Mit der Kulturraffinerie K714 in Monheim wird eines der zurzeit spektakulärsten Kulturbauprojekte der Republik eröffnet. Im Zentrum des dreiteiligen Gebäudeensembles steht eine einstige Fassabfüllhalle des Shell-Konzerns aus dem Jahr 1913, die Bez+Kock Architekten in einen multifunktionalen Veranstaltungsort verwandelt haben – für Firmenveranstaltungen über Konzerte bis zum aufwändigen Opernevent.
Es zieht, und das nicht zu knapp. Wir stehen auf der Dachterrasse des sogenannten Nordkubus, direkt am Rhein, und gucken auf Kilometerstein 714 am gegenüberliegenden Ufer. Der ist sozusagen der Namensgeber für die Kulturraffinerie K714 in Monheim, eines der aktuell spektakulärsten Kulturbauprojekte der Republik. In wenigen Wochen wird es mit einem Gastspiel des Amsterdamer Concertgebouw eröffnet, und dann soll auch die schicke Rooftop-Bar auf dem Dach des viergeschossigen Neubauwürfels fertig sein. Deshalb stehen wir jetzt bei herrlichstem Sommerwetter hier oben, aber der Wind pfeift uns ganz schön um die Ohren. Martin Witkowski lächelt: Er kennt das Problem – und die Lösung. »Als das noch im Rohbau war, war ich an einem sonnigen Tag wie heute hier oben. Da stand mir der Wind auch mal kurz so richtig im Gesicht, und ich habe mich gefragt, wie ich das wohl fände, wenn ich als Gast hier sitzen würde. So bin ich auf die Idee mit der Einhausung gekommen«, sagt der Ideengeber, Intendant und Bauherr der Kulturraffinerie.
Die rund 120 Quadratmeter große Terrasse ist nämlich nicht nur von einem gläsernen Geländer umrahmt, so dass man den malerischen Rheinbogen und die dahinter liegende Landschaft von überall gut sehen kann: Im Boden eingelassen ist zudem eine Metallschiene, auf der meterhohe gläserne Lamellen rund um den Balkon gezogen werden können, als Windschutz. Werden sie nicht gebraucht, verschwinden sie hinter einer unauffälligen, schmalen Tür in der Wand. Damit steht die Terrasse exemplarisch für das, was einem in der Kulturraffinerie auf Schritt und Tritt begegnet: Da hat sich jemand intensiv Gedanken gemacht hat, bevor (!) ein Theater, Konzertsaal und Veranstaltungszentrum gebaut wird.

Das K714 ist eine Multifunktionshalle, aber im bestmöglichen Sinne und mit dem Charme eines Industriedenkmals. Im Zentrum des dreiteiligen Gebäudeensemble steht die einstige Fassabfüllhalle des Shell-Konzerns aus dem Jahr 1913. In sie wurde ein gut 20 Meter hoher Bühnenturm eingebaut, der mit seiner roten Klinkerfassade rein optisch wie ein natürlicher Bestandteil des über 100 Jahre alten Originalbaus wirkt. Vom Rhein aus gesehen rechts schließt der neugebaute Südkubus an, mit Technik-, Garderoben- und Veranstaltungsräumen sowie einem kleinen Saal. Links neben der großen Halle steht der ebenfalls neu gebaute, viergeschossige Nordkubus mit Gastronomieküche, großzügigen Büroräumen und auf dem Dach eben jene Rooftop-Bar. Alle drei Gebäudeteile haben eine rote Klinkerfassade, und nur bei genauestem Hinsehen fällt auf, dass die Steine selbst wie die architektonischen Entwürfe aus verschiedenen Jahrhunderten stammen.
Das hat das verantwortliche Büro Bez+Kok wirklich gut hinbekommen – und nicht nur das, wie Martin Witkowski im weiteren Verlauf des Rundgangs mehrfach stolz demonstriert. »Ich zeige Ihnen hier mal, was für ein Maß der Perfektion wir bei der Wiederherstellung dieser Betonsäulen an den Tag gelegt haben«, sagt er. Die seien über Jahrzehnte immer wieder neu gestrichen worden. In einem aufwändigen Verfahren wurden sie mit ganz feinem Granulat und Wasserstrahl von Lackschichten befreit. »Jetzt kann man sogar die Maserung der alten Schalungsbretter von vor über 100 Jahren erkennen. Ganz normale Besucher*innen sagen vielleicht: ‚Ach, das ist ja interessant‘. Aber für Fachleute ist das ein absolutes Highlight, weil man hier die über 100-jährige Geschichte von Eisen und Beton erzählen kann«, so Witkowski.
