Der HartwareMedienKunstVerein in Dortmund zeigt in der Ausstellung »Genossin Sonne« einige abgedrehte Thesen.
Sie schaut uns mit großen Manga-Kinderaugen an, mit einer gelben Stupsnase und vollen, roten Lippen. Die Sonne ist im Video der Künstlerin Agnieszka Polska eine Comic-Figur. Wer sich einen Kopfhörer aufsetzt, hört, was sie denkt. Und das ist nicht immer so nett, wie sie zunächst scheint. Überall im Dortmunder U weist dieses Bild auf die beiden Etagen der Ausstellung »Genossin Sonne« hin, die zunächst für die Wiener Festwochen entstand und nun – in erweiterter Form – im HMKV, dem HartwareMedienKunstVerein in Dortmund, zu sehen ist.
Der Titel der Ausstellung eröffnet interessante Gedankenspiele. Klar, die Sonne ermöglicht das Leben auf unserem Planeten, ist also eine positive Kraft. Wobei sich das auch ändern kann, wohl nicht zu unseren Lebenszeiten, aber doch perspektivisch. Die Anrede »Genossin« hat allerdings eine eindeutig sozialistische Komponente. Und wahrhaftig gibt es einige Kunstwerke, die eine Verbindung herstellen zwischen der Sonne und verschiedenen Revolutionen.
»Die kommunistische Revolution wurde von der Sonne hervorgerufen«, heißt etwa ein Film von Anton Vidokle. Wie nach einer Art Hypnose mit ruhigen Sätzen zu schwarz-weißen Kamerabildern geht es eine halbe Stunde lang darum, dass eine erhöhte Sonnenaktivität Einfluss auf historische Ereignisse hatte. Kriege, Revolutionen, Epidemien fallen tatsächlich oft zusammen mit extremen Emissionen der Sonne. Das geht auf eine Theorie des sowjetischen Biophysikers Alexander L. Chizhevsky zurück, der seit den 1920er Jahren versuchte, diesen Einfluss der Sonne nachzuweisen. Als Genosse Stalin das bemerkte, ließ er Chizhevsky allerdings in ein Arbeitslager werfen. Die Macht, die er der »Genossin Sonne« zuschrieb, passte nicht zur herrschenden Ideologie in der Sowjetunion.
Denkräume und Fühlflächen
Auf einer großen Grafik sind einige Revolutionen seit 1789 aufgeführt und, wenn besondere Sonnenaktivitäten parallel liefen, mit einem roten Stern markiert. Die Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 würde übrigens auch in dieses Schema passen, wird aber nicht herausgestellt. Nun haben zwar einige Psychologen durchaus Studien vorgelegt, dass die Sonne die Gemüter mancher Menschen bewegt, sie reizbarer oder empfindsamer macht. Doch ein bisschen esoterisch-abgedreht wirkt Chizhevskys Theorie schon. Die Grafik führt weiter bis in die Gegenwart und bleibt in der Ausstellung unkommentiert. Ansatz der Kuratorinnen Inke Arns und Andrea Pepelka scheint es zu sein, Denkräume und Fühlflächen zu öffnen, ohne ordnend einzuschreiten. Das macht die Schau interessant und inspirierend, aber nicht immer leicht zugänglich. Auch wenn man den in einfacher Sprache verfassten Teil des Programmhefts liest, bleibt es immer noch eine Herausforderung.
Es gibt nur einen einzigen Raum, in den Tageslicht fällt, auf den die Sonne quasi Zugriff hat. Dort hinein hat das Duo Disnovation.Org einen durchsichtigen Behälter gestellt, in dem durch Photosynthese essbare Biomasse entsteht. Ein kleines Labor, das eine große Frage aufwirft: Könnten so die Ernährungsprobleme der Welt gelöst werden? Und wie sähe eine Wirtschaft aus, die auf solchen Prozessen basiert?
Auf den beiden Etagen des Dortmunder U, in denen die Ausstellung läuft, gibt es keine Wände. Das ist ungewöhnlich für eine Schau, die zu einem großen Teil auf Medienkunst basiert, auf Videos, die oft eine Tonspur haben. Das Publikum kann sich Kopfhörer ausleihen, und es funktioniert ziemlich gut, dass der Soundtrack wechselt, sobald man sich einem Werk nähert. Weil die anderen Filme im Raum präsent bleiben, entsteht eine eigene Welt, in der man sich frei bewegen kann. Aber Obacht! Wenn man sich zu sehr von einem Video zum anderen treiben lässt, könnte man ins Stolpern geraten. Denn mitten im Raum liegt Weltraumschrott. »Space Junk« nennt Sonia Leimer die Stahlstücke, in denen oft große Löcher klaffen. Sie stammen wahrhaftig von ausgedienten Satelliten oder Raumschiffen und zeigen, dass die Menschheit bei der ökonomischen Nutzung des Kosmos längst dabei ist, auch das All zu vermüllen. Ein Thema, das in vielen Science-Fiction-Erzählungen bereits aufgegriffen wurde, aber hier in der Konfrontation mit dem »Space Junk« greifbar wird.
Dystopie und Science-Fiction
Zu sehen ist auch das Video »Chroniques du soleil noir« (Chroniken der schwarzen Sonne) von Gwenola Wagon. Die Französin ist als »Internet-Lumpensammlerin« bezeichnet worden, weil sie das Material für ihre Arbeiten aus bestehenden Werken, auch aus privaten Fotos und wissenschaftlichen Aufnahmen zusammenklaut, um es zu bearbeiten. Hier führt sie in eine dystopische Welt nach der Klimakatastrophe, in der die Menschen in Bunkern unter der Erde leben, weil sie das Sonnenlicht nicht mehr aushalten – aus der »Genossin Sonne« ist eine Feindin geworden. Sie füttern eine Künstliche Intelligenz mit den Erinnerungen von Menschen, die noch Sonnenlicht gesehen haben – ein packender Film mit einem psychedelischen Soundtrack.
Auch Genregeschichten spielen eine Rolle: Zhiyuan Yang rekonstruiert in »Make a little sun« einen chinesischen Science-Fiction-Film, der während der Kulturrevolution verboten wurde. Kinder schaffen darin eine zweite Sonne, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Und The Atlas Group versucht, die Betrachter davon zu überzeugen, dass es sich beim Film »I only wish that I could weep« (Ich wünsche nur, ich könnte weinen) um echtes Filmmaterial handelt, sogenanntes found footage. Ein Geheimdienstoffizier der libanesischen Armee soll die Bilder gedreht haben, um eine Uferpromenade in Beirut zu überwachen. Doch irgendwann entschied er sich dann, doch lieber den Sonnenuntergang über dem Meer festzuhalten. Ein Agent, der darauf verzichtet, seinen Job zu machen, weil er die Schönheit des Augenblicks festhalten will – das ist eine schöne Geschichte.
»GENOSSIN SONNE«, HMKV IM DORTMUNDER U
BIS 18. JANUAR 2026



