Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer halten sich als Sammler*innen konsequent im Hintergrund. Ihrer »Sammlung KiCo« soll die ganze Aufmerksamkeit gelten. In der Kunsthalle Bielefeld gibt eine zweiteilige Ausstellung Aufschluss über das Profil der Kollektion zeitgenössischer Kunst.
Öffentlichkeitsscheu sind sie eigentlich selten. Um andere an ihrer Leidenschaft teilhaben zu lassen, sind Sammler*innen meist gern bereit zum Gespräch. Ausführlich, voller Begeisterung und mit – verdientem – Stolz geben sie dann Auskunft darüber, wie sie zur Kunst fanden, wer ihre Favoriten sind und welche Arbeiten auf ihrer Wunschliste stehen. Manche errichten sogar eigene Museen, um ihre Schätze dauerhaft in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Ganz anders geben sich da Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer. Das Bonner Paar, das seit langem mit dem Kunstmuseum Bonn und dem Münchner Lenbachhaus kooperiert und jetzt einen Teil seiner »Sammlung KiCo« in der Kunsthalle Bielefeld zeigt, steht für Interviews nicht zur Verfügung und mag auch keine schriftlichen Statements übermitteln. Selbst die Bitte um ein Porträtfoto, idealiter vor einem Werk der Sammlung, wird abgelehnt.
Mehr Glück hatte Helmut Friedel, als der langjährige Direktor des Lenbachhauses anlässlich der Münchner Sammlungspräsentation »Mentales Gelb. Sonnenhöchststand«, den Software-Entwickler und seine Ehefrau aus der Reserve locken und zu einer Erläuterung in eigener Sache motivieren konnte. In dem Gespräch, das nach wie vor auf der Website des Museums nachzulesen ist, erklären die beiden den Hintergrund ihrer programmatischen Diskretion: »Für uns standen und stehen die ausgewählten Arbeiten im Mittelpunkt«, gaben sie damals zu Protokoll. »Die Auswahl jeder einzelnen Arbeit hat zwar mit uns zu tun, mit unseren Vorlieben, unserer spezifischen Sicht auf einzelne Positionen der Gegenwartskunst. Wir selbst sind danach aber irrelevant. Wir wollen nicht über die Sammlung in die Öffentlichkeit treten.«
Mit Jerry Zeniuk fing alles an
Eine Haltung, die es zu respektieren gilt. Obwohl man sich fragen mag, wie jemand irrelevant sein kann, der hinter den Kulissen einer Kunstsammlung die Fäden zieht. Die Neugier auf Persönliches vermag eine solche distanzierte Position allerdings nicht zu dämpfen, zumal wenn die Kunsthalle Bielefeld die KiCo-Kollektion unter dem Motto »Geteilte Ansichten« jetzt sogar auf drei Geschossen und in zwei zeitlich aufeinander folgenden Tranchen vorstellt: Bis Anfang Oktober läuft »Vom Teilen und Geteiltsein«; Mitte Oktober schließt sich »Willst du mit mir gehen?« an. Immerhin lässt sich dem Friedel-Interview entnehmen, dass eine gemeinsame London-Exkursion der Klassenkamerad*innen, unternommen kurz vor dem Abitur, den Funken der Kunstbegeisterung entzündete: »In der Tate haben wir den späten Turner gesehen und waren beide sehr begeistert von der Farbigkeit.«
Bilder des englischen Romantikers, berühmt für seine Meisterschaft, Licht und Atmosphäre ins Bild zu bannen, kamen mangels Verfügbarkeit auf dem Kunstmarkt als Startpunkt des Sammlungsaufbaus nicht in Betracht. Stattdessen fiel die Wahl auf Jerry Zeniuk: Der deutsch-amerikanische Maler, dessen reduzierten Bilder sich als Analyse von Farbe, Fläche, Form und Räumlichkeit lesen lassen, war 1995 der erste Künstler, von dem die Sammler*innen ein Werk erwarben. Das Problem: Für ihr damaliges Haus war das Bild zu groß. Aus der Not machten Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer eine Tugend: Sie boten das XL-Format dem Kunstmuseum Bonn als Dauerleihgabe an.
Damit war der Grundstein für etwas gelegt, was sich nicht auf eine einzelne mäzenatische Aktion beschränkte, sondern als Joint Venture weite Kreise zog. Open House statt verschlossenes Depot. Vier Jahre später holten die Riemers auch das Lenbachhaus ins Boot. Auslöser war erneut Jerry Zeniuk – 1999 präsentierte das Münchner Museum eine große Ausstellung des Malers, zu der das Paar bereits Werke beigesteuert hatte. Weil die Chemie zwischen den Sammler*innen und Helmut Friedel stimmte, wurde die Allianz mit dem Lenbachhaus besiegelt und kontinuierlich ausgebaut.

Die Kunsthalle Bielefeld ist jetzt das dritte Haus im Bunde, das aus dem Reservoir der 2009 gegründeten »KiCo Stiftung« eine Auswahl für eigene Ausstellungen treffen kann. Zum Bestand, der fortlaufend erweitert wird, zählen Arbeiten von rund 50 renommierten Künstler*innen – darunter Georg Baselitz, Monica Bonvicini, Lyonel Feininger, Lucio Fontana, Maria Lassnig, Konrad Lueg, Michel Majerus, Rita McBride, Sarah Morris, Ulrich Rückriem, Karin Sander und Wolfgang Tillmans.
