Mitte März startet in Köln die große Retrospektive zu Yayoi Kusama – ein Geschenk ans Publikum zum 50. Geburtstag des Museum Ludwig. Der Erfolg scheint gewiss. Locken doch die Polka-Dots und Mirrored Rooms, die Kürbisskulpturen und Balloninstallationen der Japanerin seit Jahren ein Millionenpublikum. Doch wie kommt Kusama nach Köln und was macht ihre Kunst so aktuell? Ein Gespräch mit Kurator Stephan Diederich.
kultur.west: Herr Diederich, Ihnen steht einiges bevor. Mitte März startet die große Retrospektive zu Yayoi Kusama, die auf ihrer ersten Station in Basel für Besucher*innen-Rekorde gesorgt hat. Sie präsentieren die 96-jährige Japanerin nun als Höhepunkt im Festprogramm zum runden Geburtstag des Museum Ludwig. Warum gerade Kusama?
STEPHAN DIEDERICH: Die bedeutende Pop Art-Sammlung bildet ja einen Kern unseres Hauses. Und zu ihr gehört seit der Museumsgründung, also seit der ersten Schenkung von Peter und Irene Ludwig, eine sehr interessante und gute Arbeit von Kusama. Das ist natürlich ein sehr schöner Ausgangspunkt, um ihr facettenreiches Schaffen auszustellen. »Compulsion Furniture« heißt das Werk aus unserer Sammlung, 1966 entstanden und wenige Jahre später schon von den Ludwigs erworben.
kultur.west: Peter Ludwig war damals unterwegs in der New Yorker Szene und traf sich mit vielen Pop-Art-Größen. Wie sind Kusama und ihre Kunst in diesen Kreis einzuordnen?
DIEDERICH: Kusama war seit Ende der 1950er Jahre in New York – im Brennpunkt des aktuellen Kunstgeschehens. Und sie stand in der ersten Reihe, wenn es darum ging, neue Richtungen auszuloten. Gleichzeitig mit Claes Oldenburg hat sie dort zum Beispiel an Soft-Sculptures gearbeitet und parallel mit Andy Warhol serielle Werke entwickelt. Kusama wird denn auch oft im Kontext der Pop Art gelesen. Doch geht ihr Schaffen weit darüber hinaus.
kultur.west: Künstler wie Warhol und Oldenburg sind schnell zu Stars geworden. Bei Yayoi Kusama kam der große Erfolg erst Jahrzehnte später. Haben Sie dafür eine Erklärung?
DIEDERICH: Zum einen ist es natürlich das bekannte Phänomen, dass Künstlerinnen es schwerer hatten und bis heute haben. Hinderlich ist sicher auch die Komplexität ihres Werks gewesen – es ist schwer einzuordnen, Schubladen wie Pop Art oder Minimal Art greifen hier nicht. Hinzu kommt ihre recht wechselvolle Biografie. Kusama hatte ein Zeitfenster von 15 Jahren, in denen sie in der New Yorker Kunstszene eine Rolle spielte. Ging dann 1973 nach Japan zurück, hatte eine Zeit lang psychische Probleme und lebte relativ zurückgezogen in Tokio, bevor sie gegen Mitte der 80er Jahre ihren Weg zurück auf die Weltbühne der Kunst fand.
kultur.west: Gerade in den letzten Jahren zieht die Karriere noch einmal an. Kusamas Spiegelräume, die Balloninstallationen, ihre Kürbisskulpturen sind mittlerweile fast ikonisch.
DIEDERICH: Ja, genauso wie ihre Persona, ihr Auftreten mit der roten Perücke. Das alles zieht große Runden, ihre Präsenz auf Social Media ist enorm. Was sicher nicht zuletzt mit der Allgemeingültigkeit ihrer Werke zusammenhängt – damit, wie sie ihre eigene Stellung und damit auch die Stellung von uns allen im Weltgefüge, im Universum sieht. Kusama ist heute aktueller denn je. Die Zeit musste offenbar erst reif werden, um ihren ganzheitlichen Ansatz zu verstehen und würdigen zu können.

kultur.west: Können Sie diesen Ansatz an einzelnen Werken festmachen?
DIEDERICH: Man kann das an vielen Werken oder Werkgruppen ablesen. An den »Infinity Mirrored Rooms« beispielsweise, jene verspiegelten Räume, in die man eintreten und sich immersiv versenken kann. Man fühlt sich dann auf eine sehr direkte, fast körperliche Art und Weise als Teil eines großen Ganzen. So ein Spiegelraum gehört auch zur monumentalen Installation, die Kusama eigens für diese Ausstellungstournee geschaffen hat, und die wir in unserem gigantischen DC-Raum zeigen werden. Auf dieses Erlebnis freue ich mich schon. Stärker noch als bei der ersten Station in Basel werden wir in Köln auch Kusamas Texte einbeziehen, die sehr erhellend sind und wichtig für das Verständnis ihrer Kunst.
kultur.west: Sind sie der Künstlerin im Vorfeld der Ausstellung persönlich begegnet?
DIEDERICH: Leider nein. Sie lebt sehr zurückgezogen in einer Klinik, in die sie sich selbst wegen ihrer psychischen Probleme schon vor Jahrzehnten eingewiesen hat. Spätestens seit der Corona-Pandemie verlässt sie ihr Zimmer dort nicht mehr und hat auch kaum noch Kontakt zu neuen Menschen. Aber wir haben uns schriftlich verständigt – ein Austausch, der sehr fruchtbar war.
kultur.west: Was macht Kusama heute, mit 96 Jahren? Arbeitet sie weiterhin künstlerisch?
DIEDERICH: Ja, sie arbeitet noch. Mehr oder weniger täglich zeichnet und malt sie. Diese Arbeiten berühren, können Denkanstöße geben und den Menschen Hilfestellung leisten bei der Frage nach der eigenen Existenz. Es ist schon eine Art Altersweisheit, die immer stärker aus ihren neuesten Werkserien spricht: Das sind regelrechte Botschaften, die sie aus ihrem Zimmer heraus in die Welt sendet.
YAYOI KUSAMA
MUSEUM LUDWIG, KÖLN
14. MÄRZ BIS 8. AUGUST





