Der Kunstverein Siegen nutzt die Hälfte des Jahres die Stadt als Bühne. Und fährt mit einem Touristenbus zu Performances oder zeigt Kunst im Kaufhaus.
Grau in Grau ist hier alles: Die rauen Wände, der unebene Boden, die Betonrampe und sogar die Hügel aus aufgeschütteter Erde. Nur das übergroße Papier und die Anzüge der Performerinnen stechen in hellem Weiß heraus – bevor alles mit leuchtendem Grün bemalt wird. Dick eingemummelt betrachtet eine Zuschauergruppe die Performance »Us in 30 Years«, die Sunny Pfalzer gemeinsam mit zwei Aktivistinnen von der Bewegung »Fridays for Future« zeigt. Der Ort ist eine alte Industriehalle, irgendwo in der Siegener Peripherie. Schaltgeräte wurden hier mal hergestellt, lange ist das her. Und so ist die einstige Firmenfläche ein Symbol für den Strukturwandel, von dem auch Sunny Pfalzer aus ihrer Kindheit in einer österreichischen Kleinstadt berichtet, wohingegen die jungen Aktivistinnen Hilda und Aila ihre Angst vor der Zukunft und der Klimakatastrophe äußern.
Die Performance, bei der sich auch die Zuschauer*innen beteiligen können, ist Teil der Reihe »Stadt – Öffentlichkeit – Teilhabe«, mit der der Kunstverein Siegen aus dem Ausstellungsraum hinaus in die Stadt geht. In diesem Fall mit dem Hübbelbummler – einem historischen rot-gelben Doppeldecker-Bus, der das Publikum in etwa 15 Minuten von der Städtischen Galerie direkt am Rathaus zur Fabrikhalle gebracht hat. Die Bustouren würden vom Publikum begeistert angenommen und seien immer ausgebucht, so erzählt es Jennifer Cierlitza, die Direktorin des Siegener Kunstvereins. Sie ermöglichten es, die eigene Stadt ganz neu wahrzunehmen, denn die eingeladenen Künstler*innen kommen von außerhalb, bringen so neue Perspektiven mit.
Ehemaliger Karstadt als »Möglichkeitsraum«
Dies ist auch beim Projekt »_ _ _Stadt« der Fall, das eine Leerstelle füllen will: Den ehemaligen Karstadt, ganz in der Nähe des Haus Seel, in dem der Siegener Kunstverein 26 Wochen im Jahr ausstellt – den Rest des Jahres wird es als Städtische Galerie genutzt. »Der ehemalige Karstadt ist ein sehr zentrales Gebäude in der Innenstadt. Und es ist mit sehr vielen Emotionen der Menschen verbunden, die hier wohnen«, erklärt Jennifer Cierlitza ihr Interesse an dem seit Jahren leerstehenden Kaufhaus. Schon vor der Schließung hatte es im Zentrum der Siegener Innenstadtentwicklung gestanden: Nach dem Bau eines Einkaufszentrums neben dem Bahnhof verlagerte sich das kommerzielle Zentrum der Stadt immer mehr von der Ober- in die Unterstadt. Die kleinen Geschäfte zogen um oder mussten schließen. Mit dem Aus für den Karstadt sei dann auch noch der letzte Magnet der Oberstadt weggefallen, so erzählt es Cierlitza.
Zwölf Künstler*innen hat sie nun zu einer Gruppenausstellung eingeladen, die den Leerstand als »Möglichkeitsraum« begreifen und mit Installationen füllen – in Kooperation mit Architektur-Studierenden der Universität Siegen. Sie nutzen einige der Möbel, die noch im Gebäude sind, weiter, bauen sie um und wollen gemeinsam mit den Künstler*innen erforschen, welche Ideen für eine Veränderung es geben könnte. Denn unklar ist die Zukunft des Gebäudes nach wie vor. Auch die gesamte Schau ist darauf ausgelegt, nicht abgeschlossen zu sein, sondern sich permanent weiterzuentwickeln, dies auch gemeinsam mit der Stadtgesellschaft, die in Workshops, bei Vorträgen oder Filmabenden eingebunden wird. So möchte der Siegener Kunstverein nicht nur auf die Stärken und Schwächen der eigenen Stadt blicken. Sondern Teil der Veränderung sein.
»_ _ _STADT«, EHEMALIGES KARSTADT-GEBÄUDE (KÖLNER STRAßE), SIEGEN, BIS ENDE APRIL, KUNSTVEREIN-SIEGEN.DE