Angesichts von rund 1500 Kunstwerken, die zum KiCo-Fundus gehören, eine kleine Liste. Handverlesen sozusagen. Was damit zu tun hat, dass die Sammler*innen nicht nach Einzelstücken oder Trophäen jagen, sondern bevorzugt ganze Werkgruppen ins Visier nehmen. Entscheidungen über zukünftige Ankäufe treffen sie nicht im Alleingang, sondern im Dialog mit den Direktor*innen und Kurator*innen der Häuser in Bonn, München und Bielefeld. Mithin haben Claudia Emmert, Matthias Mühling und Christina Végh mehr als nur ein Wörtchen dabei mitzureden, wie die »Sammlung KiCo« weiterentwickelt wird. Obwohl sich an der grundlegenden Sammlungsphilosophie nichts verändert hat, lässt sich eine behutsame Metamorphose beobachten. Dominierten zu Beginn noch Farbmalerei und Fundamental Painting, so erweiterte sich der Radius im Laufe der Jahre um Rauminstallationen, Konzeptkunst, Fotografie und politische Positionen.
Von dieser Vielseitigkeit zeugt jetzt auch der erste Part der Bielefelder Ausstellung. Kommunikation, die Rolle des Individuums innerhalb der Gesellschaft, Kunst als Medium, das außerkünstlerische Prozesse anstößt – solche Themen treiben viele Gegenwartskünstler*innen um. Zurecht stehen sie deshalb im Zentrum der Schau »Vom Teilen und Geteiltsein«. Gegliedert ist sie in sieben Sektionen: »Mitteilen / Kommunikation«, »Geteilte Gesellschaft«, »Arbeit teilen / Zusammenarbeit«, »Geteilte Ansichten: Perspektiven teilen«, »Geteilte Räume«, »Alltägliche Grenzen: Hecken, Zäune, Maschendraht« sowie »Material teilen«.
Reaktion auf die Flut von Bildern
»Man kann nicht nicht kommunizieren« – das Zitat des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick stammt von 1969, traf aber den Nagel noch nie derart auf den Kopf wie heute, in einer Zeit, wo die Kommunikationskanäle nonstop Schriftliches und Bildliches ausspucken. Eine Mitteilungsflut, die Thomas Bayrle 2019 in seinem Bild »Rollover Smartfon« aufgegriffen hat: Fotos, die dem Kamera-Stakkato des Handys entspringen, werden bei ihm zu Bausteinen eines großen, rasterartigen Bildkörpers. Auch Jörg Sasse reagiert auf den Massenoutput der Bilder. In seiner Installation »Speicher IV« hat der zur Düsseldorfer Fotoschule zählende Künstler mehr als 500 Ansichtskarten untergebracht und kategorisiert. Der Clou: Die Besucher*innen können auf diesen Kartenpool zugreifen und einzelne Motive auswählen. So entstehen an den Wänden frei kombinierbare Hängungen.
Während Karin Sander und Charlotte Posenenske Formen gemeinschaftlicher Produktion zum Gegenstand ihrer Arbeiten machen, präsentiert Tomás Saraceno Netze von Spinnen als naturgegebene Urmodelle jener Vernetzung zwischen Menschen, die infolge der digitalen Revolution zuvor undenkbare Ausmaße angenommen hat.
Das Phänomen der geteilten Gesellschaft fand vor dem Mauerfall im deutsch-deutschen Neben- und Gegeneinander eine polarisierende Verkörperung, wie sie krasser kaum vorstellbar ist. Mit Barbara Klemm (Frankfurt am Main) und Helga Paris (Ostberlin) sind zwei Fotografinnen in der Ausstellung vertreten, die als Chronistinnen von Politik und Alltag das Auseinanderklaffen der Lebensrealitäten in der BRD und der DDR mit der Kamera festgehalten haben.
Mit seiner Fotoarbeit »Zaun« rückt Thomas Demand eine bauliche Anlage ins Zentrum, in der das Phänomen der Abgrenzung greifbare Form annimmt. Die großformatige Fotografie aus dem Jahr 2014 zeigt einen nachts beleuchteten Maschendrahtzaun. So jedenfalls der Anschein, den das Bild erweckt. Der allerdings führt in die Irre. Denn die raffiniert-verwinkelte Strategie des Berliner Künstlers beruht darauf, dass er Fotografien als Pappmodell nachbaut und das Modell anschließend im Blow-up-Maßstab fotografiert, um es hernach zu zerstören. Was Demands Zaun separiert, das bleibt im Dunklen. So erscheint die Arbeit als Sinnbild von Abschirmung und Aussperrung.
Dass man über Kunst geteilter Ansicht sein kann, dies hat niemand so pointiert veranschaulicht wie Gerhard Richter: Seine Installation »10 Scheiben«, die mit Transparenz, Spiegelung und Raumwirkung operiert, ist einer der Glanzpunkte der Bielefelder Ausstellung. Zehn hintereinander beziehungsweise in Reihe angeordnete Glasscheiben werden von einem Holzgestell eingefasst. Wer Richters Scheibenkabinett umrundet, dem eröffnen sich fortwährend neue Blickwinkel. Ein ungewohnter Fall von Perspektiverweiterung.
»GETEILTE ANSICHTEN. KUNSTHALLE BIELEFELD X SAMMLUNG KICO«
TEIL I: VOM TEILEN UND GETEILTSEIN (BIS 2. OKTOBER)
TEIL II: WILLST DU MIT MIR GEHEN? (17. OKTOBER BIS 21. FEBRUAR 2027)






