Diesmal mit den Fotografen Jürgen Spiler und Thomas Strenge, die vor 50 Jahren das Leben von griechischen Gastarbeitern dokumentierten.
…ist dass unsere Fotos nach so langer Zeit wieder ausgestellt sind. Es ist wirklich interessant, sie jetzt zu betrachten und festzustellen, dass ein Stück Zeitgeschichte in ihnen steckt. Auch auf ganz persönlicher Ebene. Man denkt: Ach, sowas hast du erlebt? Das ist ein ganz ambivalentes Gefühl: Einerseits ist das verrückt, wie wir ausgesehen und uns gekleidet haben. Andererseits wirken die Fotos ganz frisch, sind uns ganz nah. Ende Oktober 2025 haben wir angefangen, die Fotos noch einmal zu sichten und am Rechner zu bearbeiten. Immer mehr sind wir dabei wieder in diese Zeit eingetaucht. Uns ist aufgefallen, dass wir damals schon darauf fokussiert waren, eine Bildsprache zu entwickeln, Fotos herzustellen, die von sich aus erzählen – im Gegensatz zu rein journalistischer Fotografie, die oft nur dadurch funktioniert, dass eine Bildunterschrift darunter ist.
Für uns war ganz selbstverständlich, bei diesem Projekt nicht hierarchisch zu denken, nach dem Motto »Wir machen die Bilder und das sind nur die Objekte«. Heute würde man vielleicht eine Blitzanlage hinstellen, dafür sorgen, dass die Fotos »toll aussehen«. Aber wir sind richtig ein Teil der Community geworden, haben viel Zeit verbracht, die Situation beobachtet, abgewartet, und erst irgendwann später die Kameras herausgeholt. Wir haben nicht formal-ästhetisch gearbeitet – die Bilder sollten etwas erzählen.
Kleine Kameras für die Kinder
Diese Entspanntheit, dass Zeit keine Rolle spielte, die verliert man irgendwann. Umso älter man wird, umso geiziger wird man mit der Zeit. Das war wirklich verrückt: Wir saßen da auf der Bank am Spielplatz, schauten den Kindern zu, holten irgendwann die Kameras raus, gingen in die Hocke und teilten die Freude mit den Kindern, mit denen wir auch ein stückweit gelebt haben. Erst mit den Kindern, dann mit den Familien. Wir haben damals 15 Ausstellungstafeln hergestellt und die ersten sieben waren den Kindern und Jugendlichen gewidmet.
Wir waren ja angetreten mit dem Auftrag, über das Leben der Griechen in Dortmund zu berichten – und fanden es gut, wenn sie das auch selbst machen konnten oder wollten. Wir haben ihnen also kleinen Kameras in die Hand gegeben und waren damals schon überrascht, dass da gute, vorzeigbare Fotos herausgekommen sind. Das war von uns nicht visionär gedacht, sondern ganz selbstverständlich so eingesetzt. Wir wollten nochmal intensiver in die Community und die Familien reingehen, unmittelbarere und direktere Bilder bekommen. Eine ganze Reihe von Fotos sind dabei auf einer Kirmes entstanden und da sieht man, dass sie mit den Kameras auch kommuniziert haben – oder provoziert. Dadurch entstanden wunderbare Blickkontakte, die sie selbst eingefangen haben. Das hätten wir gar nicht machen können. Deswegen haben wir damals die Ausstellung so gewichtet: Erst die Jugendlichen, dann wir. Welch ein Glück, dass die Negative wieder aufgetaucht sind! Wir haben sie wochenlang gesucht. Wir haben natürlich ein Archiv, aber da sind sie tatsächlich einfach in eine Schrankritze gerutscht.
Wir haben viele Ausstellungseröffnungen erlebt, aber noch nie eine so emotionale wie diese. Viele Menschen, die wir damals fotografiert haben leben noch. Sie standen vor den Bildern und es liefen die Tränen.
Wir haben damals alles selbst gemacht: Die Fotos selbst belichtet, die Ausstellungstafeln hergestellt. Drei Tage vor Abgabe haben wir praktisch durchgearbeitet und sind dann übermüdet nach Norddeutschland gefahren. Den Trubel um die Ausstellungseröffnung haben wir gar nicht mehr so richtig mitbekommen – nur dass sie nicht mehr im offiziellen Programm gezeigt wurde, sondern in einem Treppenhaus beim Kirchenkreis. Später wurden die Tafeln – kontrovers diskutiert – nochmal in der Stadtsparkasse präsentiert und die Presse schrieb: »Die Fotografen wollen sich der Situation nicht stellen.« Aber wir sind gar nicht eingeladen worden. Danach haben wir uns gleich in das nächste Projekt gestürzt und die Fotogalerie Lichtblick in Dortmund gegründet. Die Ausstellung landete in einer Garage und es war wirklich ein Zufall, dass wir sie vor zehn Jahren aufgrund einer Idee der Hoesch-Museumsleiterin Isolde Parussel wiederentdeckt haben.
Aufgezeichnet von Max Florian Kühlem.

1976 waren Jürgen Spiler und Thomas Strenge in das Leben der griechischen Gastarbeiter und ihrer Kinder in Dortmund eingetaucht. Ihre Ausstellung zeigte allerdings ein so ungeschöntes Bild, dass die Stadtoberen sie damals zu trostlos fanden und aus dem offiziellen Programm der Auslandskulturtage strichen. Heute feiern die Bilder ein viel beachtetes Comeback im Dortmunder Hoesch-Museum.
Name: Jürgen Spiler
Alter: 70
Beruf: Fotograf
Wohnort: Dortmund
Name: Thomas Strenge
Alter: 74
Beruf: Foto-Designer
Wohnort: Dortmund
»WIE’S INNEN AUSSIEHT, GEHT NIEMAND WAS AN…
– DORTMUNDER GRIECHEN 1976«
BIS 28. JUNI, HOESCH-MUSEM, DORTMUND





