Die aktuelle Schau im Kunsthaus NRW in Kornelimünster blickt in den Kosmos der Kunst-Akademien. Dabei werden die Ausstellungsräume zu Klassenzimmern, wo Arbeiten von Lehrenden und Lernenden aus rund 80 Jahren zusammenkommen. Wer dem Parcours folgen und das Beziehungsgeflecht durchdringen will, muss Kondition mitbringen.
Man kennt es von den Akademie-Rundgängen. Wenn die Studierenden zweimal im Jahr die Klassenräume öffnen und ihre Arbeiten präsentieren, sind Andrang und Neugier groß: Wie könnte die Kunst von morgen aussehen? Das beliebte Kunstevent zum Semesterende stand Pate für die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus NRW Kornelimünster. Allerdings schaut man hier nicht in die Zukunft, sondern erhält Einblick in die teils recht komplexen »Klassenverhältnisse« seit 1946 – die aktuelle Ausstellung ist dabei bereits die zweite Staffel des im Mai 2025 gestarteten Projekts.
Wer unterrichtete wann und wie an den NRW-Hochschulen, wer studierte bei wem, und was wurde vermittelt? Solchen Fragen geht die Ausstellung nach und lenkt den Blick vor allem nach Düsseldorf. Zum Start etwa auf Günther Uecker, der Otto Pankok als Professor schätzte und in seinen letzten Monaten an der traditionsreichen Akademie seine ersten Nagelbilder schuf. Als Lehrer in Düsseldorf unterrichtete Uecker später Klaus Schmitt, der jetzt aus Holzlatten eine Hommage an den im Juni 2025 gestorbenen Künstler in einem der ersten Ausstellungssäle in Kornelimünster platziert hat. Vielfach verwoben geht es weiter mit Werken von rund 180 Künstler*innen, die sich überall im Kunsthaus NRW verteilen – bis in die Kellergewölbe.
Von Gerhard Richter zu Albert Oehlen
Die Räume der barocken Residenz werden dabei gleichsam zu Klassenzimmern, wo sich Arbeiten der Lehrenden und Lernenden begegnen. So auch in der Malereiklasse von Gerhard Richter. Auf dessen verwischtes »Porträt Dieter Kreutz« antwortet das irritierende »Spiegelbild Tisch«, mit dem Karin Kneffel ihren Beitrag zur Befragung der Malerei leistet. Ebenfalls zugegen: eine Gruppe kleiner Polymer-Figuren von Thomas Schütte – Männer, die offensichtlich mit heftigem Gegenwind zu kämpfen haben. Zwar lehrte Richter Malerei, doch ließ er auch andere Techniken zu. Allerdings wohl nicht uneingeschränkt – als Thomas Struth umschwenkte und in der Fotografie nach neuen Wegen suchte, schickte ihn Richter zu den Kolleg*innen Bernd und Hilla Becher. Sicher ein lohnender Wechsel für Struth, der in der Folge als Becherschüler Karriere machte.
Interessant auch der Besuch in Albert Oehlens Klasse. Der Künstler hatte früh den Computer genutzt, um seiner Malerei neue Bildwelten zu erschließen, und einige seiner Studierenden setzen diesen Weg fort. Darunter das Duo Banz & Bowinkel. Die Ausstellung zeigt, wie sich die beiden im Augmented-Reality-Video durchs Atelier bewegen, um mit Händen und Füßen informelle Farbkörper zu dirigieren. Auch Tim Berresheim ist unter Oehlens Schüler*innen. Der Aachener war allerdings nur kurz in der Klasse. Er brach das Studium ab und machte als Oehlens Assistent weiter, bevor er sich als Pionier computerbasierter Kunst erfolgreich auf eigene Füße stellte, wie die Schau mit einer frühen und einer jüngeren Arbeit belegt.
