Mauricio Kagel liebte diesen Ort und kehrte immer wieder an ihn zurück: In einem alten Backsteinbau im dörflichen Fischeln, einem Stadtteil Krefelds fernab von dessen Zentrum, öffnet Pit Therre die weite Welt der Avantgarde. In diesem Jahr wird sein Theater am Marienplatz (TAM) 50 Jahre alt.
Das Labor der Klänge liegt in einer alten Backsteinschule mit weißen Sprossenfenstern. Direkt am Marktplatz von Fischeln, das eigentlich zu Krefeld gehört. Aber denn doch so dörflich bis heute geblieben ist, dass die Stadt weit entfernt scheint. Genau hierher zog es den argentinischen Komponisten Mauricio Kagel (1931-2008) oft. So oft, dass er irgendwann zu den Hausautoren des TAM gehörte, des Theaters am Marienplatz.
Der weltbekannte Grenzgänger des experimentellen Musiktheaters, hoch geehrt unter anderem mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis (2000), war ein Forscher, der gerne alle möglichen Klangerzeuger vom Kleininstrument bis zum Alltagsgegenstand zum Einsatz brachte. Damit hinterfragte er nicht nur das gängige Instrumentarium der Musik, sondern auch deren herkömmliche Formen. Und TAM-Begründer Piet Therre und sein Ensemble folgten ihm – bis in jeden erdenklichen Klangraum.
Soundtrack für einen unruhigen Schlaf
Wer durch den Fundus des TAM streift, findet darin für ein Musiktheater Übliches: Saiteninstrumente, Perkussionsinstrumente jeglicher Art, Bandoneons, neben Klavieren auch ein Harmonium und eine elektronische Orgel. Aber eben auch das: Akkuschrauber und Armschellen, Eisenrohre und eine Feuerwehrhandsirene, Occarinas und Peitschen, Schiffsglocken und eine Zinkbadewanne. Eine Zinkbadewanne? Die kann man zum Beispiel über den Boden schleifen, was ein nervenaufreibend lautes Kratzgeräusch erzeugt. 2017 hatte das TAM Kagels Stück »Spielplan« herausgebracht, in dem es quietschte, tropfte, schwang und vibrierte. Denn darin kam auch das »Instrument« Wassertrommler zum Einsatz, das Therre und seine Mitstreiter*innen kurzerhand nach den Vorgaben Kagels selbst bauten, weil es in einem Musikgeschäft ohnehin nicht zu finden war.
In der oberen Etage des quaderförmigen Glaskastens im TAM lässt sich theoretisch noch immer Wasser einfüllen, das über mehrere Rohre in die untere Etage gelangen kann. Rinnsale, Tropfen oder Strahlgüsse treffen unten auf Papp- und Plastikschachteln, Blechdosen und andere Gegenstände mit jeweils ganz eigenem Klang. »Nachts« heißt die Passage für den Wassertrommler, sie könnte der Soundtrack für einen unruhigen Schlaf in einer Regennacht sein.
»Das Theater am Marienplatz hat sich seit seiner Gründung (…) in kontinuierlicher Arbeit auf wenig bekannte sowie zeitgenössische Werke spezialisiert«, heißt es eher lapidar auf der spartanischen Website des TAM. Gespielt würden in erster Linie Literaten und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Nach wie vor ist Kagel einer der meistgespielten Komponisten. Gefolgt vom Schweizer Komponisten Urs Peter Schneider, der gerne auch schon mal aus Bern ins für ihn ferne Fischeln reiste, um eigene Werke aufzuführen. Dazu stehen mit John Cage, Samuel Beckett, Kurt Schwitters oder H. C. Artmann weitere Komponisten und Autoren der Avantgarde auf dem Programm. Kein Stadttheater könnte damit genügend Abonnements verkaufen, kein anderes Privattheater ökonomisch erfolgreich sein – aber Erfolg im herkömmlichen Sinne ist im TAM bedeutungslos.
