Mehr als 300 Performances und Installationen hat Nezaket Ekici in 70 Ländern auf vier Kontinenten prasentiert – zuletzt im Kunstmuseum Ahlen, für das sie sich mit deutsch-türkischen Geschäften in der Innenstadt beschäftigte. 2024/25 war sie Mitglied im Beirat für ein Denkmal der Gastarbeiter*innen der Stadt Dortmund. Am 11. Oktober wird ihr nun der mit 20.000 Euro dotierte MO Kunstpreis des Museum am Ostwall verliehen.
kultur.west: Frau Ekici, im Rahmen Ihrer Ausstellung zum MO Kunstpreis zeigen Sie im Dortmunder U ein Bild, auf dem Sie in Trachten Kaffeetrinken. Eine typisch deutsche Kluft in einem urdeutschen Setting – dabei stammt Ihre Familie aus der Türkei. Um was geht es Ihnen?
NEZAKET EKICI: In der Videoperformance „Kaffeeklatsch“ beschäftige ich mich mit deutschen Ritualen – der klassische Kaffeeklatsch ist für mich so eins. Die Trachten stammen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Ich habe sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgenommen, transformiert und für meine Arbeit neu eingesetzt. Dabei geht es auch um die Frage, wie sich Identität über Kleidung, Rituale und Zuschreibungen bildet. In dem Video bin ich dreimal zu sehen. Ich schaue also gewissermaßen mit meiner eigenen, von der türkischen Herkunft und dem Aufwachsen in Deutschland geprägten Perspektive auf dieses deutsche Ritual – und gleichzeitig auf mich selbst.

kultur.west: Die Kleider, die Sie auf den Fotos tragen, werden später von Ihnen auseinandergeschnitten und neu zusammengesetzt – warum?
EKICI: In der Videoperformance „Patchwork“ interessiert mich, was passiert, wenn verschiedene Zeiten und Zustände aufeinandertreffen. Ich male das Kostüm zunächst selbst, trage es in der Performance und zerschneide es anschließend wieder, um daraus etwas Neues zu schaffen. Performance beschäftigt sich immer auch mit Dauer und Veränderung. Durch diese Transformation verändert sich auch die Bedeutung des Kostüms – und damit die Frage nach der eigenen Identität.
kultur.west: Der MO Kunstpreis würdigt Kunst, die mit Dada, Fluxus und den Folgen zu tun hat. Welche Rolle spielt Fluxus in Ihrem Werk?
EKICI: Ich komme aus der Performance-Kunst, für mich sind Dada und Fluxus wichtige Vorläufer dieser Kunstform. Schon bei Dada und später bei Fluxus und den Happenings wurden die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, zwischen Objekt und Handlung, zwischen Körper, Raum und Zeit aufgebrochen. Das Ereignis, die Handlung und der Prozess selbst wurden zum Bestandteil des Kunstwerks. Ich schätze zum Beispiel die Arbeiten von Wolf Vostell sehr – umso mehr freut es mich, dass ich aktuell zum 50-jährigen Jubiläum des Museo Vostell Malpartida nach Spanien eingeladen bin, um dort zu dieser wegweisenden Nachfolge beizutragen. Diese Offenheit und das Arbeiten mit Körper, Raum, Situation, Zeit und Veränderung finden sich auch in meiner eigenen Arbeit wieder. Deshalb fühle ich mich durch den MO Kunstpreis besonders geehrt – auch weil damit die Nachfolge dieser Kunstformen und die Performance-Kunst selbst in den Mittelpunkt gerückt werden.
kultur.west: Den MO Kunstpreis haben schon die Guerrilla Girls oder Valie Export gewonnen. Was bedeutet er Ihnen?
EKICI: Für mich ist es etwas ganz Besonderes, in einer Reihe mit Künstlerinnen wie Valie Expoert und den Guerrilla Girls zu stehen. Valie Export hat ihren eigenen Körper immer wieder als künstlerisches und politisches Medium eingesetzt und damit gesellschaftliche Fragen zu Körper, Geschlecht und Öffentlichkeit thematisiert. Die Guerrilla Girls verbinden Kunst und Aktivismus und setzen sich mit ihrer Arbeit auf sehr direkte Weise mit politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinander. Bei der Preisverleihung werde ich eine Performance zeigen, in der ich nicht nur Valie Export und die Guerrilla Girls, sondern auch die weiteren Preisträgerinnen und schließlich mich selbst würdige. Damit möchte ich diese besondere Verbindung von Künstlerinnen über die Generationen hinweg sichtbar machen.