Die meisten Werke der Ausstellung stammen aus eigenen Beständen – für ein Projekt wie dieses bieten sie eine perfekte Grundlage. Rekrutiert sich das Gros der in Kornelimünster bewahrten Werke doch aus Förderankäufen, mit denen das Land NRW seit bald 80 Jahren vor allem junge Künstler*innen im Lande unterstützen will. Über 1300 sind mittlerweile vertreten mit rund 5000 Arbeiten – von Polke und Richter zu Anys Reimann, von Genzken und Gerdes zu Alex Grein oder Nicholas Grafia. Die Schau konnte also aus dem Vollen schöpfen und kleine Lücken mit Leihgaben aus der Düsseldorfer Akademie-Galerie füllen.
Wer alles aufnehmen, einordnen und auf dem Rundgang dem »Kosmos Akademie« wirklich näherkommen möchte, muss allerdings Muße mitbringen. Helfen mag ein Besuch im Jagdzimmer der Museums-Residenz, wo man per Kopfhörer den Erzählungen prominenter Akteure wie Thomas Ruff oder Schütte folgen kann. Aufschlussreich ist auch ein begleitender Reader, der neben zahllosen Namen und Daten viele persönliche Hintergründe liefert. Zum Akademierektor Markus Lüpertz etwa, der seinem Gefolge wenig Raum für eigene Ideen ließ und lieber das eigene Vorbild hochhielt. Mit der Pensionierung des Malerfürsten ging 2009, nach über 20 Jahren, ein eher anachronistisches Kapitel zu Ende, das die neuen Medien weitgehend ausgeklammert hatte.
Zum Finale in die »Aula«
Der zweite Teil der Schau führt aus der oberen Etage ins Erdgeschoss – und läutet gleichzeitig das 21. Jahrhundert ein. Installationen werden wichtiger, zeitbasierte Kunst bekommt mehr Gewicht. Und die Gattungsgrenzen verlieren auch im Lehrbetrieb an Bedeutung. Die Ausstellung wirft etwa einen Blick in die Klasse von Andreas Gursky, der selbst in der Becher-Klasse studiert hatte und 2010 eine Professur in Düsseldorf übernahm – nicht etwa für Fotografie, sondern für Freie Kunst. Denn die Studierenden dürften nicht festgelegt sein auf ein Medium, so seine Überzeugung. Sie sollten je nach Thema frei wählen können. Die Vielfalt belegen in der Schau Mappenwerke, wie sie die Gursky-Klasse regelmäßig zum Rundgang produzierte.
Zum feierlichen Finale geht es dann in die »Aula«, wo sich mit dem Abschied von der Akademie die Frage aufdrängt, wie es nach dem Studium weitergeht für die Neueinsteiger im Kunstbetrieb. Alex Wissels großes »Euro Zeichen« wirft hier ein ironisches Licht auf den Markt, genauer auf die Betrügereien des berüchtigten Kunstberaters Helge Achenbach.
Wer den erschöpfenden »Rundgang« an frischer Luft abschließen will, tritt vor die Tür. Und trifft im Skulpturengarten etwa auf die neueste Arbeit der einstigen Gursky-Schülerin Berit Schneidereit – bestehend aus Erde, zarten Gemüsepflänzchen und einer Rankhilfe. Den Sommer über kann man den »Polke Schlaufen« beim Wachsen zuschauen. Und gespannt sein auf die Erntezeit und den zweiten Teil des Projekts – ab Herbst wird es Schneidereits Schlaufen mit Sigmar Polkes Werk zusammenbringen.
KUNSTHAUS NRW KORNELIMÜNSTER, AACHEN
»KLASSENVERHÄLTNISSE – DIE ZWEITE STAFFEL.
KUNSTLEHRE VON 1946 BIS 2026«, BIS 27. SEPTEMBER
»BERIT SCHNEIDEREIT – ENTANGLED LINES X SIGMAR POLKE. ATHANOR NOW«,
AB 10. OKTOBER






