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In einer Stadt aus Elektroschrott
Das Museum Ostwall hat ein spannendes Thema zu einer sehr politischen Ausstellung verpackt: Mit Werken von den 1960er Jahren bis heute geht es im Dortmunder U um das globale Müllproblem.
Das Museum Ostwall hat ein spannendes Thema zu einer sehr politischen Ausstellung verpackt: Mit Werken von den 1960er Jahren bis heute geht es im Dortmunder U um das globale Müllproblem.
Zu einem geflügelten Wort entwickelt hat sich die Frage: »Ist das Kunst oder kann das weg?« Hintergrund sind unter anderem Readymades des Konzeptkünstlers Marcel Duchamp, der Fundstücke, die andere vielleicht als Sperrmüll gesehen hätten, zur Kunst erklärte. Eine gute Idee hat in diesem Zusammenhang das Team des Museums Ostwall im Dortmund U gehabt. Es hat eine Schau darüber zusammengestellt, was andere wegwerfen. Sie heißt »Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls«, ist äußerst sehenswert und sehr politisch. Gezeigt werden rund 50 Werke internationaler Künstler*innen des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter zwei Auftragsarbeiten.
Die Frage, was Müll eigentlich ist, ist dabei gar nicht so leicht zu beantworten. Ein Auto, das von seinem westeuropäischen Besitzer ausgemustert wird, wird manchmal direkt auf den afrikanischen Kontinent verschifft und dort noch lange genutzt. Die Flut entsorgter Kleidung aus Ländern wie Deutschland landet auf Märkten in Ghana und stellt schwerwiegende Probleme für die lokale Textilindustrie dar. Die Dortmunder Sonderausstellung nimmt die Perspektive einer globalisierten Konsumgesellschaft ein und fragt: Was passiert mit dem Müll und wer trägt die Folgen? Es geht um die weltweite Routen, die Abfall bisweilen zurücklegt, und um deren soziale, ökologische und politische Auswirkungen.
Die Darstellungen von Müll und Müllsammler*innen gibt es zwar bereits in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts wie Etwa Edouard Manets »Le Chiffonier« (1869) zeigt. Oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie etwa Julian Trevelyans 1937 gemaltes »Rubbish May Be Shot Here« veranschaulicht. Beide widmen sich bereits den sozialen Fragen, die mit der Entsorgung von Müll einhergehen. Eigentlich geht die Ausstellung aber vor allem von den späten 1960er und 1970er Jahren aus, als der Club of Rome seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlich hatte und große Umweltbewegungen entstanden. Da akkumulierten Künstler*innen Müll nicht mehr in erster Linie zu skulpturalen Kunstwerken, sondern zogen eine kritische Ebene mit ein. Zum Beispiel HA Schult, der mit der Aktion »Situation Schackstraße« (1969) mehrere Tonnen Abfall auf eine Münchner Straße kippen ließ, um das vermeintlich »saubere« Stadtbild zu stören.

Viele ausgestellte Werke stammen aus der eigenen Sammlung des Museums Ostwall, weshalb Fluxus-Kunst stark vertreten ist. In einem Raum hängt etwa ein sogenannter Score, also so etwas wie die Anleitung zu einer künstlerischen Intervention von Allan Kaprow, der dazu auffordert, Ölfässer an einen anderen Ort zu bringen und vor ihnen siegerhaft zu posieren. Damit thematisierte er den Ressourcen-Hunger der westlichen Gesellschaften. Heute scheint das Werk aktueller denn je.
Müllentsorgung und Mülllagerung, die meist in Form von Müllhalden geschieht, spielen im Werk von Nancy Holt oder Agnes Denes seit den 1970er Jahren eine wichtige Rolle. Sie zeigen auf, wie diese Orte neu und ökologisch sinnvoll genutzt werden konnten. So sieht man etwa eine schöne Utopie, die Nancy Holt für eine Halde in New York entworfen hatte – und die leider nie über das erste Stadium der Realisierung hinauskam. In einer kurzen Filmdokumentation ist der Künstler Nicolás García Uriburu zu sehen, der sich als einer von mittlerweile vielen Künstler*innen an Protestaktionen von Greenpeace beteiligte. Zu sehen sind seine »Coloraciones«, bei denen er Gewässer leuchtend grün färbte, um auf deren enorme Verschmutzung aufmerksam zu machen.