Therre und Kagel waren sich 1971 zum ersten Mal begegnet. Beim Wuppertaler Festival »Urbs« zeigte die Krefelder Gruppe Kagels »Pas de cinq« – eine Inszenierung, die den Komponisten damals sehr beeindruckt habe, wie sich Therre erinnert. Bis zu seinem Lebensende 2008 blieb Kagel dem TAM eng verbunden. Dass das TAM-Ensemble in Paris gastierte, in Berlin, Zürich, Amsterdam oder Venedig, Wien, Tel Aviv oder Bogota hatte es auch ihm zu verdanken. Doch während Therres Truppe in der ganzen Welt auftrat, blieb es in Krefeld weitgehend unbekannt.
Professionelle Laiengruppe
Im September 1976 hatte die Stadt die ehemalige Volksschule am Fischelner Marienplatz Pit Therre mietfrei überlassen. Der gelernte Kirchenmusiker und Musikschullehrer, Jahrgang 1939, bekam mit seinem Ensemble einmal im Jahr einen Betrag in bescheidener fünfstelliger Höhe aus der Stadtkasse dazu. Seitdem agiert das TAM weitgehend unabhängig – auch wenn die Nebenkosten des Gebäudes viel von diesem Geld wieder auffressen.
Das Ensemble selbst produziert im TAM keine Kosten. Mögen auch darunter einzelne studierte Musiker*innen sein, es bleibt – vor allem darstellerisch – eine Amateurtruppe, die Kagel allerdings als eine »Laiengruppe von höchster Professionalität« bezeichnete, die »imstande wäre, jedes Nicht-Laien-Theater das Fürchten zu lehren«. Herkömmliches Rollenspiel und die entsprechende Literatur dazu gibt es im TAM-Repertoire so gut wie nicht. Im Fokus stehen vielmehr die Sprache, die zum Klang wird, und Geräusche, die den Raum der Musik erweitern – sie brauchen die präzise Ausführung, nicht eine illusionistische oder psychologisierende Darstellung. »Mit professionellen Schauspielern hätte ich all das gar nicht machen können«, sagt Therre. Kagel habe seine Arbeitsweise im TAM als »strenge Anarchie« bezeichnet.
Soloprogramm mit Satie
Manchmal sind mit diesem avantgardistischen Programm die 50 Plätze des TAM gefüllt, manchmal verlaufen sich weniger Besucher*innen, als Akteure auf der Bühne stehen. Präsentiert werden die Inszenierungen als Monatsprogramme immer von September bis Mai, die Aufführungen finden freitags statt – als Nachtprogramm um 22 Uhr. Zugeständnisse ans Publikum waren halt nie nötig. Aber der Eintritt ist frei. Wer will, kann einen Obolus in einen Klingelbeutel werfen.
Im Februar 2026 haben Therre und seine Mitstreiter*innen noch einmal Gerhard Rühm zumindest aus der Ferne mit einem Programm zum 96. Geburtstag gratuliert. Der Pionier der konkreten Poesie, der wieder in seiner Geburtsstadt Wien lebt, hatte in seiner Zeit als Wahl-Kölner im TAM einige runde Geburtstage nachgefeiert. Kagel beging hier seinen 60., 70. und 75. Geburtstag. »Ein Blick in die Programme (…) des TAM ist zugleich ein Eintauchen in die Vielfalt der Moderne.« So hatte es Kagel einmal beschrieben, das Haus sei immer für besondere Entdeckungen gut. Die Intensität der Programme hat aber in letzter Zeit etwas nachgelassen. Das ist wohl auch Therres Alter geschuldet – er wird 87. In seinem 50. Jahr geht es im TAM also nicht mehr ganz so streng zu. Therre lässt öfter einmal »improvisieren«, steht im April aber in einem Soloprogramm mit Musik und Texten von Erik Satie dann selbst auf der Bühne. Im Jubiläumsmonat September soll es noch einmal viel Tamtam geben, auch im wörtlichen Sinne. Ein asiatisches Tamtam, eine Art Gong ohne Buckel und mit erheblichem Durchmesser, hat Therre für bereits angeschafft. Man kennt sein bedeutungsschwangeres Dröhnen aus Wagners »Götterdämmerung«.






