Mit »Droste Welten« startet das Center for Literature eine neue Dauerausstellung. Auf Burg Hülshoff in Havixbeck, im Rüschhaus in Münster-Nienberge und dazwischen auf dem sieben Kilometer langen Lyrikweg sollen Literatur und Leben von Annette von Droste-Hülshoff erlebbar gemacht werden. Dafür setzen sich auch zeitgenössische Künstler*innen mit der Dichterin neu auseinander. Los geht’s am 1. Juli im Rüschhaus.
Wer zur Burg Hülshoff in Havixbeck kommt, durchquert zunächst einen gepflegten Landschaftspark. Vogelgezwitscher, vielleicht einen Rasenmäher, Touristen-Talk, viel mehr hört man selten, wenn es über die Brücke zum schicken Herrenhaus der Renaissanceanlage geht. Innen waren es dann bisher vor allem die knarzenden Holzdielen, die hörbaren Eindruck hinterließen. Und sichtbar waren übervolle Räume, die das Leben im Biedermeier spiegelten. Schwere, edle Holzmöbel, plüschige Federkern-Sofas, Stofftapeten und viele Gemälde der Familie Droste zu Hülshoff. Das westfälische Adelsgeschlecht war 1417 in die Burg gezogen. Ihre berühmteste Bewohnerin, Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), wurde hier geboren. Das kulturelle Erbe wiegt schwer an diesem Ort, bedeutet aber Verantwortung und Freude gleichermaßen.
Jörg Albrecht, seit 2018 Gründungsdirektor und Künstlerischer Leiter von Burg Hülshoff – Center for Literature (CfL), und Jenny Bohn, Programmleiterin und stellvertretende Künstlerische Leiterin, haben jetzt eine neue, große Dauerausstellung kuratiert. Die »Droste Welten« soll nicht nur die Räume auf Burg Hülshoff verändern, sondern ebenso die im sieben Kilometer entfernten Rüschhaus in Münster-Nienberge, wo Annette von Droste-Hülshoff von 1826 bis 1846 lebte – 20 Jahre, in denen ihre wichtigsten Werke entstanden.

Die neue Ausstellung will weg von Räumen, in denen Möbel und Dinge ausgestellt werden wie in einem Heimatmuseum. Sie will Erlebnisse schaffen. Das führt die bisherige Arbeit des Center for Literature, dem Programmbetrieb der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung, konsequent weiter, das Literatur immer wieder auch zur Diskussion stellt. Und das verspricht auch der so aussichtsvoll klingende Titel: »Droste Welten«. Der erinnere nicht umsonst an Freizeitparks oder Schwimmlandschaften, erklärt Jenny Bohn. Und Jörg Albrecht ergänzt: »Es ist ein Titel, so offen und weit wie möglich, so dass sich die Menschen in diese Welten begeben können«.
»Diese Welten«, das sind die Welten der Droste, ihre Lebenswelt, ihre Biografie, die Bedingungen, unter denen sie (als Frau) gelebt und gearbeitet hat. Verbunden mit den Welten, die sie in ihrer Literatur geschaffen hat. Die Räume bekommen nun weiße Wände, »White Cubes« sollen sie deshalb aber noch lange nicht werden. Beide Häuser sind denkmalgeschützt, unter den entsprechenden Bedingungen hätten sie mit konstruktiver Hilfe der Denkmalpflege aber meist sogar die bessere, schärfere Variante für die Umsetzungen ihrer Ideen gefunden. Historisches Mobiliar und persönliche Gegenstände bleiben weiterhin Bestandteil der Ausstellung. Außerdem Drostes Exponate aus Kunst und Naturwissenschaft. Denn Droste war eine Sammlerin, sie hortete Kupferstiche ebenso wie Fossilien, ihr Vater Holzarten, ihr Neffe Vogeleier. Auch die werden zukünftig in den »Wunderkammern« auf der Burg zu sehen sein. Als Frau eine Kunstsammlung zu haben, war damals ungewöhnlich – auch solche Themen bespricht die Ausstellung. »Das zu zeigen und zu kontextualisieren, ist uns wichtig«, sagt Albrecht.
Droste war mehr als eine Regionaldichterin, auch das erzählt die Ausstellung. »In ihren Sammlungen spiegelt sich auch das Große im Kleinen, wie sich die Welt entwickelt hat«, erklärt Bohn. Dass Droste auch in der Sprache sammelte, zeigen Texte, in denen sie lateinische Pflanzenbeschreibungen in Fußnoten formuliert. »Da kontextualisiert sie ihre Texte gleich selbst«, erzählt Albrecht. Selbstverständlich werden auch Drostes Texte ausgestellt, aber nicht einfach in Vitrinen wie sonst meist üblich in Literaturmuseen. Es wird ihre Gedichte und Werke auch zum Mitnehmen geben, in jedem Raum ein Faltzettel, der sich am Ende zum Droste-Booklet zusammenbinden lässt.
