Der Hartware Medienkunstverein (hmkv) im Dortmunder U zeigt eine sehr sehenswerten Ausstellung zur Geschichte der Computer-Industrie in der DDR.
Die starke Verbindung Ostdeutschlands und dem Ruhrgebiet wird immer wieder offenbar. Über beide Regionen lässt sich eine Geschichte von Industrialisierung und Deindustrialisierung erzählen, in Erzählungen über beide Regionen gibt es einen starken Fokus auf die Arbeiterklasse – und hier wie da spielt das Motiv des Abgehängtseins eine Rolle. Es ergibt daher überraschend viel Sinn, dass der Hartware Medienkunstvereins (hmkv) im Dortmunder U für seine Ausstellung »Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz« mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig zusammengearbeitet hat, um in die Geschichte der Mikro-Elektronik in der DDR einzutauchen.
Die Arbeit »rosie« von Nadja Buttendorf legt den Finger in die Wunde. Die Künstlerin hat eine Seifenoper entworfen, die in der Tech-Industrie der DDR spielt. Hintergrund des Titels ist der fiktive Zusammenschluss des VEB Kombinats Robotron mit Sitz in Dresden mit dem deutschen Unternehmen Siemens nach der Wende. Die sächsischen Arbeiter*innen hegten damals tatsächlich Hoffnungen, dass es zu einem Zusammenschluss kommen und ihr Betrieb überleben könnte – und schlugen einen Namen vor, der sich aus den Wortanfängen von Robotron und Siemens zusammensetzt: Rosie. Natürlich kam es anders und zeigt die ganze Tragik der DDR-Industrie nach 1989: Siemens übernahm Filetstücke und integrierte sie in den eigenen Konzern, der Rest wurde abgewickelt.
»Operation Zwiebelmuster«
Spannend ist, dass die DDR überhaupt versucht hat, im Bereich von Computern und Mikroelektronik mitzuhalten, der seit den 1960er Jahren immer größer wurde und oft als dritte industrielle Revolution bezeichnet wird. Roter Faden der Ausstellung ist ein Essay des Leipziger Verlegers Jan Wenzel, der zwischen den Werken von über 20 Künstler*innen interessante Wissenshäppchen über diese mindestens in Westdeutschland ziemlich unbekannte Industriegeschichte gibt. Für das Ziel, mit Robotron die Tür zur dritten industriellen Revolution aufzustoßen, »investierte das Land in den 1980ern enorme Teile seines Staatshaushaltes, ohne dass es gelang, mit der internationalen Entwicklung Schritt zu halten«, schreibt er.
Antye Guenther nimmt darauf auf tragikomische Weise Bezug. Unter dem Titel »Operation Zwiebelmuster« hat sie ein Meissener Kaffeeservice gestaltet, deren Verzierungen geheime Bau- und Schaltpläne von Mikrochips enthalten. Bezugspunkt ist der Toshiba-Skandal: In den 1980ern soll die Stasi Manager des japanischen Konzerns mangels harter Devisen unter anderem mit Porzellan bezahlt haben, um an technische Informationen bekommen, die durch ein Embargo des Westens eigentlich nicht in die DDR gelangen durfte.
Spannend sind auch Einblicke in andere Teile der DDR-Industrie wie die Fotos einer großen Dia-Show von Tina Bara. Sie gehörte 1988 zu einer Gruppe Künstlerinnen, die offiziell in die Buna-Werke eingeladen wurden. Es zeigt, dass die DDR-Oberen eigentlich stolz waren auf ihre industriellen Errungenschaften, dass sie Kunst und Wirtschaft Hand in Hand gehen lassen wollten. So wie Tina Bara es tat, haben sie es sich allerdings sicher nicht vorgestellt, denn sie dokumentierte heimlich den Verfall des Chemiebetriebs, die schlechten Arbeitsbedingungen und die von ihm ausgelöste Umweltzerstörung.
Erwünscht war hingegen großformatige, figürliche Malerei wie von Werner Tübke, der 1973 das fast 14 Meter breite Wandgemälde »Arbeiterklasse und Intelligenzia« schuf, auf das sich der Ausstellungstitel bezieht. Es zeigt wie in einem klassischen Tableau tatsächlich rechts im Zwielicht die Arbeiterklasse und links in göttlichem Schein den Großrechner R300 von Robotron. Heute wirkt das beinahe satirisch – damals war es durchaus ernst gemeint. Dem hmkv ist der Coup gelungen, die selten gezeigte fünf Meter breite Öl-Vorstudie zu bekommen.
»ROBOTRON. ARBEITERKLASSE UND INTELLIGENZ«
BIS 26. JULI, HMKV DORTMUND