Die Kulturraffinerie quillt nahezu über von derlei durchdachten Kombinationen aus Alt und Neu. Gleich im Eingang guckt man durch eine große runde Fensterscheibe ins Gebäude und auf die historische Glasdachkonstruktion; davor ist ein mehrstufiger Tritt installiert, damit auch die kleinsten Besucher*innen gut sehen können. Im anschließenden Foyer befinden sich in mehreren Nischen verschieden große Garderoben und Bars, die je nach Zahl der Besucher*innen geöffnet werden können. Dann zeigt Martin Witkowski auf drei unauffällige Hussen, die einen zentralen Faktor der künftigen Erlebnisqualität jetzt noch vor dem Staub der letzten Bauphase schützen: Ein-, zwei- und dreisitzige Stuhlelemente wie man sie aus Theater oder Kino kennt, mit einer Sitzfläche zum Hochklappen. Der Clou: Sie lassen sich rollen und mit einem einfachen Pedaltritt so arretieren als wären sie fest im Boden verschraubt, sind also je nach Raumerfordernis kombinierbar. Witkowski: »So müssen wir keine großen Stuhlstapel hin und her fahren und immer neu verketteln, sondern sind flexibel. Und die Stoffbezüge changieren farblich je nach Lichteinfall, denn so chamäleonhaft wie das Gebäude ist, so chamäleonhaft sollte in meiner Vorstellung die Polsterung sein; schall- und akustiktechnisch kann das natürlich ebenso was. Da haben wir uns viele Gedanken gemacht, was die perfekte Lösung ist.«
Variable Spielstätten
Die Kapazität der Kulturraffinerie reicht von nominell 491 Sitzplätzen bis zu 4800 Stehplätzen, wenn man aus dem großen Saal alles herausräumt. Weil der Hallenboden in weiten Teilen modular versenkbar ist, kann man variabel absteigende Zuschauerreihen schaffen oder auch einen Orchestergraben für Opernaufführungen. Die spezielle Konstruktion des Bühnenturms macht auch den Einbau riesiger Opernkulissen möglich, ganz ohne den raumgreifenden Schnürboden klassischer Musiktheater. Die Kulturraffinerie wird auch die Exil-Spielstätte des Kyiv Symphony Orchestra mit seinen etwa 70 Musiker*innen. Das international renommierte Ensemble hat nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 nicht nur in Monheim Schutz gefunden, sondern spielt auch regelmäßig Konzerte in der Stadt; allein bis Ende des Jahres ist ein knappes Dutzend Auftritte geplant. Für die 45.000-Einwohner-Stadt am Rhein sind Orchester wie dieser Ort ein ungewöhnlich großer kultureller Schatz.
So variabel wie die Kulturraffinerie räumlich ist, so vielfältig haben Intendant Witkowski und sein dreiköpfiges Dramaturg*innen-Team auch das Programm geplant. Auf das Auftaktwochenende mit dem weltberühmten Concertgebouw Orchester aus Amsterdam, Promenadenfest und Feuerwerk folgt ein abwechslungsreiches Programm: Oper, Klassik, Kinder- und Marionettentheater stehen in den nächsten Wochen ebenso auf dem Spielplan wie Auftritte von Emmylou Harris und Nigel Kennedy, Negah Amiri und Thorsten Sträter, Götz Alsmann und die Queen Revival Band. Dazwischen finden die ersten deutschen Bobby-Car- und die Deutschen Hip-Hop-Meisterschaften statt. Außerdem liegen nach Witkowskis Worten zahlreiche Buchungen für Messen, Kongresse und Events vor.
Dieser Mix mag manchen beliebig erscheinen, aber der in Siegen geborene Kulturmanager, der schon Orchesterdirektor in Weimar und dann fast zwei Jahrzehnte Betriebsdirekter der Düsseldorfer Tonhalle war, hält den Wunsch nach einem eindeutigen künstlerischen Profil für nachrangig.
»Ich glaube, es wäre ein Erfolg, wenn es gelingt, einen Ort zu schaffen, den viele verschiedene gesellschaftliche Schichten, Bildungshintergründe und Nationen als ihren Ort verstehen.«
Martin Witkowski, Intendant der Kulturraffinerie K714
Er wisse nicht, ob das funktioniere – aber das sei sein Ziel, so Witkowski. »Weil Stadtgesellschaft so unterschiedlich ist und sich so stark verändert, dass so ein für Dekaden gebautes Haus das erfüllen können muss.«
Das erwarten nicht zuletzt die Bürger*innen Monheims und im Besonderen die örtliche Politik. Trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage mit stark gesunkenen Gewerbesteuereinnahmen und veränderten politischen Mehrheiten nach der jüngsten Kommunalwahl erfahre er aus dem Rathaus weiter Rückhalt, sagt Martin Witkowski. Wenn die Kulturraffinerie in diesem Herbst mit zwei Jahren Verzögerung eröffnet, wird sie rund 166 Millionen Euro gekostet haben. Aus dem künftigen jährlichen Zuschuss der Stadt in Höhe von 16 Millionen Euro gehen zunächst 10 Millionen für die Tilgung des Baukredits ab; über die verbleibenden sechs Millionen Euro hinaus rechnet Witkowski mit nochmal zwei bis vier Millionen jährlich durch Ticket- und Vermietungseinahmen. Im Moment sei die Nachfrage riesig, zahlreiche Firmen und Akteur*innen der Kulturellen Bildung hätten weiteres Interesse angemeldet.
Nach acht aufreibenden Jahren hofft Martin Witkowski jetzt auf eine erfolgreiche erste Spielzeit »seiner« Kulturraffinerie – und vermutlich genauso sehr auf seinen ersten Urlaub seit 2023, der im Herbst ansteht. Wobei er auch dann immer erreichbar sein wird: Das K714 ist auf den Mann angewiesen, der weiß, was zu tun ist, wenn’s irgendwo zieht.
2. BIS 6. SEPTEMBER
ERÖFFNUNGSWOCHE MIT KULTURPROMENADE