Mit dem Fortschreiten der Globalisierung, die Industrialisierung und Konsumgesellschaft in alle Winkel des Planeten brachte, wurden auch die Wege des Abfalls komplexer und problematischer. Die soziale Frage des Oben und Unten ist heute auch eine davon, wer Müll einfach entsorgen darf und wer mit ihm wie umgehen, wer für sein Verschwinden arbeiten muss (vom Recycling in wirklich nennenswerten Mengen ist die Welt leider nach wie vor weit entfernt). Die Frage nach dem sozialen »Oben« und »Unten« stellt sehr spektakulär und auch provokativ eine zentrale Installation der Ausstellung: »Los de arriba y los de abajo« (2015) von Kader Attia.
Sie ist aufgebaut wie ein Tunnel, durch den die Besucher*innen laufen. Über ihren Köpfen hängt ein schmales Gitter, das vor herabfallendem Abfall und Schrott schützt. Da durchzulaufen bereitet körperliches Unbehagen. Attia bezieht sich mit seiner Arbeit konkret auf die Situation in Hebron, wo sich die palästinensische Bevölkerung mit Netzen gegen die höher gelegenen israelischen Siedler schützt, die ihren Müll einfach nach unten werfen – auch als Zeichen der Verachtung. Natürlich ist es heute im aufgeheizten Klima zwischen pro-palästinensischen und pro-israelischen Stimmen schwierig, so eine Arbeit zu zeigen, die vermeintlich eher das Leid der palästinensischen Bevölkerung akzentuiert. Die Kurator*innen Christina Danick und Michael Griff wollen sie aber vor allem als Ausdruck der allgemeinen Trennung des sozialen Oben und Unten in hierarchischen Gesellschaften sehen: Der Abfall wird da nicht nur zum Symbol, sondern zum realen, permanent präsenten Bestandteil eines von Macht und Ungleichheit geprägten Alltags.
Science-Fiction-Stadt im Miniaturformat
Eine Installation, die extra für die Ausstellung eingerichtet wurde, ist »TC-2000« von Akwasi Bediako Afrane. Er hat eine Menge Elektroschrott gesammelt, vor allem aus der Welt der Computertechnik, den er teilweise wieder zum Laufen gebracht hat, und damit eine afrofuturistische, dystopisch wirkende Science-Fiction-Stadt im Miniaturformat errichtet. Eine Modelleisenbahn fährt hindurch und ermöglicht den Besucher*innen so nicht nur die Vogel-, sondern auch die Froschperspektive des »Unten«. Um die Installation quasi einzuschalten, müssen die Menschen im Museum sich erst einmal auf einen der Autositze setzen, die um die Stadt aufgestellt sind. Der Künstler aus Ghana will damit sagen: »Es sind wir! Die Elektronik ist wegen uns erfunden und gebaut worden. Sie fungiert wie verlängerte Körperteile von uns – und wenn wir sie wegwerfen, ist das als würden wir einen Teil von uns abschneiden.«
Vor allem Kinder werden an den Wänden sicher gleich Illustrationen der beliebten Kinderbuchfiguren »Die Olchis« erkennen, die Dreck und Müll mögen, sich sogar davon ernähren. Ihr Erfinder Erhard Dietl hat eigens für die Ausstellung neue Bilder geschaffen und ein Mitmach-Heft, mit dem kleine Besucher*innen die Räume entdecken können.
Auch darüber hinaus haben die Kuratoren viel getan, um die Stadtgesellschaft zu integrieren. Mit dem Beirat »Critical Friends«, der die Schau aus kulturhistorischer, aktivistischer und pädagogischer Sicht begleitete. Oder mit der Einbindung des Klimabündnisses Dortmund, das eigene Flächen bespielt und auch darüber informieren kann: Wie kann ich mich engagieren, wie kann ich handeln, um das globale Müllproblem vielleicht ein bisschen zu mindern? Wie das geht? Zum Beispiel indem man zu der Kleidertauschparty im Rahmenprogramm geht – und nicht in den günstigen Klamottenladen im Einkaufszentrum.
»MÜLL. EINE AUSSTELLUNG ÜBER DIE GLOBALEN WEGE DES ABFALLS«
BIS 26. JULI
MUSEUM OSTWALL IM DORTMUNDER U