, 336 SEITEN, 25 EURO
8. OKTOBER: »WESTFALEN TRIFFT WIEN« MIT FABIAN NAVARRO UND BEATE MALY
STADTMUSEUM BERGKAMEN

Vera Buck: »Keine Angst, Darling«
»Ein guter Mann führt, eine gute Frau folgt. Starke Ehen brauchen starke Grenzen«. Paula kann nicht fassen, in was für eine Welt ihre Schwester Lea da gerutscht ist. Ihr Gesicht bekommt sie nur noch online zu sehen, seit Lea in die Staaten gezogen ist, Matt geheiratet hat, sich in 50er-Jahre-Kleider zwängt und ihrer Community zwischen selbst aufgeschlagenen Butterblüten und perfekt arrangiertem Coconut Cream Pie ihr Leben als Tradwife als die Lösung aller Probleme verkauft. Die Lea, die Paula früher betrunken Videos von ihren Marketingweihnachtsfeier schickte, sitzt jetzt irgendwo in Florida in einer Gated Community namens Sancta Familia und lebt nach ihren Gesetzen: »In der Sancta Familia folgen wir einfachen Prinzipien: Führung. Familie. Frieden. Wir ehren die Unterschiede zwischen Mann und Frau, weil sie uns ergänzen – nicht trennen.« Doch als Lea plötzlich kein Video mehr bei Instagram hochlädt, wird Paula weit weg in Frankfurt panisch: Warum kann sie ihre Schwester nicht mehr erreichen? Kurzentschlossen setzt sie sich in den Flieger – und wird bald selbst Protagonistin in diesem perfekt inszenierten Alptraum. Das Phänomen der Tradwives ist keine Dystopie, sondern knallharte Realität. Der in den USA entfachte Internettrend inszeniert eine Rückbesinnung auf traditionelle Rollenbilder, der inzwischen auch in Deutschland verbreitet ist, und eine gefährliche Überlappung mit rechtsextremen Narrativen aufweist. Vera Buck gelingt es, dieses höchst politische Thema in einen spannenden Pageturner zu verpacken und gleichzeitig patriarchale Manipulationsmechanismen aufzudecken. Indem sie Perspektiven tauscht, mal die emanzipierte Paula sprechen lässt, dann die indoktrinierte Lea, Skripte der Instagram-Videos mit Podcastinterviews und Innenansichten in Briefform kombiniert, beleuchtet sie das Thema aus unterschiedlichen Winkeln, ohne den dramaturgischen Drive zu verlieren. Ein Thriller, der genauso wütend wie süchtig macht.
VERA BUCK: KEINE ANGST, DARLING, LÜBBE, 448 SEITEN, 17 EURO
7. NOVEMBER: »FEMALE THRILL« MIT VERA BUCK, SARAH BESTGEN UND
ROMY FÖLCK
HAUS OPHERDICKE