Literatur soll leichter zugänglich werden, auch das ist ein Anliegen der Ausstellung und immer schon des CfL. Für die einzelnen Räume gibt es Einführungstexte von Autor*innen wie Mithu Sanyal, die in Writer’s-Room-Sessions entstanden sind. Sie nehmen die Besucher*innen mit auf eine atmosphärische Reise durch Drostes Biografie. Ihre Geschichte wird hier lebendig und erlebnisorientiert im Präsens erzählt, zu hören ist sie über Audio-Guides bzw. vermittelt in Gebärdensprache-Guides. Außerdem wird es kurze Zusammenfassungen der Droste-Texte geben. Wer mag, kann sich kurz erklären lassen, worum es im jeweiligen Werk geht und kann sich dann voll und ganz auf die Sprache und auf die Qualität der Literatur konzentrieren.
Und dann sind da noch die künstlerischen Installationen. In eigenen Werken setzen sich Künstler*innen der Gegenwart mit dem historischen Material auseinander. Die Schriftstellerin Dorothee Elmiger zum Beispiel folgt Motiven aus Drostes Novelle »Die Judenbuche« und versammelt in ihrer Installation kurze Textstücke in Drostes Handschrift. Es sind Fragmente, in denen Figuren, Eigenschaften und Handlungselemente sichtbar werden sollen. Oder es gibt diese Kommode, kreativ bestückt von Annette von Droste-Hülshoff und ihrer Schwester. Aus Modejournalen hatten sie Bilder ausgeschnitten und in die Innenseiten der Kommode geklebt. Sie steht nun zukünftig im ehemaligen Speisezimmer in der Burg. Brigitte Dunkel und Nora Hansen versehen sie mit einem Spiegel. Max Czollek entwickelt eine interaktive Station zur »Judenbuche«. Und eine Videoarbeit von Tanasgol Sabbagh, Nazanin Noori und Etritanë Emini setzt sich mit rechter Gewalt nach 1945 auseinander. So führt die historische Perspektive immer auch ins Heute.

Gestartet wird am 1. Juli im Rüschhaus. Während die Räume in der Burg über Drostes Leben und die Umschwünge dieser Zeit erzählen werden, soll es im Rüschhaus um Drostes Schreiben und weibliche Produktivität gehen. Hier fragt die Ausstellung, was es bedeutete, als Frau im 19. Jahrhundert zu schreiben: unter den Erwartungen der Familie, den Regeln des Literaturbetriebs und den Grenzen, die Geschlecht und Stand zogen. Zu sehen und zu lesen sind Handschriften, Bücher und persönliche Gegenstände – darunter auch erstmals ausgestellte Stücke wie das »Fuchsige Buch«, das Droste auf Reisen begleitete. Und sie geht auch der Beziehung von ihr und ihrer Amme Katharina Plettendorf nach – sie hat zehn Jahre lang im Droste-Trakt des Hauses gelebt, war Spinnerin und Weberin und hatte auch ihre eigene Familie. Die Künstlerinnen Katrin Mayer und Jenni Tischer entwickeln dazu eine Installation.
Draußen können Besucher*innen in einem Mitmach-Garten selbst pflanzen und ernten – und der historischen Tradition des historischen Nutzgartens folgen. Oder wie Droste die Natur genießen. Denn zwischen den Häusern liegt vor allem Landschaft – Wiesen und Felder auf sieben Kilometern. Droste ging diesen Weg hundertfach. Ihr folgen kann man auf dem Lyrikweg. An 21 Themen-Stationen wird hier ihr Schreiben im Spannungsfeld von Literatur, Natur und Kultur betrachtet. »Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder ins Klima eingeübt, qualifiziere mich täglich mehr zur Schnelläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze alle außer Atem, die Schritt mit mir halten müssen«, schrieb Droste 1842 in einem Brief. Das ist doch eine motivierende Einladung zum Wandel(n) in der Droste-Landschaft!
»DROSTE WELTEN«: AB 1. JULI IM RÜSCHHAUS
ERÖFFNUNGSTAGE MIT RUNDGÄNGEN, WORKSHOPS,
LIVE-PODCASTS, LESUNGEN UND PERFORMANCES






